Abwehrmechanismen.

Abwehrmechanismus ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, der jedoch auch von anderen Richtungen der Psychologie benutzt wird. Als Abwehrmechanismus wird der Umgang mit schwierigen Gefühlen oder Situationen bezeichnet.  Es werden reife und unreife Abwehrmechanismen unterschieden – wie bereits erwähnt, gehen Borderline-Patient*innen unreif mit Konflikten um. Sie haben nicht die Fähigkeit, bei sich und anderen „gute“ und „böse“ Anteile zu integrieren. Sie spalten, das heißt, dass es für sie entweder nur gut oder nur böse gibt. Die Spaltung stellt den Hauptabwehrmechanismus dar. Sie dient der Angstreduzierung, denn so kann der „gute Bereich“ nicht vom „schlechten Bereich“ verunreinigt werden. Die Verhältnisse sind somit klarer und es gibt keine Irritationen. Doch um alle Menschen in die eine oder die andere Schublade stecken zu können, werden Hilfsmechanismen benötigt, die es ermöglichen selbst dann die Spaltung aufrecht zu erhalten, wenn äußere Bedingungen es unmöglich erscheinen lassen. Diese sind zum Beispiel primitive Idealisierung, Verleugnung, Entwertung, projektive Identifizierung und Omnipotenz. 

Idealisierung ist ein normaler Bestandteil der Entwicklung. Frühe Idealisierung kann aber zu Abwehrzwecken fortbestehen und zu einem unerlässlichen Hilfsmittel der Spaltung werden. Unter primitiver Idealisierung versteht man, dass ein anderer Mensch als total gut, vollkommen, allmächtig, unerschöpflich erlebt wird. Verkannt wird die Unvollkommenheit und Begrenzung der idealisierten Person.

Die primitive Idealisierung ist kein wirkliches Interesse an diesem Menschen, sondern ein Schutzmechanismus, und zwar dient dieser idealisierte Mensch dazu, einen gegen eine böse Umwelt zu schützen. Auch wird dieser sogenannte gute Mensch gegen jede Angriffe von außen verteidigt. Andererseits muss man die eigenen Aggressionen gegen diesen Menschen nach außen projizieren, um die Idealisierung aufrechtzuerhalten, um so an seiner phantasierten Allmacht teilhaben zu können. Mit zunehmender Reifung können sowohl die guten als auch die bösen Eigenschaften an dieser Person wahrgenommen werden. Mit der Wahrnehmung der bösen Eigenschaften ist Trauer verbunden, dass dieser Mensch eben auch nur ein Mensch ist. Zugleich tritt Ambivalenz auf, dass man diesen Menschen lieben und hassen kann. Schuldgefühle werden spürbar, da man die bösen Seiten dieses Menschen ablehnt. Die Trauer, Ambivalenz und Schuldgefühle müssen ausgehalten und verarbeitet werden, und erst dadurch wird man wirklich beziehungsfähig, so dass man sich in den anderen einfühlen kann und auch realisiert, dass er eigene Bedürfnisse hat. So wird das Bedürfnis nach einem allmächtigen Gegenüber abgelöst durch realistische Einschätzung der eigenen autonomen Möglichkeiten, was eine Entwertung zur Folge hat.

Projektive Identifizierung beschreibt den Zustand, wenn jemand ein starkes Gefühl in einem selbst auslöst. Man fühlt sich schuldig, hilflos, ohnmächtig oder wütend, innerseelische Anteile, meist aggressive, werden aus der eigenen Psyche ausgelagert und auf eine andere Persson übertragen. Die andere Person wird mit diesem Anteil identifiziert und mittels Interaktion dazu gebracht, auch so zu empfinden – durch Streit oder ähnliches – weil sie dieses Gefühl erst in einem ausgelöst hat. Es entsteht bei dem/der Borderline-Patient*in ein Gefühl der Verschmelzung mit der Person, auf die sich die projektive Identifizierung bezieht. Auf diese Weise wird versucht, die verleugneten und zurückgewiesenen Anteile des Selbst in anderen aufzubewahren und sie so zu kontrollieren. Mit Hilfe der Verleugnung werden eigentlich bekannte Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle ausgeblendet. Sie sind zum tatsächlichen Zeitpunkt der Verleugnung nicht abrufbar, ebenso nicht die damit verbundenen Ereignisse, auch dann nicht wenn sie mit unstrittigen äußeren Realitäten konfrontiert werden, diese werden vehement verleugnet.

Omnipotenz bedeutet, dass Borderline-Patient*innen sich allmächtig und allen anderen überlegen fühlen – es ist die innere Befindlichkeit, die Entwertung motiviert. Sie ziehen sich zurück in eine Welt von Größenwahn, dadurch wird eine scheinbare Unabhängigkeit von der Umgebung und vor allem von als bedrohlich empfundenen Menschen fantasiert. Sie stabilisieren dadurch ihren Selbstwert und schützen sich vor Kränkung und Verlassenwerden, das Ziel des Ganzen ist die Maximierung der Autonomie.  

Wurzeln meiner Wut.

(Triggerwarnung: Gewalt/Misshandlung)

Meistens nahm sie die Füße.

Für mich war das ein großer Nachteil, denn ihre Beine hatten eine für mich beinahe unmenschliche Kraft und anders als bei einer Ohrfeige konnte ich nur schwerlich ausweichen. Für sie war es praktisch, weil ich für mein Alter klein und schmächtig war – sie musste sich nicht einmal bücken. So konnte sie mit voller Wucht zutreten, immer und immer wieder, ohne dass ihr die Beine schwer wurden. Sie zielte nicht, es war ihr egal, wohin die Tritte gingen, und da ich mich nicht vollständig schützen konnte, traf es meist meinen Rücken und meine Schienbeine. Dass sie die Füße nahm lag aber vor allem daran, dass ich spätestens nach dem zweiten Schlag zu Boden ging. Nicht wegen der Wucht ihrer Schläge – die konnte ich ertragen, ihre Tritte aber nicht, weil deren Schmerz so unberechenbar war. Es war die Angst, die mich in die Knie zwang, ein übermächtiger Reflex, gegen den ich nichts tun konnte. Diese Angst schien sie zu beflügeln. Sie machte sie noch wütender, wenn sie merkte, dass ich versuchte, ihren Schlägen auszuweichen. Ich hatte mich dem nicht zu entziehen – schließlich bestimmte sie, wann es vorbei war.

Also ging ich zu Boden, krümmte mich zusammen, versuchte verzweifelt, Bauch, Kopf und Hintern gleichzeitig zu schützen und pinkelte mich ein. Das machte sie rasend. Sie hasste es, wenn jemand die Kontrolle verlor und sie nicht die absolute Macht über jede Reaktion hatte. Weinen durfte ich auch nicht – dabei war es so vorhersehbar. Wenn man ein Kind schlägt, weint es. Aber das war für sie keine Entschuldigung. „Hör auf zu flennen, du Memme!“ brüllte sie und trat weiter. Jedes Mal, wenn ich mich einnässte – also eigentlich immer – schrie sie: „Du kleine Drecksau! Du sollst dich nicht immer einpissen!“ Ihre Worte wurden zu einem grausamen Takt, begleitet von den Tritten, die unbarmherzig auf meinen Körper prasselten. Wenn ich dabei auf dem Küchenteppich lag, trat sie so lange, bis ich auf dem Korkfußboden lag, damit ich nicht den Teppich ruinierte. Wenn sie fertig war, ließ sie mich einfach liegen. Dann stampfte sie weg, nur um wenige Augenblicke später zurückzukehren. Sie warf mir frische Kleidung vor die Füße und fauchte, ich solle mich gefälligst umziehen. Als wäre nichts gewesen. Als wäre ich nur eine lästige Aufgabe, die sie endlich erledigt hatte.

Solange ich zurückdenken kann, war meine Mutter meine Feindin. In ihrer Gegenwart war ich still, eingeschüchtert und ängstlich – das komplette Gegenteil dessen, wie ich mich in der Schule verhielt. Dort war ich laut, wild, prügelte mich oft und wurde regelmäßig aus dem Unterricht geworfen, weil ich ihn störte. Zu Hause war alles anders. Zu Hause war ich immer auf der Hut.

