„Borderline-Persönlichkeiten sind das psychologische Äquivalent zu Patienten mit Verbrennungen dritten Grades. Sie haben sozusagen keine emotionale Haut. Selbst die leichteste Berührung oder Bewegung kann enormes Leid auslösen.“
– Marsha Linehan in „Minds on the Edge“, John Cloud, Times, 08. Januar 2009
Ich habe mal ein Buch geschrieben.
Ich war noch sehr jung und dachte damals, in meinem naiven Alter von 19 Jahren, es wäre ein guter Zeitpunkt, zur Verarbeitung all das aufzuschreiben, was ich aus Kindertagen mitgenommen habe (oder wie mein Therapeut sagen würde, was mich traumatisiert hat).
Das ist jetzt gut 20 Jahre her, und weil ich grandios daran scheitere, etwas fertig zu stellen, habe ich im Laufe der Zeit immer wieder Dinge dazu geschrieben, die mich belastet, verändert, gebrochen oder enttäuscht haben (es erstaunt mich beizeiten, wie viel sich da so angesammelt hat). Immer wieder habe ich Kapitel neu geordnet, habe versucht, Zusammenhänge zu finden zwischen den Ereignissen in meiner Kindheit, meiner Entwicklung als junge Erwachsene, den Auswirkungen auf Beziehungen und der Diagnose: emotional-instabile Persönlichkeitsstörung – Borderline-Typ.
Ich habe immer wieder den Kontakt zu meinen Eltern gesucht und musste feststellen, wie kompliziert Eltern-Kind-Beziehungen sein können, wenn es um Schuld geht, die weder anerkannt noch gesühnt werden kann oder will. Ich habe in meiner Familiengeschichte gewühlt und festgestellt, wie heftig sich Dynamiken durch Generationen ziehen können und wie hart die Arbeit ist, sich von entsprechenden Mustern zu lösen.
Für mein damaliges Umfeld, das (in seiner Existenz) natürlich genauso instabil war wie ich, war die Diagnose „Borderline“ keine Überraschung, vor allem wegen der Stigmata, die dieser Krankheit (bis heute) anhaften: manipulativ, impulsiv, grenzüberschreitend, selbstverletzendes Verhalten („Jeder, der sich ritzt, hat Borderline!“). Für mich war die Diagnose eine Chance, Werkzeuge zu entwickeln die mir helfen, mit mir umzugehen. Das funktioniert bis heute mal mehr, mal weniger gut, aber mit zunehmenden Alter immer besser. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht, wie lange Zeit angenommen, unheilbar ist, sondern dass es sehr gute Prognosen gibt, ein stabiles Leben zu führen. Man kann es nicht von der Hand weisen, dass dieser Teil bis heute Auswirkungen auf meinen Alltag, meine Freundschaften und meine Ehe hat und dass es auch eine gewisse Menge an Kraft kostet, die man aufbringen muss, wenn man nicht will, dass alles wie ein Kartenhaus über einem zusammenfällt.
Es ist scheiß harte Arbeit, und oft ist man auch auf das Verständnis seiner Mitmenschen angewiesen.
Aber es ist auch eine Gratwanderung zwischen zwei Wegen: seine Identität auf die Persönlichkeitsstörung zu stützen, sich „darauf auszuruhen“ und alles damit zu rechtfertigen, oder sich dieser Identität bewusst zu sein – und diesen Teil anzuerkennen und ihn zu reflektieren.
Was mir und mit Sicherheit auch vielen anderen Betroffenen dabei geholfen hat, ist das Buch „Ich hasse dich – verlass‘ mich nicht“ von Jerold J. Kreisman und Hal Straus. Nach der Veröffentlichung 1989 gab es 2012 eine erweiterte Neuauflage und 2022 eine dritte, komplett aktualisierte Ausgabe, die nahezu den doppelten Umfang der Erstausgabe hat. Es stellt alle wichtigen Informationen zur Verfügung und bringt Betroffenen neue Hoffnung auf eine langfristige Verbesserung ihrer Situation. In dem Buch wird fundiert und verständlich die Entstehung und Symptomatik des Borderline-Syndroms erklärt. Es zeigt Therapiemöglichkeiten und Techniken auf, um mit der Störung umzugehen und ist ein hilfreicher Begleiter für Betroffene, Angehörige und Fachpersonal. Ich habe dieses Buch nahezu verschlungen, angefangen bei der Erstausgabe, weil es mir so viele Türen im Kopf geöffnet hat und mir geholfen hat, mich mit meinem „Danebenstolpern im Gegenverkehr“ besser zu verstehen. Das Lesen war einfach ein einziger AHA-Moment, deshalb nehme ich an einigen Stellen Bezug auf das Buch, um Zusammenhänge besser greifbar zu machen und wissenschaftlich fundiert zu erklären. Um den Bogen wieder zurück zu meinem Buch zu schlagen: der Blog ist dazu gedacht, hier eventuell nach und nach einige Kapitel zu veröffentlichen.
Zum Schutz der Privatsphäre wurden einige Namen geändert.
Triggerwarnung: In diesem Blog werden sensible Themen (sexualisierte Gewalt, Depression, Suizid, Trauma) beschrieben. Wenn du dich instabil fühlst und dir solche Thematiken gerade nicht gut bekommen würden, lies diesen Blog bitte nicht weiter.