Wurzeln meiner Wut.

(Triggerwarnung: Gewalt/Misshandlung)

Meistens nahm sie die Füße.

Für mich war das ein großer Nachteil, denn ihre Beine hatten eine für mich beinahe unmenschliche Kraft und anders als bei einer Ohrfeige konnte ich nur schwerlich ausweichen. Für sie war es praktisch, weil ich für mein Alter klein und schmächtig war – sie musste sich nicht einmal bücken. So konnte sie mit voller Wucht zutreten, immer und immer wieder, ohne dass ihr die Beine schwer wurden. Sie zielte nicht, es war ihr egal, wohin die Tritte gingen, und da ich mich nicht vollständig schützen konnte, traf es meist meinen Rücken und meine Schienbeine. Dass sie die Füße nahm lag aber vor allem daran, dass ich spätestens nach dem zweiten Schlag zu Boden ging. Nicht wegen der Wucht ihrer Schläge – die konnte ich ertragen, ihre Tritte aber nicht, weil deren Schmerz so unberechenbar war. Es war die Angst, die mich in die Knie zwang, ein übermächtiger Reflex, gegen den ich nichts tun konnte. Diese Angst schien sie zu beflügeln. Sie machte sie noch wütender, wenn sie merkte, dass ich versuchte, ihren Schlägen auszuweichen. Ich hatte mich dem nicht zu entziehen – schließlich bestimmte sie, wann es vorbei war.

Also ging ich zu Boden, krümmte mich zusammen, versuchte verzweifelt, Bauch, Kopf und Hintern gleichzeitig zu schützen und pinkelte mich ein. Das machte sie rasend. Sie hasste es, wenn jemand die Kontrolle verlor und sie nicht die absolute Macht über jede Reaktion hatte. Weinen durfte ich auch nicht – dabei war es so vorhersehbar. Wenn man ein Kind schlägt, weint es. Aber das war für sie keine Entschuldigung. „Hör auf zu flennen, du Memme!“ brüllte sie und trat weiter. Jedes Mal, wenn ich mich einnässte – also eigentlich immer – schrie sie: „Du kleine Drecksau! Du sollst dich nicht immer einpissen!“ Ihre Worte wurden zu einem grausamen Takt, begleitet von den Tritten, die unbarmherzig auf meinen Körper prasselten. Wenn ich dabei auf dem Küchenteppich lag, trat sie so lange, bis ich auf dem Korkfußboden lag, damit ich nicht den Teppich ruinierte. Wenn sie fertig war, ließ sie mich einfach liegen. Dann stampfte sie weg, nur um wenige Augenblicke später zurückzukehren. Sie warf mir frische Kleidung vor die Füße und fauchte, ich solle mich gefälligst umziehen. Als wäre nichts gewesen. Als wäre ich nur eine lästige Aufgabe, die sie endlich erledigt hatte.

Solange ich zurückdenken kann, war meine Mutter meine Feindin. In ihrer Gegenwart war ich still, eingeschüchtert und ängstlich – das komplette Gegenteil dessen, wie ich mich in der Schule verhielt. Dort war ich laut, wild, prügelte mich oft und wurde regelmäßig aus dem Unterricht geworfen, weil ich ihn störte. Zu Hause war alles anders. Zu Hause war ich immer auf der Hut.