Ich war wachsam, versuchte ständig, aus ihrem Gesichtsausdruck oder der Art, wie sie mit jemandem sprach, ihre aktuelle Laune herauszulesen. Wenn sie sich im mittleren bis unteren Bereich ihrer Stimmungsskala befand, wagte ich es nicht, sie anzusprechen oder um etwas zu bitten – nicht einmal, wenn es nur ein neuer Klebestift für den Bastelunterricht war. Dann gab es keine Fragen, keine Wünsche. Stattdessen schlich ich auf Zehenspitzen durch die Tage, bemühte mich, jede Aufgabe, die sie mir auftrug, fehlerfrei zu erledigen, bloß nicht aufzufallen. In solchen Momenten war es sicherer, den Klebestift heimlich im Supermarkt zu klauen, als sie um Geld dafür zu bitten. An den seltenen Tagen, wenn ihre Laune sich im oberen Bereich bewegte, wurde ich manchmal mutig. Dann traute ich mich, beim Einkaufen nach einem Pudding zu fragen oder vorsichtig anzudeuten, dass ich fünf Mark für die Klassenkasse bräuchte. Es war ein riskantes Spiel, bei dem ich nie wusste, ob sie vielleicht doch umschwenken würde – von einem müden Lächeln zu einem lauten Schrei, von einem nachsichtigen Nicken zu einem Schlag. Grundsätzlich waren unsere Gespräche inhaltlich nicht besonders gehaltvoll. Wenn sie mich nicht gerade ignorierte, gab sie mir entweder Befehle, schimpfte oder sagte irgendetwas Gehässiges. Ich hörte ebenso oft, dass ich eine Memme oder Heulsuse bin, wie ich auch hörte nutzlos und hässlich zu sein, dass ich dumm bin und ein faules Aas oder eine dreckige Pottsau und es sowieso nie zu irgendwas bringen würde.

So lebte ich, immer in Habachtstellung, immer bereit, mich unsichtbar zu machen oder meine Wünsche zu verbergen. Denn alles konnte falsch sein. Selbst das Richtige. Als ich 15 war, versuchte sie plötzlich, meine Freundin zu sein – was dazu führte, dass unsere sowieso schon gestörte Beziehung zusätzlich geprägt wurde von unangemessenen, übergriffigen Situationen. Zum Beispiel als sie mich bat, Nacktfotos von ihr zu schießen oder wir am Silvesterabend zu zweit zu Hause waren und sie es sehr betrunken für eine lustige Idee hielt, bei einer Sexhotline anzurufen. Die Worte „übergriffig“ und „unangemessen“ werden im Kontext mit meiner Familie noch häufig fallen – wenn nicht geschrieben, dann zumindest gedanklich in euren Köpfen. Es gab ansonsten nicht viel in diesem Zuhause, was einen glücklich machen konnte. Eigentlich müsste ich sagen, es gab überhaupt nichts, aber diese Behauptung würde meiner Erfahrung widersprechen, dass ein Mensch immer etwas Erfreuliches findet, und wenn es nur der nächste Tag ist, den er erleben darf. Dort, wo ich aufwuchs, herrschte Gewalt und Tyrannei. Das gewaltfreie Erleben eines neuen Tages empfand ich ergo als etwas Besonderes.

Meine Mutter wirkte in vielerlei Hinsicht wie eine zutiefst verletzte und emotional dysregulierte Person. Ihre autoritäre Haltung spiegelte sich in ihrem Bedürfnis nach Kontrolle wieder, das sie durch strenge Regeln, emotionale Manipulation und Gewalt durchsetzte. Statt Geborgenheit und Sicherheit zu geben, agierte sie oft als antagonistische Figur, die Strafen verhing, wo Anerkennung angebracht gewesen wäre. Ihre Erziehungsmethoden basierten auf Kontrolle und Einschüchterung, anstatt auf Vertrauen und Unterstützung. Vor allem aber war meine Mutter unfähig, ihre eigenen Emotionen konstruktiv zu regulieren. Wir alle kennen ja den allgemein bekannten Konsens, dass „eine Ohrfeige noch nie jemandem geschadet hat“ und bei allen, die das sagen, bin ich mir sicher, dass es das eben doch hat. Sein Kind zu ohrfeigen, ist keine „verdiente Strafe“, sondern ein Ausdruck von Hilflosigkeit und mangelnder Kontrolle. Gewalt als Mittel zur Erziehung mag kurzfristig einen „Erfolg“ bringen, dass das Kind seine „Lektion gelernt hat“, ist aber langfristig problematisch für das Selbstwertgefühl des Kindes, weil es Gefühle von Angst, Scham und Unsicherheit durchlebt.

In unserer Geschichte gibt es zwei Wahrheiten: Die Wahrheit meiner Mutter und meine eigene. Für sie war ich ein unbändiger Wildfang, kaum zu bremsen. Ein Kind, das nur durch Gewalt diszipliniert werden konnte, ganz gleich ob ich fünf, acht oder 14 Jahre alt war. Für mich – und für die, die es wirklich sehen wollten – war ich ein stilles, zurückgezogenes Mädchen, das auf dem Fußboden saß und in Büchern Zuflucht suchte. Meine Mutter konnte oder wollte das nie sehen. Für sie war ich eine Projektionsfläche, auf die sie ihre eigenen unbewussten Traumata und Konflikte übertrug. Dass es zwei unterschiedliche Wahrheiten gibt, ist erst mal okay, denn es gab sowohl die eine als auch die andere Version von mir – jedoch ist die Wahrheit meiner Mutter fatal aus dem Kontext gerissen. Sie legitimiert Gewalt und Misshandlung an Kindern und dass ebenjene ein akzeptiertes Mittel ist, wenn das Kind anders nicht „in den Griff“ zu kriegen ist. Dass ich heute als impulsiv und manchmal etwas zu laut gelte, unterstreicht bei vielen die Anahme, dass ich als Kind auch laut, anstrengend und schwer zu bändigen gewesen sein muss. Manchmal finde ich mich in Gesprächen oder Diskussionen wieder, hauptsächlich mit Menschen, denen Themenfelder der Sozialen Arbeit noch fremder sind als mir. In den Gesprächen geht es dann zum Beispiel um Erziehungsmethoden oder wie aufmüpfig und frech manche Kinder zu ihren Eltern sind und ich dann frage, wie man als jeweiliger Erwachsener damit umgeht. Zumeist kommt als Antwort, ich wäre als Kind ja sicher auch nicht gerade „leicht zu händeln“ gewesen, hätte meinen Eltern „auf der Nase rum getanzt“ und wäre frech und schwierig gewesen – begründet wird diese Anahme dadurch, dass ich heute auch „frech“ und schwierig bin (ich finde es allerdings auch etwas wild, wenn Menschen erwachsene Frauen „frech“ nennen).

Weil ich also heute impulsiv, laut, forsch und selbstbestimmt bin und mir nicht alles gefallen lasse, war ich als Kind selbstverständlich schwierig, frech, vorlaut und nur durch Gewalt zu disziplinieren. Niemand käme auf die Idee zu glauben, dass ich es harter Arbeit und Verbissenheit zu verdanken habe, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – und dem Umstand, dass Gewalt und Missbrauch in diesem Ausmaß zwangsläufig dazu beitragen, einen Knacks zu kriegen. Nein, habe ich irgendwann gesagt, ich war das schüchternste, leiseste Kind das du dir vorstellen kannst. Ich habe meiner Mutter keine Widerworte gegeben, ich war nicht frech, ich war nicht vorlaut. Ich habe mich untergeordnet und getan was mir gesagt wurde und habe trotzdem für alles den Kopf hinhalten müssen, an dem ich nicht schuld war. Man muss als Kind nicht unbequem gewesen sein, um eine unbequeme Erwachsene zu werden. Es reicht vollkommen, wenn die Eltern keine Bindung zu ihrem Kind aufgebaut haben – dann ist das Kind bindungsgestört und wird in irgendeiner Form verhaltensauffällig. Mehr muss man über Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Laie nicht wissen – eine schwierige Kindheit ist keine Entschuldigung, sich als Erwachsener wie ein Arschloch zu benehmen, aber es ist ein Ansatz zum Arbeiten, weil sich gute Lösungen nur finden lassen, wenn man das Problem im Detail benennen kann.

Platzwunde.

(Triggerwarnung: Gewalt, Misshandlung.)

1994.

