Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, kurz BPS, zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass Emotionen, Stimmungen, Identität und zwischenmenschliche Beziehungen enormen Schwankungen unterliegen. Betroffene kämpfen mit den Schwierigkeiten der Affektregulierung beziehungsweise der Unfähigkeit, ihre Emotionen im Griff zu halten. Sie sind außerdem von starken Emotionen wie Schuld, Scham, Ohnmacht und Selbstverachtung geplagt und berichten häufig von einem anhaltenden Gefühl der Leere („depressive Episode“). Das Risiko, an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erkranken, sind neben genetisch bedingten Temperamentsfaktoren (meine Mutter war eine furchtbar aufbrausende und aggressive Person) aber vor allem Erfahrungen sexualisierter und körperlicher Gewalt, emotionale Vernachlässigung (Bindungsstörung) und Mobbing in Kindheit und Jugend.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung ist eine der häufigsten Persönlichkeitsstörungen überhaupt – und dennoch eine der am wenigsten bekannten. Während die meisten Menschen noch einigermaßen zutreffende Beschreibungen von Depressionen, Angststörungen oder Alkoholabhängigkeit geben können, wird die Borderline-Persönlichkeitsstörung oft sehr abwertend beschrieben. „Die sind manipulativ und gestört“ oder „Von denen hältst du dich besser fern, die machen dich kaputt“ sind Sätze, die ich in den letzten 20 Jahren am häufigsten gehört habe, wenn es um Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ging, sowie „Sind das nicht die, die sich ritzen? Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!“
Tatsächlich greifen 65 bis 80 Prozent der Betroffenen zu einer nichtsuizidalen Form von selbstverletzendem Verhalten. Die häufigste Form ist dabei das Zufügen von Schnittwunden mittels scharfer Gegenstände (Rasierklingen, Messer, Scherben, etc.), gefolgt von Verbrennungen und Verbrühungen (Zigaretten ausdrücken am eigenen Körper, Hand über eine Kerze halten).
Selbstverletzendes Verhalten hat dabei zwar keinen suizidalen Aspekt, sondern dient dazu unangenehme Spannungszustände abzubauen, kann aber bei bis zu einem Drittel der Betroffenen mit Suizidalität einhergehen – es wird dann dazu eingesetzt, Suizidgedanken zu regulieren. Nicht selten können die Spannungszustände so unangenehm werden, dass neben Selbstverletzung auch riskantes Verhalten als Mittel zum Abbau eingesetzt werden (rücksichtsloses Autofahren, riskantes Sexual- oder Kaufverhalten). Innere Spannungszustände gelten als Leitsymptom einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die meist nur durch diese dysfunktionalen Verhaltensmuster beendet werden können.
Neben Anspannungszuständen zeigt sich die gestörte Affektregulation in Form von Gefühlen der inneren Leere oder einer vollständig fehlenden Gefühlswahrnehmung bis hin zu fehlendem Schmerzempfinden. Es kann zum Auftreten mehrerer, sich widersprechender Emotionen gleichzeitig kommen, zum Beispiel Freude und Wut, oder Ekel und Erregung. In der Folge leiden Borderline-Patient*innen unter heftigen, situationsunabhängigen Stimmungsschwankungen, impulsiven Gefühlsausbrüchen, Schwarz-Weiß-Denken, Katastrophisieren, Verfolgungsängsten, starker Verzweiflung und Ohnmachtsgefühlen.
Durch die emotionale Instabilität werden auch zwischenmenschliche Interaktionen, insbesondere private Beziehungen, stark beeinträchtigt. Ein zentraler Aspekt der Erkrankung ist eine übermäßige Angst vor dem Verlassenwerden, die oft mit einer ebenso ausgeprägten Angst vor sozialer Nähe einhergeht und zum Scheitern von Partnerschaften führt, wenn diese den schwankenden Affekten nicht gewachsen sind. Die Verlustängste halten sich die Waage mit Verhaltensmustern, die das Verlassenwerden forcieren, z.B. durch das Provozieren von Streit und das anschließende Betteln um Vergebung und die Abwertung der eigenen Person. Die Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten sind in der Regel intensiver, gleichzeitig aber auch instabiler und stärker von Formen emotionaler Abhängigkeit geprägt.