Ich war wachsam, versuchte ständig, aus ihrem Gesichtsausdruck oder der Art, wie sie mit jemandem sprach, ihre aktuelle Laune herauszulesen. Wenn sie sich im mittleren bis unteren Bereich ihrer Stimmungsskala befand, wagte ich es nicht, sie anzusprechen oder um etwas zu bitten – nicht einmal, wenn es nur ein neuer Klebestift für den Bastelunterricht war. Dann gab es keine Fragen, keine Wünsche. Stattdessen schlich ich auf Zehenspitzen durch die Tage, bemühte mich, jede Aufgabe, die sie mir auftrug, fehlerfrei zu erledigen, bloß nicht aufzufallen. In solchen Momenten war es sicherer, den Klebestift heimlich im Supermarkt zu klauen, als sie um Geld dafür zu bitten. An den seltenen Tagen, wenn ihre Laune sich im oberen Bereich bewegte, wurde ich manchmal mutig. Dann traute ich mich, beim Einkaufen nach einem Pudding zu fragen oder vorsichtig anzudeuten, dass ich fünf Mark für die Klassenkasse bräuchte. Es war ein riskantes Spiel, bei dem ich nie wusste, ob sie vielleicht doch umschwenken würde – von einem müden Lächeln zu einem lauten Schrei, von einem nachsichtigen Nicken zu einem Schlag. Grundsätzlich waren unsere Gespräche inhaltlich nicht besonders gehaltvoll. Wenn sie mich nicht gerade ignorierte, gab sie mir entweder Befehle, schimpfte oder sagte irgendetwas Gehässiges. Ich hörte ebenso oft, dass ich eine Memme oder Heulsuse bin, wie ich auch hörte nutzlos und hässlich zu sein, dass ich dumm bin und ein faules Aas oder eine dreckige Pottsau und es sowieso nie zu irgendwas bringen würde.

So lebte ich, immer in Habachtstellung, immer bereit, mich unsichtbar zu machen oder meine Wünsche zu verbergen. Denn alles konnte falsch sein. Selbst das Richtige. Als ich 15 war, versuchte sie plötzlich, meine Freundin zu sein – was dazu führte, dass unsere sowieso schon gestörte Beziehung zusätzlich geprägt wurde von unangemessenen, übergriffigen Situationen. Zum Beispiel als sie mich bat, Nacktfotos von ihr zu schießen oder wir am Silvesterabend zu zweit zu Hause waren und sie es sehr betrunken für eine lustige Idee hielt, bei einer Sexhotline anzurufen. Die Worte „übergriffig“ und „unangemessen“ werden im Kontext mit meiner Familie noch häufig fallen – wenn nicht geschrieben, dann zumindest gedanklich in euren Köpfen. Es gab ansonsten nicht viel in diesem Zuhause, was einen glücklich machen konnte. Eigentlich müsste ich sagen, es gab überhaupt nichts, aber diese Behauptung würde meiner Erfahrung widersprechen, dass ein Mensch immer etwas Erfreuliches findet, und wenn es nur der nächste Tag ist, den er erleben darf. Dort, wo ich aufwuchs, herrschte Gewalt und Tyrannei. Das gewaltfreie Erleben eines neuen Tages empfand ich ergo als etwas Besonderes.

Meine Mutter wirkte in vielerlei Hinsicht wie eine zutiefst verletzte und emotional dysregulierte Person. Ihre autoritäre Haltung spiegelte sich in ihrem Bedürfnis nach Kontrolle wieder, das sie durch strenge Regeln, emotionale Manipulation und Gewalt durchsetzte. Statt Geborgenheit und Sicherheit zu geben, agierte sie oft als antagonistische Figur, die Strafen verhing, wo Anerkennung angebracht gewesen wäre. Ihre Erziehungsmethoden basierten auf Kontrolle und Einschüchterung, anstatt auf Vertrauen und Unterstützung. Vor allem aber war meine Mutter unfähig, ihre eigenen Emotionen konstruktiv zu regulieren. Wir alle kennen ja den allgemein bekannten Konsens, dass „eine Ohrfeige noch nie jemandem geschadet hat“ und bei allen, die das sagen, bin ich mir sicher, dass es das eben doch hat. Sein Kind zu ohrfeigen, ist keine „verdiente Strafe“, sondern ein Ausdruck von Hilflosigkeit und mangelnder Kontrolle. Gewalt als Mittel zur Erziehung mag kurzfristig einen „Erfolg“ bringen, dass das Kind seine „Lektion gelernt hat“, ist aber langfristig problematisch für das Selbstwertgefühl des Kindes, weil es Gefühle von Angst, Scham und Unsicherheit durchlebt.