Einige Wochen bevor wir nach Halver umzogen, verbrachte ich Stunden damit, meine alte Kinderzimmerdecke anzustarren – eine langweilige, weiße Raufaserzimmerdecke. In meinem neuen Zimmer war die Decke von einem filigranen Stuck eingerahmt, der mich immer an ein altes Schloss erinnerte, und ich hatte mich so sehr in diesen Blick verliebt, dass ich darum bat, sie möge doch bitte dran bleiben – aber Jörg riss sie während der Renovierungsarbeiten ab. Meine Enttäuschung darüber war groß, aber wie so oft behielt ich sie für mich. Mein neues Zimmer im Haus am Schwimmbad war dann einfach nur klein, unscheinbar und ohne das Besondere, das ich mir erhofft hatte. Es war, als hätte ich einen Teil von mir verloren, der gar nicht da gewesen war.

Eines Nachmittags stand ich in unserem alten Zuhause der Küche und räumte die Spülmaschine aus. Ich war gedankenverloren, träumte davon, wie es sein würde, in das neue Haus zu ziehen, und versank so tief in meinen Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wie Mama die Küche betrat. Erst als sie anfing, mich anzuschreien, war ich plötzlich wieder in der Realität. „Du kannst nicht einmal Tassen richtig einsortieren!“, donnerte sie. Mein Herz setzte aus und ich spürte das vertraute, beklemmende Gefühl in meinem Magen. Ich öffnete die Schranktüren, suchte nach meinem Fehler, aber ich konnte nichts finden. Noch bevor ich mich erklären konnte, traf mich ihre Hand mit einer solchen Wucht, dass ich den Halt verlor und gegen den Türrahmen knallte. Der Schmerz über meinem Auge war stechend, als würde etwas in mein Gesicht schneiden. Ich fiel, doch bevor ich auf dem harten Küchenboden aufschlug, wurde alles schwarz und ich flog durch einen Nebel aus flackernden Lichtern und dumpfen Geräuschen.

Das nächste, was ich wahrnahm, war der kalte Badezimmerboden unter meinem Körper. Als ich meine Augen öffnete, sah ich Mama über mir knien. Ihre Hände zitterten, ihre Wangen waren nass und sie murmelte leise Entschuldigungen. „Es tut mir so leid… Das wird nie wieder passieren“, flüsterte sie, während sie mit einem kalten Waschlappen die Wunde über meiner Augenbraue abtupfte. Die Berührung brannte wie Feuer, aber ich biss mir schweigend auf die Lippen. Ihre plötzliche Fürsorge verwirrte mich fast mehr als der Schmerz. Sie band mir eine Mullbinde um die Stirn und trug mich vorsichtig ins Bett. Dort deckte sie mich zu, löschte das Licht und verließ den Raum. Ich lag da, starrte in die Dunkelheit und fühlte mich taub. Mein Kopf pochte, als wolle er mir vor Schmerzen zerspringen. Irgendwann hörte ich Isabell, wie sie leise eine Hörspielkassette einlegte. Ihre Stimme klang fast triumphierend, als sie verkündete, dass sie heute im oberen Hochbett schlafen dürfe. Es war, als wäre der Vorfall in der Küche schon vergessen – zumindest für sie. Für mich jedoch war er unauslöschlich. Später in der Nacht ertastete ich vorsichtig den dicken Verband an meiner Stirn. Mir wurde schlecht vor Schmerz und bei dem Gedanken an die Wunde darunter, aber irgendwann überwältigte mich die Müdigkeit und ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

Die Tage, die folgten, verliefen wie in diesem dumpfen Nebel, durch den ich geflogen war. Ich wusste, dass ich nicht zur Schule gehen musste, aber es fühlte sich nicht wie ein Gewinn an. Es war eher, als hätte man mich aus dem normalen Leben herausgeschnitten und irgendwo abgestellt, wo niemand mich sehen konnte. Ich fühlte mich unsichtbar, obwohl ich ständig in Mamas Nähe war. Wenn wir in der neuen Wohnung waren, tat ich mein Bestes, um zu helfen. Ich sortierte Schrauben, schob Pinsel hin und her oder fegte den Boden. Alles, um mich nützlich zu machen. Es war, als wollte ich beweisen, dass ich es wert war, da zu sein, auch wenn ich wusste, dass es nie reichen würde.

Einmal sah ich Mama an, als sie auf einer Leiter stand und eine Wand strich. Ihre Haare waren zu einem Knoten zusammengebunden und sie wirkte sehr konzentriert. In diesem Moment war sie nicht die Frau, die mich angeschrien oder geschlagen hatte. Sie war nur jemand, der versuchte, alles zusammenzuhalten. Und ich fragte mich, ob sie genauso müde war wie ich. Aber solche Gedanken hielt ich nicht lange aus. Sie machten mich nur wütend, weil sie mein eigenes Leid kleiner machten. Es war einfacher, sie zu hassen, als Mitgefühl für sie zu empfinden. Jeden Abend, wenn wir nach Hause kamen, war das Ritual dasselbe: Sie nahm den Verband ab, tupfte etwas auf die Wunde, das brannte, und verband alles wieder neu. Dabei sagte sie nicht viel. Manchmal murmelte sie etwas wie: „Das wird schon wieder.“ Aber es klang nicht wie eine Entschuldigung, eher wie ein Versuch, die Situation zu übergehen. Und ich ließ es zu. Was hätte ich auch anderes tun können? Einmal hatte ich es geschafft, im Spiegel einen Blick auf meine Stirn zu werfen und der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der lange, breite, rote Schlitz über meiner Augenbraue sah beängstigend aus. Ich wusste instinktiv, dass so etwas genäht gehört hätte, aber das hätte bedeutet, einen Arzt aufzusuchen – und damit auch erklären zu müssen, wie es passiert war. Mama hatte das offenbar um jeden Preis vermeiden wollen.

Kurz bevor ich wieder zur Schule gehen durfte, setzte Mama sich zu mir und erklärte mir eindringlich, dass ich lügen müsste, wenn mich jemand nach meiner Verletzung fragte. „Du darfst niemandem die Wahrheit sagen“, flüsterte sie, „sonst stecken sie dich in ein Heim. Und das willst du doch nicht, oder? Sie werden denken, dass du unartig bist und dass ich nicht mit dir klarkomme.“ Ich nickte stumm, auch wenn ich die Logik ihrer Worte nicht verstand. Lügen war falsch, das hatte sie mir immer wieder gesagt. Doch in diesem Fall schien es eine Ausnahme zu geben – eine Ausnahme, die nur sie bestimmen konnte. Ich fühlte mich schuldig und verwirrt, als hätte ich tatsächlich etwas Schreckliches getan. Aber noch mehr fühlte ich mich machtlos. Was mir am meisten in Erinnerung blieb, war jedoch etwas anderes: Das leere Versprechen, das sie mir in jener Nacht gegeben hatte. „Das wird nie wieder passieren“, hatte sie gesagt. So sehr ich hoffte, dass sie es ernst meinte, wusste ein kleiner Teil in mir, dass es eine Lüge war.

Ich erinnere mich an die Rückkehr in die Schule. Die Wunde war verheilt, aber die Narbe blieb ein deutlich sichtbarer Beweis dessen, was passiert war. Meine Mitschüler waren neugierig und stellten viele Fragen. „Was ist denn mit dir passiert?“ wollten sie wissen und ich hielt mich genau an Mamas Vorgaben. „Ich bin hingefallen“, sagte ich immer wieder, „gegen die Tür gestoßen.“ Es klang glaubwürdig, glaubwürdiger als ich gedacht hätte, denn niemand schien meine Geschichte anzuzweifeln. Doch das Gefühl, dass ich die Wahrheit verstecken musste, wog schwerer als die Narbe selbst. Es machte mich nervös und ängstlich. Ich spürte, wie meine Mitschüler mich ansahen, und auch wenn sie bald das Interesse verloren, blieb das Unbehagen. Es war, als hätte ich ein Geheimnis, das so groß war, dass es jeden Moment aus mir herausbrechen könnte.

Es war auch nicht das letzte Mal, dass Mama mir etwas beibrachte, was ihrem eigenen Regelwerk widersprach. Die Wahrheit zu sagen, war nur dann richtig, wenn es ihr in den Kram passte. Und die Wahrheit zu verschweigen, war nur dann falsch, wenn es um sie selbst ging. Diese Lektionen wurden mit der Zeit zu einer seltsamen, schmerzhaften Normalität. Etwas anderes setzte sich ebenfalls in meinem Kopf fest: Dass ich für das, was geschah, verantwortlich war. Nicht direkt, aber doch irgendwie. Wäre ich nur ordentlicher gewesen, hätte ich die Tasse an den richtigen Platz gestellt, dann hätte es keine Ohrfeige gegeben. Hätte ich mich besser angestellt, wäre ich nicht gegen den Türrahmen gefallen. Und wäre ich ein besseres Kind gewesen, dann – dann hätte Mama mich vielleicht nicht so ansehen müssen, so voller Wut und Enttäuschung.

