Abwehrmechanismus ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, der jedoch auch von anderen Richtungen der Psychologie benutzt wird. Als Abwehrmechanismus wird der Umgang mit schwierigen Gefühlen oder Situationen bezeichnet. Es werden reife und unreife Abwehrmechanismen unterschieden – wie bereits erwähnt, gehen Borderline-Patient*innen unreif mit Konflikten um. Sie haben nicht die Fähigkeit, bei sich und anderen „gute“ und „böse“ Anteile zu integrieren. Sie spalten, das heißt, dass es für sie entweder nur gut oder nur böse gibt. Die Spaltung stellt den Hauptabwehrmechanismus dar. Sie dient der Angstreduzierung, denn so kann der „gute Bereich“ nicht vom „schlechten Bereich“ verunreinigt werden. Die Verhältnisse sind somit klarer und es gibt keine Irritationen. Doch um alle Menschen in die eine oder die andere Schublade stecken zu können, werden Hilfsmechanismen benötigt, die es ermöglichen selbst dann die Spaltung aufrecht zu erhalten, wenn äußere Bedingungen es unmöglich erscheinen lassen. Diese sind zum Beispiel primitive Idealisierung, Verleugnung, Entwertung, projektive Identifizierung und Omnipotenz.
Idealisierung ist ein normaler Bestandteil der Entwicklung. Frühe Idealisierung kann aber zu Abwehrzwecken fortbestehen und zu einem unerlässlichen Hilfsmittel der Spaltung werden. Unter primitiver Idealisierung versteht man, dass ein anderer Mensch als total gut, vollkommen, allmächtig, unerschöpflich erlebt wird. Verkannt wird die Unvollkommenheit und Begrenzung der idealisierten Person.
Die primitive Idealisierung ist kein wirkliches Interesse an diesem Menschen, sondern ein Schutzmechanismus, und zwar dient dieser idealisierte Mensch dazu, einen gegen eine böse Umwelt zu schützen. Auch wird dieser sogenannte gute Mensch gegen jede Angriffe von außen verteidigt. Andererseits muss man die eigenen Aggressionen gegen diesen Menschen nach außen projizieren, um die Idealisierung aufrechtzuerhalten, um so an seiner phantasierten Allmacht teilhaben zu können. Mit zunehmender Reifung können sowohl die guten als auch die bösen Eigenschaften an dieser Person wahrgenommen werden. Mit der Wahrnehmung der bösen Eigenschaften ist Trauer verbunden, dass dieser Mensch eben auch nur ein Mensch ist. Zugleich tritt Ambivalenz auf, dass man diesen Menschen lieben und hassen kann. Schuldgefühle werden spürbar, da man die bösen Seiten dieses Menschen ablehnt. Die Trauer, Ambivalenz und Schuldgefühle müssen ausgehalten und verarbeitet werden, und erst dadurch wird man wirklich beziehungsfähig, so dass man sich in den anderen einfühlen kann und auch realisiert, dass er eigene Bedürfnisse hat. So wird das Bedürfnis nach einem allmächtigen Gegenüber abgelöst durch realistische Einschätzung der eigenen autonomen Möglichkeiten, was eine Entwertung zur Folge hat.
Projektive Identifizierung beschreibt den Zustand, wenn jemand ein starkes Gefühl in einem selbst auslöst. Man fühlt sich schuldig, hilflos, ohnmächtig oder wütend, innerseelische Anteile, meist aggressive, werden aus der eigenen Psyche ausgelagert und auf eine andere Persson übertragen. Die andere Person wird mit diesem Anteil identifiziert und mittels Interaktion dazu gebracht, auch so zu empfinden – durch Streit oder ähnliches – weil sie dieses Gefühl erst in einem ausgelöst hat. Es entsteht bei dem/der Borderline-Patient*in ein Gefühl der Verschmelzung mit der Person, auf die sich die projektive Identifizierung bezieht. Auf diese Weise wird versucht, die verleugneten und zurückgewiesenen Anteile des Selbst in anderen aufzubewahren und sie so zu kontrollieren. Mit Hilfe der Verleugnung werden eigentlich bekannte Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle ausgeblendet. Sie sind zum tatsächlichen Zeitpunkt der Verleugnung nicht abrufbar, ebenso nicht die damit verbundenen Ereignisse, auch dann nicht wenn sie mit unstrittigen äußeren Realitäten konfrontiert werden, diese werden vehement verleugnet.
Omnipotenz bedeutet, dass Borderline-Patient*innen sich allmächtig und allen anderen überlegen fühlen – es ist die innere Befindlichkeit, die Entwertung motiviert. Sie ziehen sich zurück in eine Welt von Größenwahn, dadurch wird eine scheinbare Unabhängigkeit von der Umgebung und vor allem von als bedrohlich empfundenen Menschen fantasiert. Sie stabilisieren dadurch ihren Selbstwert und schützen sich vor Kränkung und Verlassenwerden, das Ziel des Ganzen ist die Maximierung der Autonomie.