In unserer Geschichte gibt es zwei Wahrheiten: Die Wahrheit meiner Mutter und meine eigene. Für sie war ich ein unbändiger Wildfang, kaum zu bremsen. Ein Kind, das nur durch Gewalt diszipliniert werden konnte, ganz gleich ob ich fünf, acht oder 14 Jahre alt war. Für mich – und für die, die es wirklich sehen wollten – war ich ein stilles, zurückgezogenes Mädchen, das auf dem Fußboden saß und in Büchern Zuflucht suchte. Meine Mutter konnte oder wollte das nie sehen. Für sie war ich eine Projektionsfläche, auf die sie ihre eigenen unbewussten Traumata und Konflikte übertrug. Dass es zwei unterschiedliche Wahrheiten gibt, ist erst mal okay, denn es gab sowohl die eine als auch die andere Version von mir – jedoch ist die Wahrheit meiner Mutter fatal aus dem Kontext gerissen. Sie legitimiert Gewalt und Misshandlung an Kindern und dass ebenjene ein akzeptiertes Mittel ist, wenn das Kind anders nicht „in den Griff“ zu kriegen ist. Dass ich heute als impulsiv und manchmal etwas zu laut gelte, unterstreicht bei vielen die Anahme, dass ich als Kind auch laut, anstrengend und schwer zu bändigen gewesen sein muss. Manchmal finde ich mich in Gesprächen oder Diskussionen wieder, hauptsächlich mit Menschen, denen Themenfelder der Sozialen Arbeit noch fremder sind als mir. In den Gesprächen geht es dann zum Beispiel um Erziehungsmethoden oder wie aufmüpfig und frech manche Kinder zu ihren Eltern sind und ich dann frage, wie man als jeweiliger Erwachsener damit umgeht. Zumeist kommt als Antwort, ich wäre als Kind ja sicher auch nicht gerade „leicht zu händeln“ gewesen, hätte meinen Eltern „auf der Nase rum getanzt“ und wäre frech und schwierig gewesen – begründet wird diese Anahme dadurch, dass ich heute auch „frech“ und schwierig bin (ich finde es allerdings auch etwas wild, wenn Menschen erwachsene Frauen „frech“ nennen).

Weil ich also heute impulsiv, laut, forsch und selbstbestimmt bin und mir nicht alles gefallen lasse, war ich als Kind selbstverständlich schwierig, frech, vorlaut und nur durch Gewalt zu disziplinieren. Niemand käme auf die Idee zu glauben, dass ich es harter Arbeit und Verbissenheit zu verdanken habe, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – und dem Umstand, dass Gewalt und Missbrauch in diesem Ausmaß zwangsläufig dazu beitragen, einen Knacks zu kriegen. Nein, habe ich irgendwann gesagt, ich war das schüchternste, leiseste Kind das du dir vorstellen kannst. Ich habe meiner Mutter keine Widerworte gegeben, ich war nicht frech, ich war nicht vorlaut. Ich habe mich untergeordnet und getan was mir gesagt wurde und habe trotzdem für alles den Kopf hinhalten müssen, an dem ich nicht schuld war. Man muss als Kind nicht unbequem gewesen sein, um eine unbequeme Erwachsene zu werden. Es reicht vollkommen, wenn die Eltern keine Bindung zu ihrem Kind aufgebaut haben – dann ist das Kind bindungsgestört und wird in irgendeiner Form verhaltensauffällig. Mehr muss man über Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Laie nicht wissen – eine schwierige Kindheit ist keine Entschuldigung, sich als Erwachsener wie ein Arschloch zu benehmen, aber es ist ein Ansatz zum Arbeiten, weil sich gute Lösungen nur finden lassen, wenn man das Problem im Detail benennen kann.

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