Es war diese Schuld, die mich noch Jahre später verfolgte, wie ein Schatten, der niemals von meiner Seite wich. Mit der Zeit wurde mir klar, dass es nicht die Schränke, die Tassen oder die Küchenordnung waren, die sie so außer sich brachten. Es war nicht einmal ich. Es war irgendetwas in ihr, etwas, das ich als Kind nicht begreifen konnte und als Erwachsene nur schwer in Worte fassen kann. Vielleicht war es ihr eigenes unerfülltes Leben, das sie an mir ausließ, ihre eigene Wut auf die Welt, die sie in jeder noch so kleinen Unvollkommenheit sah. Aber als Kind wusste ich das nicht. Ich wusste nur, dass ich mich anstrengen musste, immer wieder und immer mehr. Dass ich besser werden musste, irgendwie liebenswerter, um den Sturm in ihr zu beruhigen. Doch der Sturm ließ sich nie wirklich aufhalten. Er kam immer wieder, unberechenbar und laut, und riss mich mit sich.

Ich fing an, Muster zu erkennen, kleine Anzeichen für die bevorstehende Wut. Ein bestimmter Blick in ihren Augen, ein harter Tonfall, ein bestimmtes Seufzen. Ich wurde gut darin, diese Signale zu deuten, mich rechtzeitig aus dem Staub zu machen oder mich klein zu machen, in der Hoffnung, der Sturm würde an mir vorüberziehen. Aber manchmal gab es kein Entkommen, und dann lernte ich, still zu sein. Nicht zu schreien, nicht zu weinen, nicht zu widersprechen. Einfach still zu sein und abzuwarten, bis es vorbei war. Das Stillsein wurde zu einem Teil von mir, fast wie eine zweite Haut. Und obwohl ich es hasste, fühlte es sich gleichzeitig sicher an. Denn es war das Einzige, was ich kontrollieren konnte: Meine Stille. Alles andere lag außerhalb meiner Macht.

Ich erinnere mich an einen dieser Abende, als ich im Bett lag, den Verband um meine Stirn, und Isabell im Hochbett über mir mal wieder irgendeine Kassette hörte. Es war eine dieser Nächte, in denen der Schmerz nicht nur von meiner Stirn kam, sondern von irgendwo tief innen. Ein Schmerz, der mich nicht schlafen ließ, der mir keine Ruhe gönnte. Ich starrte an die Decke, die Dunkelheit in meinem Zimmer fühlte sich schwerer an als sonst. Alles in mir wollte schreien, wollte fragen: „Warum?“ Aber ich wusste, es würde niemand hören, und wenn doch, dann würde die Antwort mir nur mehr Schmerz bringen. In diesen Nächten stellte ich mir oft vor, wie es wäre, wenn ich woanders leben würde. Bei meiner Oma Erika, die so wunderbar ruhig war, die immer Kreuzworträtsel machte und die besten Suppen kochte. Oder bei meiner Tante, die immer ein freundliches Lächeln für mich übrig hatte, selbst wenn sie gestresst war. Ich stellte mir vor, wie es wäre, an einem Ort zu sein, wo ich einfach nur Kind sein durfte. Wo ich nicht so viel falsch machen konnte, dass es weh tat.

Aber es waren nur Träume. Und am nächsten Morgen war ich wieder da, wo ich immer war. Mit meiner Mutter, mit der Wut, mit dem Versuch, alles richtig zu machen. Und trotzdem war ich jedes Mal falsch.

Die Wahrheit hinter dem Ideal der Mutterliebe

Die Rolle der Mutter in der Gesellschaft wird oft in einem fast heiligen Licht dargestellt. Sie gilt als Symbol für bedingungslose Liebe, selbstlose Aufopferung und unverbrüchlichen Beistand. Diese Idealisierung hat tiefe Wurzeln in kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Normen, die das Muttersein glorifizieren, als wäre es per Definition eine Tugend. Doch was passiert, wenn die Wirklichkeit diesem Bild nicht entspricht? Was passiert, wenn die Mutter nicht die Quelle der Geborgenheit ist, sondern der Ursprung von Schmerz und Zerstörung? Diese Frage ist unbequem, weil sie ein Tabu berührt, das nur selten öffentlich hinterfragt wird.
Von klein auf wird uns beigebracht, dass die Mutter eine unverzichtbare Figur ist, die bedingungslosen Respekt verdient. Das vierte Gebot, das in vielen westlichen Kulturen tief verwurzelt ist, sagt: „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Doch was bedeutet das für diejenigen, die unter ihrer Mutter gelitten haben? Für diejenigen, deren Kindheit von Gewalt, Manipulation oder emotionaler Vernachlässigung geprägt war? Die Gesellschaft bietet darauf kaum eine Antwort – stattdessen wird der Schmerz oft marginalisiert oder sogar ignoriert.
Sätze wie „Aber sie ist doch deine Mutter“, „Jeder Mensch braucht seine Mutter“, „Egal was sie getan hat, sie wird immer deine Mutter bleiben“ sind dabei sehr verletzend für Menschen, die Missbrauch oder Gewalt durch ihre Mutter erlebt haben.

Diese Sätze unterstellen nicht nur, dass die Rolle der Mutter ihr allein aufgrund der Geburt eine moralische Immunität verleiht, sondern auch, dass das Kind die Pflicht hat, zu vergeben und zu vergessen – ungeachtet dessen, was passiert ist. Diese Erwartung erzeugt Schuldgefühle bei den Betroffenen, die bereits unter der Last ihrer Erlebnisse leiden. Es ist eine doppelte Verletzung: Zuerst durch die Taten der Mutter, dann durch die fehlende Anerkennung der Gesellschaft, dass diese Taten falsch waren.
In meinem eigenen Leben habe ich diese Dynamik nur zu deutlich erlebt. Es war nicht nur der Schmerz der Misshandlungen oder der ständigen emotionalen Manipulation, sondern auch das Gefühl, dass niemand mir glauben oder meine Erfahrungen anerkennen wollte. „Sie hat dir doch das Leben geschenkt“, wurde mir oft gesagt, als wäre das ein Freibrief für alles, was danach kam. Meist wurde dabei noch ein „Du warst bestimmt auch nicht immer einfach als Kind“ nachgeschoben, als wäre das eine universelle Rechtfertigung für Misshandlung und Vernachlässigung, und als wäre das Kind irgendwie verantwortlich dafür.

Doch das Leben zu schenken allein reicht nicht aus. Liebe, Schutz und Respekt sind Dinge, die eine Mutter-Kind-Beziehung erst wertvoll machen. Ohne diese Elemente bleibt nur die biologische Verbindung – und die allein verpflichtet niemanden zu Dankbarkeit oder Vergebung.
Diese Glorifizierung von Müttern hat nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen. Sie verhindert offene Gespräche über Missbrauch und schützt täterhaftes Verhalten vor Kritik. Indem die Mutter als unantastbar dargestellt wird, wird den Opfern die Möglichkeit genommen, ihre Geschichten zu erzählen, ohne Verurteilung oder Ablehnung zu fürchten. Es entsteht ein Klima des Schweigens, in dem die Stimmen der Betroffenen verstummen und die Täterinnen weiterhin ungehindert handeln können.
Darüber hinaus verkennt diese Idealisierung die Vielfalt von Mutter-Kind-Beziehungen. Nicht jede Mutter ist ähnlich liebevoll oder fähig, ihre Kinder emotional zu unterstützen. Manche Frauen werden Mütter, obwohl sie selbst nie gelernt haben, was Liebe und Schutz bedeuten. Andere sind schlichtweg nicht bereit oder in der Lage, die Verantwortung zu tragen, die mit dem Muttersein einhergeht. Diese Realitäten anzuerkennen bedeutet nicht, die Rolle der Mutter generell abzuwerten, sondern sie menschlicher und realistischer zu betrachten.
Es ist an der Zeit, das romantisierte Bild der Mutter zu hinterfragen und Platz für differenziertere, ehrliche Diskussionen zu schaffen. Eine Mutter, die schadet, verdient nicht automatisch Respekt, nur weil sie ein Kind geboren hat.
Ich möchte nicht behaupten, dass alle Mütter schlecht sind, sondern dass die Mutterrolle durchaus kritisch betrachtet werden darf. Es gibt unzählige Frauen, die ihre Kinder mit unermüdlicher Liebe und Hingabe großziehen. Aber wir müssen Platz schaffen für diejenigen, die eine andere Geschichte haben. Für die Kinder, die gelernt haben, dass „Mutter“ nicht gleichbedeutend mit „Liebe“ ist, und für die Erwachsenen, die es gewagt haben, sich von einer toxischen Beziehung zu ihrer Mutter zu lösen, um zu überleben.
Die Idealisierung der Mutter mag in unserer Gesellschaft tief verwurzelt sein, aber sie darf nicht wichtiger sein als die Wahrheit derjenigen, die unter diesem Ideal leiden. Es ist an der Zeit, diese Stimmen zu hören, ihnen Raum zu geben und zu erkennen, dass Mutterliebe keine universelle Selbstverständlichkeit ist. Manchmal ist der mutigste Schritt, sich von diesem Ideal zu lösen und zu sagen: „Ich habe es verdient, frei von dieser Last zu leben.“

Bindung und Borderline-Störung

Die Bindungstheorie beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson in den ersten Lebensjahren und den daraus resultierenden Auswirkungen für die weitere Entwicklung des Kindes. Die erste Bindung richtet sich gewöhnlich auf die Mutter und nur selten auf eine andere vertraute Person. Ob eine Bindungsperson als sichere Basis dienen kann, hängt von der Qualität der Interaktionsmuster ab, die sich zwischen Kind und Bindungsperson entwickelt haben. Daraus entsteht ein inneres Arbeitsmodell, welches sich das Kind aufgrund von Erfahrungen, die es mit seinen Eltern macht, konstruiert. Diese Arbeitsmodelle verdichten das Wissen über sich selbst und dem Bindungspartner. Dies dient zur Regulierung, Interpretation und Vorhersage von bindungsrelevanten Verhaltensweisen, Gefühlen und Gedanken.

Nachfolgend wird das Bindungsmuster nach Mary Ainsworth dargestellt, dass mit einem Bindungsmuster von Main ergänzt wurde.

Ausschlaggebend ist eine fremde Situation, ein standardisiertes Minidrama zur Erfassung frühkindlicher Bindungsverhaltensmuster. Dies wird mit ca. zwölf Monate alten Kindern und ihren Bindungspersonen in einer für sie fremden Umgebung durchgeführt und beobachtet, wie sich die kurzfristige Trennung von der Mutter in Anwesenheit einer fremden Spielpartnerin auf die Reaktion des Kindes auswirkt. Es wird die Reaktion vor, während und nach der Trennung beobachtet.

Im Muster (B), der sicheren Bindung zeigen Kinder offen ihren Kummer gegenüber ihrer Bindungsfigur. Sie suchen die Nähe, wenn die Bindungsperson den Raum wieder betritt, und sind sich sicher dass ihr Leid dann ein Ende hat. Das Kind ist leicht zu trösten und gewinnt schnell wieder an Sicherheit, aus der Nähe der Bindungsperson. Außerdem zeigt es Freude, die Bindungsperson wiederzusehen und widmet sich wieder dem Spielen.

Im Muster (A), der unsicher-vermeidenden Binddung, werden negative Gefühle gegenüber der Bezugsperson unterdrückt oder verborgen. Das Kind zeigt beim Weggang der Bezugsperson kein Trennungsleid, die Aktivität beim Spielen verringert sich kaum oder gar nicht. Bei Rückkehr der Bezugsperson wird Ignoranz und Vermeidung des Blickkontaktes angewandt, die fremde Spielperson wird nicht vermieden, sondern häufiger mit einbezogen und freundlich behandelt. Der Stresszustand des Kindes wird anhand von Messung der Hormonausschüttung und Herzratenmessung angezeigt, ist jedoch in seinem Verhalten nicht ersichtlich.

Im Muster (C), der unsicher-ambivalenten Bindung, zeigt das Kind wenige Bedürfnisse nach Exploration aufgrund dauerhafter Angst vor Trennung vor der Bindungsperson. Es ist zurückhaltend und ängstlich neuen Dingen und fremden Personen gegenüber und zeigt bei der Trennung untröstbare Verzweiflung. Bei der Wiedervereinigung mit der Bindungsperson zeigt es wenig Sicherheit, sucht Nähe und sträubt sich gleichzeitig auch dagegen, weshalb es schwer zu beruhigen ist.

Das Muster (D), die Desorganisation (erweitert von Main), definiert Kinder, die nicht in die drei vorherigen Bindungsmuster einzuordnen waren. Die Mehrzahl dieser Kinder zeigt gegenüber der Anwesenheit der Mutter ein desorganisiertes und desorientiertes Verhalten. Man kann vereinzelt zwar Auszüge aus einem der drei Bindungsmuster erkennen, jedoch werden diese durch seltsame Verhaltensweisen unterbrochen. Die Kinder haben aufgrund von verängstigenden oder selbst verängstigten Binddungspersonen keine Strategie für bedrohliche Situationen entwickeln können, in Studien mit misshandelten Kindern kann außerdem das desorganisierte Verhalten als Folge einer Traumatisierung durch die bedrohliche Bindungsperson verstanden werden.

Selbstidentität

Von großer Bedeutung beim Borderline-Symptom ist das Fehlen einer grundlegenden Selbstidentität. Wenn die Betroffenen sich selbst beschreiben, zeichnen sie typischerweise ein verwirrtes oder widersprüchliches Selbstportrait, im Gegensatz zu neurotischen Patienten, die ein viel klareres Gefühl ihrer Selbst haben. Um ihr genaues und meist negatives Selbstbild zu überwinden, suchen Borderline-Persönlichkeiten wie Schauspieler ständig nach „guten Rollen“, vollständigen „Charakteren“, die sie benutzen können, um die Identitätsleere zu füllen. Aus diesem Grund passen sie sich oft wie ein Chamäleon an die Umgebung, eine bestimmte Situation oder an die momentane Gesellschaft anderer an. […] Wenn der Kampf um das Finden einer Identität unerträglich wird, glaubt er, die Antwort liege darin, die Identität völlig zu verlieren oder eine Form des Ichs durch Schmerz oder Betäubung zu finden. Der familiäre Hintergrund der Borderline-Persönlichkeit ist oft durch Alkoholismus, Depressionen und emotionale Störungen gekennzeichnet. Oft ist die Borderline-Kindheit ein wüstes Schlachtfeld, gekennzeichnet durch die Trümmer gleichgültiger, abweisender oder fehlender Eltern, durch emotionale Vernachlässigung und chronische Ausbeutung. In den meisten Studien wurde bei vielen Borderline-Patienten ein Hintergrund starker psychologischer, körperlicher oder sexueller Ausbeutung festgestellt. Tatsächlich unterscheiden sich Borderline-Patienten durch das Erleben von Misshandlungen, von Gewalttätigkeiten oder Vernachlässigung durch die Eltern oder wichtige Bezugspersonen von Patienten mit anderen Störungen.

Diese instabilen Beziehungen werden in die Pubertät und das Erwachsenenalter übertragen, sodass die romantischen Verbindungen hochgeladen und meistens von kurzer Dauer sind. Die Borderline-Persönlichkeit bemüht sich an einem Tag verzweifelt um einen Mann (oder eine Frau), um ihn dann am nächsten Tag wieder abzuservieren. Längere Romanzen – die meistens in Wochen oder Monaten gemessen werden anstatt in Jahren – sind meistens turbulent und von Zorn, Verwunderung und Erregung erfüllt.

(Ringel, Sabine: Borderline-Persönlichkeitsstörung und Bindung, Bachelor-Arbeit, Berlin, Alice Salomon Fachhochschule, Studiengang Soziale Arbeit, 2008)

Feuer.

(Triggerwarnung: Gewalt, Misshandlung)

1993.

Ich hätte es wissen müssen. Wissen müssen, dass man den Geruch von Schmauch nicht so einfach loswird. Dass er in der Luft hängt, sich in die Vorhänge frisst, in die Möbel, und dass Mama ihn sofort riechen würde. Mama merkt immer alles. Sie merkt, wenn ein Krümel auf dem Boden liegt, sie merkt, wenn etwas aus ihrer Brieftasche fehlt, auch wenn es nur ein Pfennig ist.

Im Schlafzimmer hat Mama dieses Körbchen mit den vielen Streichholzbriefchen. Sie hat unzählige davon, aus Restaurants, Kneipen und Hotels. Ich weiß nicht, warum sie die sammelt, sie benutzt sie ja nie. Für ihre Zigaretten nimmt sie immer ein Feuerzeug. Aber ich finde die Streichhölzer faszinierend. Manche sind schwarz mit weißen Zündköpfen, die mag ich am liebsten. Ich bin acht Jahre alt und neugierig. Ich ziehe ein Streichholz raus, nur eines, und zünde es an. Die Flamme ist klein, aber sie lebt. Sie flackert und zischelt, und ich lasse sie fast bis zum Ende abbrennen, bevor ich sie auspuste. Der Qualm riecht scharf und beißend. Das Schwefelzeug aus der Schule, denke ich, so wird Feuer gemacht. Mama und Jörg kommen erst in ein paar Stunden zurück. Ich öffne das Fenster. Der Geruch wird sicher verschwinden, wenn die Luft zirkuliert. Beim Kochen klappt das ja auch immer.

Ich spiele in meinem Zimmer, als plötzlich die Tür auffliegt. Mama stürmt herein, ein Feuerzeug in der Hand. Ihre Augen sind groß, ihr Gesicht ist rot. „Hast du mit Feuer gespielt?“ schreit sie. Ich kauere mich auf den Boden, rutsche Richtung Fenster, unter den Wäscheständer. Die frischen Handtücher streifen mein Gesicht, aber sie geben keinen Schutz. Mama packt meine Hand. Ihre Finger sind fest wie Eisen, das Feuerzeug klickt. Die Flamme leuchtet auf, orange und unaufhaltsam. Sie hält sie unter meine Handfläche. „Hast du mit Feuer gespielt?“ schreit sie wieder. „Ja“, wimmere ich mit dünner Stimme. Die Hitze unter meiner Hand wird immer schlimmer. Es ist, als würde meine Haut gleich aufbrechen, und ich schreie, ich schreie so laut, aber Mama hält die Flamme weiter unter meine Hand. „Weißt du, was passiert, wenn man mit Feuer spielt?“ schreit sie. „Man verbrennt! Verstehst du das? Man verbrennt! Die Haut schmilzt und dann bist du nur noch Asche, und niemand kann dich mehr erkennen!“ Die Schmerzen sind so schlimm, dass ich kaum atmen kann. Mein Kopf ist leer, bis auf dieses eine Bild, dieses Märchen von dem Mädchen mit den Streichhölzern, das in der Kälte sitzt und ein Streichholz nach dem anderen anzündet, bis es nicht mehr kann. Ich bin dieses Mädchen, denke ich. „Das wird dich lehren!“ schreit Mama. „Das wird dich lehren, nicht mehr mit Feuer zu spielen!“

Ich kapituliere. Es gibt kein Entkommen. Kein Wasser, keine Rettung. Es ist nur Feuer und Schmerz. Ich schließe die Augen und denke ans Fliegen.

Plötzlich lässt sie los. Ich reiße meine Hand zurück, presse sie an meine Brust und renne ins Bad. Meine Hand ist schwarz, rußig. Schmauch, denke ich noch. Ich drehe das kalte Wasser auf, lasse es über meine Hand laufen, aber der Schmerz wird nicht besser. Er wird schlimmer. Ich schluchze, zittere, halte meine Hand unter den Strahl. Es fühlt sich an, als würde ich noch immer brennen.

Prolog.

Du hast mir das Leben geschenkt. Und du hast es mir fast genommen. Nicht in einem einzigen Moment, sondern in tausend kleinen Stichen. Man sagt, eine Mutter sei das Fundament eines Lebens – doch du, du warst ein Abriss.

Harald Martenstein hat in seinem Buch „Wut“ einen Satz geschrieben, der mich kurz nachdenklich gestimmt hat.

Das Kind in mir wird ihr nicht verzeihen, der Erwachsene kann es.“ *

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass auch die Erwachsene in mir dir nicht verzeihen kann und auch nicht verzeihen will – aber das muss sie auch nicht, denn meine Heilung ist nicht abhängig von dir. Ich bin mehr als das, was du mir genommen hast. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, nicht mehr davon abhängig, dass du dich entschuldigst oder Reue zeigst. So wie es für dein Fortkommen im Leben nicht von Belang ist, ob ich dir verzeihe, ist es für mein Fortkommen im Leben nicht von Belang, ob du mich um Verzeihung bittest. Es würde sowieso nichts geben, was du sagen könntest. Du hast einfach nicht mehr die Fähigkeit, etwas in mir auszulösen, was ich nicht fühlen will.

Das soll nicht heißen, dass es mich emotional nicht mehr berührt, wenn ich über die Vergangenheit nachdenke. Es macht mich immer noch wütend, wenn ich an Situationen wie jene in diesem Buch beschriebenen denke. Aber die Wut darüber ist heute eine andere, sie ist gefestigt, sie ist nicht kopflos. Ich hatte in den letzten 20 Jahren sowieso nie ein Familiengefühl, ich wusste, du bist meine Mutter, aber die Gefühle zu dir gingen über das Bewusstsein, in einem familiären Verhältnis zueinander zu stehen, nicht hinaus. Ich habe einfach keine emotionale Bindung (mehr) zu dir. Trotzdem habe ich so lange gedacht, dass der Schlüssel zu meinem Frieden darin liegt, dir zu vergeben. Dass ich erst dann frei sein kann von allem, was du mir angetan hast, wenn ich dir diese Vergebung schenke. Doch ich lag falsch. Ich kann in dieser Sache niemals Frieden finden – erst recht nicht durch dich. Ich erinnere mich an die Schreie. An die Wut in deinen Augen, an deine Hände, die niemals zögerten, wenn sie mich treffen wollten. Ich erinnere mich an die Angst, wie ich nachts im Bett lag und betete, dass du nicht in mein Zimmer kommst. Wie ich versuchte, deinen Blicken zu entkommen, deinen unerreichbaren Erwartungen, deinem unausgesprochenen Hass.

Wie soll man mit diesen Erinnerungen Frieden finden?

Du hast gesagt, ich sei das Problem. Dass ich zu unartig bin, zu laut, zu eigenwillig. Störrisch, nicht zu bändigen, schwierig. Aber du warst die Erwachsene. Du warst diejenige, die Schutz geben sollte – und sich hätte Hilfe suchen können, wenn sie denn tatsächlich merkte, dass sie ihr Kind „nicht bändigen“ kann. Stattdessen hast du mich zu deinem Blitzableiter gemacht, zu deinem Ventil für eine Wut, die ich nie verstehen konnte. Ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass es nicht an mir lag, dass ich als Kind keine Chance hatte gegen das, was du mit dir selbst ausgetragen hast. Du hast gesagt, ich sei nicht liebenswert, doch ich habe Menschen gefunden, die mich lieben.
Du hast gesagt, ich sei nicht stark genug, doch ich bin stärker, als du es je sein könntest.

Es gibt so viele Dinge, die ich dir in den letzten acht Jahren sagen wollte, in denen wir keinen Kontakt mehr hatten. Worte, die sich in meinem Kopf aufgestaut haben, die niemals ihren Weg zu dir gefunden haben. Zum Beispiel meine Irritation darüber, dass (oder wieso?) du unseren Kontakt wieder hast einschlafen lassen – bis daraus eine Irritation wurde, wieso ich den Kontakt überhaupt all die Jahre wollte, denn was hatte ich schon bei dir zu suchen, was du mir nicht geben konntest? Wieso habe ich all die Jahre geglaubt ich wäre in der Position, um deine Aufmerksamkeit buhlen zu müssen?

Du hast auch mal gesagt, du hast dein Bestes gegeben als alleinerziehende Mutter mit wenig Geld und einem saufenden Lebensgefährten, aber wie viel Wert hat diese Aussage, wenn dein Bestes mir Wunden zugefügt hat, die ein Leben lang Narben hinterlassen, wenn du zugelassen hast, wie er mir Wunden zufügt? Wie kann eine Mutter, die so gnadenlos mit ihrem eigenen Kind umgeht, sich selbst einreden, dass sie ihr Bestes getan hat? Dein „Bestes“ war, mir beizubringen, dass Liebe und Schmerz Hand in Hand gehen. Dass Schreie und Schläge dasselbe sind wie Zuneigung. Dass ich klein und still sein musste, um überhaupt einen Platz in deinem Leben zu haben. Aber das ist keine Liebe, das ist Zerstörung.

Ich habe mich selbst aus den Trümmern deiner Erziehung herausgezogen. Habe mir selbst beigebracht, dass ich es wert bin, respektiert und geachtet zu werden. Nicht durch dich, sondern trotz dir. Und das ist mein Sieg. Nicht, dass ich dir vergeben habe, sondern dass ich dich loslassen konnte, ohne dir vergeben zu müssen.

Du hast mich gelehrt, hart zu sein – nicht, weil du eine gute Lehrerin warst, sondern weil ich keine andere Wahl hatte. Deine Gewalt hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Und nein, das sage ich nicht aus Dankbarkeit. Ich sage das, weil ich weiß, dass Stärke oft aus Schmerz entsteht. Aber die Stärke, die ich heute habe, gehört nicht dir. Sie gehört mir allein. Ich habe gelernt, mich zu lieben, obwohl du mich nicht geliebt hast.

Das ist ein kleines Stück Frieden, das ich gefunden habe.

* Martenstein, Harald: Wut, Ullstein Hardcover, 1. Edition (Februar 2021), Seite 8

Kontrollverlust.

Meine Augenlider sind schwer. Es ist das Gewicht, das mich erdrückt. Es lastet überall. Auf meinen Schultern, auf meiner Brust, auf meinen Augenlidern, auf meiner Stimme. Es fällt mir schwer, zu sprechen und zu denken.

Ich wache auf. Es ist kurz nach zehn Uhr früh, und es ist Sonntag.

Aus dem Wohnzimmer schallt Musik zu mir rüber, weil ich offensichtlich den Rechner angelassen habe. Mein Kopf pocht und mein Magen tanzt, weil ich offensichtlich noch ziemlich betrunken bin. Mein Blick fällt auf den Verband an meinem rechten Unterarm – dunkles olivgrün, aus Katrins Bundeswehr-Erste-Hilfe-Kiste.

Offensichtlich habe ich die Kontrolle verloren.

Ich schleppe mich aus dem Bett ins Badezimmer, nehme den Verband ab und betrachte das Ergebnis. Sechs Zentimeter lang, einen Zentimeter breit. Ich nehme mir einen Energydrink aus dem Kühlschrank, mein Tablet vom Tisch, schalte am Rechner die Musik leise und setze mich auf den Boden vor die Heizung. Ich checke meinen Promillerechner, gebe meine Daten ein und erfahre, dass ich erst Montag früh um vier Uhr wieder vollkommen nüchtern sein werde. Auch gut, denke ich mir, ich wollte heute sowieso nirgendwo hin. Ich suche im Internet nach einer Information, ab wann man eine Wunde nähen lassen sollte. Ich stoße auf Zeitangaben, möglichst eher als nach sechs Stunden, weil dann die Wundränder noch weich sind. Ich greife nach meinem Handy, gehe meine Chats durch. Jana habe ich ein simples „Hilfe“ geschickt, um sieben Uhr früh. Lilly habe ich um vier Uhr früh geschrieben, wieso sie noch wach ist. Irgendwo dazwischen muss es passiert sein. Beide haben geantwortet, Jana fragt was los ist, ich schreibe belangloses über eine laute Party der Nachbarn. Lilly schreibt, sie musste pinkeln, was meine Ausrede wäre. Ich habe einen an der Waffel, schreibe ich mit einem Emoji. Ich überlege kurz, Lilly zu fragen wegen meiner Wunde. Sie schickt ein Foto von dem Flohmarkt auf dem sie gerade ist, also verwerfe ich den Gedanken wieder.

Ich rufe mir ein Taxi und fahre in die Notaufnahme.

Ich muss nicht lange warten, nach drei Minuten ruft eine Schwester mich nach vorne, um die Wunde anzusehen wegen der Dringlichkeit. Nach weiteren fünf Minuten werde ich aufgerufen. Der Arzt ist mürrisch und stellt kurze, knappe Fragen. Wann das passiert ist, fragt er. Vor etwa fünf, sechs Stunden, lüge ich, denn ich bin mir nicht mehr sicher. Wieso ich jetzt erst komme, fragt er. Ich bin eingeschlafen, sage ich. Aha, sagt er. Ich lege mich auf die Liege und starre in die Neonröhren über mir. Er kippt etwas auf meine Wunde, was höllisch brennt, ich glaube es ist Desinfektionsmittel. Ich beiße in meine linke Hand und versuche den Schmerz drin zu lassen, dann kommt die Spritze. Als der Schmerz vorbei ist, frage ich, was er mir da gespritzt hat. Lokalanästhetikum, sagt er knapp. Er näht, verbindet und gibt mir seinen Bericht und die Anweisung, morgen meinen Hausarzt aufzusuchen, was ich natürlich nicht tun werde.

Ich stolpere nach draußen, zurück in das grelle Sonnenlicht.

Kein Taxi da. Egal, denke ich. Laufen ist auch okay. Auf dem Weg fragt mich ein Junge nach einer Zigarette. Du bist doch im Leben noch keine 18, sage ich. Ich bin 16, sagt er. Hättest du 14 gesagt, hätte ich dir geglaubt, grinse ich und gebe ihm eine Mentholzigarette. Ich wirke bestimmt ziemlich ungelenk, weil sich die Lokalanästhesie bis in meine Fingerspitzen ausbreitet. Meine Finger kribbeln, aber wenigstens schmerzt der Arm nicht.

Der Tag ist surreal.

Nach 45 Minuten Fußmarsch bin ich zu Hause. Ich öffne den Arztbericht. „Selbstverletzung, sechs cm“. Ich staune kurz, als mir auffällt dass keine Einweisung in die Psychiatrie oder das Anraten diesbezüglich erfolgt ist, was ich allerdings auch nicht schade finde. Ich lege den Brief zu meinen Unterlagen und falle zurück in mein Bett. Ana schreibt, was wir heute machen. Ich seufze. Der einzige Mensch, den ich momentan in meiner Nähe ertrage, der mich nicht nervt, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir verabreden uns für später, aber erst muss ich ein bisschen schlafen, sage ich. Wir bestellen später Essen, sagt sie.

Schlafen. Immer nur schlafen. Ja, Katrin Bauerfeind hat Recht. 8 Stunden Schlaf sind lediglich ein erweitertes Nickerchen. Nach drei Stunden werde ich wach, weil Ana schreibt dass sie hungrig ist. Es ist fast 17 Uhr, also stehe ich auf, immer noch ziemlich betrunken. Die lokale Betäubung hat mittlerweile nachgelassen, und ich wünsche mir das Kribbeln zurück – es war irgendwie angenehmer, als jetzt die volle Wucht des Schmerzes zu spüren. Hinzu kommt, dass ich vor Kopfschmerzen kaum richtig geradeaus gucken kann.

Ana kommt, und ich spiele die Verkaterte, wobei ich nicht viel spielen muss, denn es geht mir hundeelend – aber nach dem Essen besser. Sie geht um 22 Uhr, und ich gehe ins Bad und nehme den Verband ab. Fünf Stiche. Sehr sauber, obwohl der Arzt gesagt hat, er muss eine kleine Drainage offen lassen für das Wundwasser, weil ich so spät gekommen bin.

Die folgenden Tage bestehen aus Abschottung und Wundversorgung. Ich kaufe Wundpflaster, Kompressen und Jodsalbe. Ich stelle meinen Wecker ein paar Minuten früher, um morgens in Ruhe den Verband wechseln zu können und stretche mir vor dem Duschen Plastikfolie um das Handgelenk, weil die Naht nicht nass werden darf. Auf der Arbeit trage ich immer einen Hoodie über meinem Shirt, auch wenn es manchmal viel zu warm ist.

Tarnung, Baby. Tarnung ist alles.

Ich könnte Ausreden erfinden. Mir einen dieser Stretchverbände kaufen für Sehnenscheidenentzündungen. Oder sagen, ich hätte mich schlimm verbrannt. Kurz denke ich über die Variante „Tischkreissäge“ nach, aber das nagt dann doch zu sehr an meinem Handwerker-Ego, also belasse ich es beim Hoodie.

Jana merkt schon am nächsten Tag, als sie nach der Arbeit in mein Auto steigt, dass etwas nicht stimmt. Ich bin mürrisch und mies gelaunt, ich kann das vor ihr nicht überspielen, aber erzählen kann ich es ihr noch weniger. Am nächsten Tag ist Valentinstag, und ich bin noch schlechter gelaunt. Freitag empfiehlt sie mir, öfter meine Therapeutin aufzusuchen, als ich ihre Frage, ob ich einen depressiven Schub habe, bejahe. Auch Nini merkt, dass was nicht stimmt. Will nicht, dass ich mich verkrieche, eigentlich wollten wir Valentinstag zusammen verbringen, erst konnte sie nicht, dann wollte ich nicht.

Tarnung hilft nur oberflächlich. Lilly ist sauer, weil ich sie nicht sehen will. Ich bestelle mit Jana und Ana Klamotten bei H&M und verschwinde beim Anprobieren im Bad, damit niemand meine Naht sieht. Nach zehn Tagen ziehe ich meine Fäden selber, weil das Karnevalswochenende ansteht und ich arbeiten muss. Ich tupfe Make-up auf die Narbe, damit sie nicht so leuchtet und damit ich nicht in schwarzer Strickjacke Tabletts durch die Gegend tragen muss. Und mein Leben geht weiter, als wäre nichts passiert. Als wäre ich nicht versehentlich daneben getreten im Leben. Ein Karussell aus Aufstehen, Make-up, Arbeiten, Tarnung, schlafen.

Sieben Wochen später, als ich aus Paris wiederkomme, erzählt Lilly mir, dass sie jetzt Dienst in der Notaufnahme hat.

Radikale Stimmungen.

Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, kurz BPS, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Emotionen, Stimmungen, Identität und zwischenmenschliche Beziehungen enormen Schwankungen unterliegen. Betroffene kämpfen mit den Schwierigkeiten der Affektregulierung beziehungsweise der Unfähigkeit, ihre Emotionen im Griff zu halten. Sie sind außerdem von starken Emotionen wie Schuld, Scham, Ohnmacht und Selbstverachtung geplagt und berichten häufig von einem anhaltenden Gefühl der Leere („depressive Episode“). Das Risiko, an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erkranken, sind neben genetisch bedingten Temperamentsfaktoren (meine Mutter war eine furchtbar aufbrausende und aggressive Person) aber vor allem Erfahrungen sexualisierter und körperlicher Gewalt, emotionale Vernachlässigung (Bindungsstörung) und Mobbing in Kindheit und Jugend.

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine der häufigsten Persönlichkeitsstörungen überhaupt – und dennoch eine der am wenigsten bekannten. Während die meisten Menschen noch einigermaßen zutreffende Beschreibungen von Depressionen, Angststörungen oder Alkoholabhängigkeit geben können, wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung oft sehr abwertend beschrieben. „Die sind manipulativ und gestört“ oder „Von denen hältst du dich besser fern, die machen dich kaputt“ sind Sätze, die ich in den letzten 20 Jahren am häufigsten gehört habe, wenn es um Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ging, sowie „Sind das nicht die, die sich ritzen? Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!“
Tatsächlich greifen 65 bis 80 Prozent der Betroffenen zu einer nichtsuizidalen Form von selbstverletzendem Verhalten. Die häufigste Form ist dabei das Zufügen von Schnittwunden mittels scharfer Gegenstände (Rasierklingen, Messer, Scherben, etc.), gefolgt von Verbrennungen und Verbrühungen (Zigaretten ausdrücken am eigenen Körper, Hand über eine Kerze halten).

Selbstverletzendes Verhalten hat dabei zwar keinen suizidalen Aspekt, sondern dient dazu unangenehme Spannungszustände abzubauen, kann aber bei bis zu einem Drittel der Betroffenen mit Suizidalität einhergehen – es wird dann dazu eingesetzt, Suizidgedanken zu regulieren. Nicht selten können die Spannungszustände so unangenehm werden, dass neben Selbstverletzung auch riskantes Verhalten als Mittel zum Abbau eingesetzt werden (rücksichtsloses Autofahren, riskantes Sexual- oder Kaufverhalten). Innere Spannungszustände gelten als Leitsymptom einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die meist nur durch diese dysfunktionalen Verhaltensmuster beendet werden können.

Neben Anspannungszuständen zeigt sich die gestörte Affektregulation in Form von Gefühlen der inneren Leere oder einer vollständig fehlenden Gefühlswahrnehmung bis hin zu fehlendem Schmerzempfinden. Es kann zum Auftreten mehrerer, sich widersprechender Emotionen gleichzeitig kommen, zum Beispiel Freude und Wut, oder Ekel und Erregung. In der Folge leiden Borderline-Patient*innen unter heftigen, situationsunabhängigen Stimmungsschwankungen, impulsiven Gefühlsausbrüchen, Schwarz-Weiß-Denken, Katastrophisieren, Verfolgungsängsten, starker Verzweiflung und Ohnmachtsgefühlen.

Durch die emotionale Instabilität werden auch zwischenmenschliche Interaktionen, insbesondere private Beziehungen, stark beeinträchtigt. Ein zentraler Aspekt der Erkrankung ist eine übermäßige Angst vor dem Verlassenwerden, die oft mit einer ebenso ausgeprägten Angst vor sozialer Nähe einhergeht und zum Scheitern von Partnerschaften führt, wenn diese den schwankenden Affekten nicht gewachsen sind. Die Verlustängste halten sich die Waage mit Verhaltensmustern, die das Verlassenwerden forcieren, z.B. durch das Provozieren von Streit und das anschließende Betteln um Vergebung und die Abwertung der eigenen Person. Die Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten sind in der Regel intensiver, gleichzeitig aber auch instabiler und stärker von Formen emotionaler Abhängigkeit geprägt.

Die meisten Worte bleiben uns nicht im Hals stecken, sondern im Herz.

Hi, ich bin Lou, und dies ist meine Geschichte.

Worte sind mein Werkzeug, meine Zuflucht und manchmal meine einzige Verbindung zu einer Welt, die ich mir oft nicht erklären kann. Mein Leben begann in einem Chaos, das ich mir nicht ausgesucht habe, geprägt von Gewalt, Verlust und der Suche nach Halt. Aber ich bin hier, um zu erzählen, um nicht zu vergessen und vielleicht, um zu heilen.

Es ist schwer, meine Herkunft zu beschreiben. Wo fängt man an zu erklären, wer man ist, wenn man es selbst kaum weiß? Ich will erzählen, wie ich aufgewachsen bin – Bilder von Personen und Ereignissen zeichnen, die mich geprägt haben oder einfach nur für eine Weile Teil meines Lebens waren. Menschen, die grausam waren, übergriffig, brutal. Menschen, die man lieber vergessen würde. Nicht nur, weil die Erinnerung schmerzt, sondern weil sie Ekel hervorruft.

Noch schwieriger ist es zu sagen, wer oder was davon mein Leben wirklich geformt hat. Wer ich heute wäre, hätte ich eine andere Geschichte als meine. Es ist ein Gedanke, der mich immer wieder beschäftigt: Wie viel von mir bin wirklich ich? Und wie viel davon ist einfach das Resultat der Wunden, die mir zugefügt wurden?

Vielleicht schreibe ich deshalb. Weil ich nicht weiß, welche Teile meiner Geschichte relevant sind und welche nicht. Weitsicht fällt eben schwer, wenn man direkt vor dem Spiegel steht. Also schreibe ich nieder, was ich in Worte fassen kann – alles, was greifbar erscheint, ohne zu wissen, ob es zusammen einen Sinn ergibt. Vielleicht, weil ich hoffe, dass es irgendwann jemand liest, der sich in meiner Geschichte wiederfindet. Jemand, der noch an dem Punkt ist, an dem ich damals war – gefangen in Schuld, Schmerz und Selbsthass. Und vielleicht versteht diese Person dann, dass sie nicht allein ist, dass es einen Weg hinaus gibt, selbst wenn er manchmal unmöglich erscheint.

Wenn ich mir den Haufen an getippten Notizen jetzt ansehe, fällt mir auf, dass sie ein seltsames Muster bilden. Es wirkt wie ein Mosaik, ein Puzzle aus Momenten, das sich manchmal stur wiederholt wie ein Mantra. Mein Leben lässt sich nicht in eine Schublade stecken, aber vielleicht in viele kleine. Und so habe ich die Erinnerungen in handliche Portionen gestückelt – oder es zumindest versucht.