Platzwunde.

(Triggerwarnung: Gewalt, Misshandlung.)

1994.

Einige Wochen bevor wir nach Halver umzogen, verbrachte ich Stunden damit, meine alte Kinderzimmerdecke anzustarren – eine langweilige, weiße Raufaserzimmerdecke. In meinem neuen Zimmer war die Decke von einem filigranen Stuck eingerahmt, der mich immer an ein altes Schloss erinnerte, und ich hatte mich so sehr in diesen Blick verliebt, dass ich darum bat, sie möge doch bitte dran bleiben – aber Jörg riss sie während der Renovierungsarbeiten ab. Meine Enttäuschung darüber war groß, aber wie so oft behielt ich sie für mich. Mein neues Zimmer im Haus am Schwimmbad war dann einfach nur klein, unscheinbar und ohne das Besondere, das ich mir erhofft hatte. Es war, als hätte ich einen Teil von mir verloren, der gar nicht da gewesen war.

Eines Nachmittags stand ich in unserem alten Zuhause der Küche und räumte die Spülmaschine aus. Ich war gedankenverloren, träumte davon, wie es sein würde, in das neue Haus zu ziehen, und versank so tief in meinen Gedanken, dass ich nicht bemerkte, wie Mama die Küche betrat. Erst als sie anfing, mich anzuschreien, war ich plötzlich wieder in der Realität. „Du kannst nicht einmal Tassen richtig einsortieren!“, donnerte sie. Mein Herz setzte aus und ich spürte das vertraute, beklemmende Gefühl in meinem Magen. Ich öffnete die Schranktüren, suchte nach meinem Fehler, aber ich konnte nichts finden. Noch bevor ich mich erklären konnte, traf mich ihre Hand mit einer solchen Wucht, dass ich den Halt verlor und gegen den Türrahmen knallte. Der Schmerz über meinem Auge war stechend, als würde etwas in mein Gesicht schneiden. Ich fiel, doch bevor ich auf dem harten Küchenboden aufschlug, wurde alles schwarz und ich flog durch einen Nebel aus flackernden Lichtern und dumpfen Geräuschen.

Das nächste, was ich wahrnahm, war der kalte Badezimmerboden unter meinem Körper. Als ich meine Augen öffnete, sah ich Mama über mir knien. Ihre Hände zitterten, ihre Wangen waren nass und sie murmelte leise Entschuldigungen. „Es tut mir so leid… Das wird nie wieder passieren“, flüsterte sie, während sie mit einem kalten Waschlappen die Wunde über meiner Augenbraue abtupfte. Die Berührung brannte wie Feuer, aber ich biss mir schweigend auf die Lippen. Ihre plötzliche Fürsorge verwirrte mich fast mehr als der Schmerz. Sie band mir eine Mullbinde um die Stirn und trug mich vorsichtig ins Bett. Dort deckte sie mich zu, löschte das Licht und verließ den Raum. Ich lag da, starrte in die Dunkelheit und fühlte mich taub. Mein Kopf pochte, als wolle er mir vor Schmerzen zerspringen. Irgendwann hörte ich Isabell, wie sie leise eine Hörspielkassette einlegte. Ihre Stimme klang fast triumphierend, als sie verkündete, dass sie heute im oberen Hochbett schlafen dürfe. Es war, als wäre der Vorfall in der Küche schon vergessen – zumindest für sie. Für mich jedoch war er unauslöschlich. Später in der Nacht ertastete ich vorsichtig den dicken Verband an meiner Stirn. Mir wurde schlecht vor Schmerz und bei dem Gedanken an die Wunde darunter, aber irgendwann überwältigte mich die Müdigkeit und ich fiel in einen unruhigen Schlaf.

Die Tage, die folgten, verliefen wie in diesem dumpfen Nebel, durch den ich geflogen war. Ich wusste, dass ich nicht zur Schule gehen musste, aber es fühlte sich nicht wie ein Gewinn an. Es war eher, als hätte man mich aus dem normalen Leben herausgeschnitten und irgendwo abgestellt, wo niemand mich sehen konnte. Ich fühlte mich unsichtbar, obwohl ich ständig in Mamas Nähe war. Wenn wir in der neuen Wohnung waren, tat ich mein Bestes, um zu helfen. Ich sortierte Schrauben, schob Pinsel hin und her oder fegte den Boden. Alles, um mich nützlich zu machen. Es war, als wollte ich beweisen, dass ich es wert war, da zu sein, auch wenn ich wusste, dass es nie reichen würde.

Einmal sah ich Mama an, als sie auf einer Leiter stand und eine Wand strich. Ihre Haare waren zu einem Knoten zusammengebunden und sie wirkte sehr konzentriert. In diesem Moment war sie nicht die Frau, die mich angeschrien oder geschlagen hatte. Sie war nur jemand, der versuchte, alles zusammenzuhalten. Und ich fragte mich, ob sie genauso müde war wie ich. Aber solche Gedanken hielt ich nicht lange aus. Sie machten mich nur wütend, weil sie mein eigenes Leid kleiner machten. Es war einfacher, sie zu hassen, als Mitgefühl für sie zu empfinden. Jeden Abend, wenn wir nach Hause kamen, war das Ritual dasselbe: Sie nahm den Verband ab, tupfte etwas auf die Wunde, das brannte, und verband alles wieder neu. Dabei sagte sie nicht viel. Manchmal murmelte sie etwas wie: „Das wird schon wieder.“ Aber es klang nicht wie eine Entschuldigung, eher wie ein Versuch, die Situation zu übergehen. Und ich ließ es zu. Was hätte ich auch anderes tun können? Einmal hatte ich es geschafft, im Spiegel einen Blick auf meine Stirn zu werfen und der Anblick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Der lange, breite, rote Schlitz über meiner Augenbraue sah beängstigend aus. Ich wusste instinktiv, dass so etwas genäht gehört hätte, aber das hätte bedeutet, einen Arzt aufzusuchen – und damit auch erklären zu müssen, wie es passiert war. Mama hatte das offenbar um jeden Preis vermeiden wollen.

Kurz bevor ich wieder zur Schule gehen durfte, setzte Mama sich zu mir und erklärte mir eindringlich, dass ich lügen müsste, wenn mich jemand nach meiner Verletzung fragte. „Du darfst niemandem die Wahrheit sagen“, flüsterte sie, „sonst stecken sie dich in ein Heim. Und das willst du doch nicht, oder? Sie werden denken, dass du unartig bist und dass ich nicht mit dir klarkomme.“ Ich nickte stumm, auch wenn ich die Logik ihrer Worte nicht verstand. Lügen war falsch, das hatte sie mir immer wieder gesagt. Doch in diesem Fall schien es eine Ausnahme zu geben – eine Ausnahme, die nur sie bestimmen konnte. Ich fühlte mich schuldig und verwirrt, als hätte ich tatsächlich etwas Schreckliches getan. Aber noch mehr fühlte ich mich machtlos. Was mir am meisten in Erinnerung blieb, war jedoch etwas anderes: Das leere Versprechen, das sie mir in jener Nacht gegeben hatte. „Das wird nie wieder passieren“, hatte sie gesagt. So sehr ich hoffte, dass sie es ernst meinte, wusste ein kleiner Teil in mir, dass es eine Lüge war.

Ich erinnere mich an die Rückkehr in die Schule. Die Wunde war verheilt, aber die Narbe blieb ein deutlich sichtbarer Beweis dessen, was passiert war. Meine Mitschüler waren neugierig und stellten viele Fragen. „Was ist denn mit dir passiert?“ wollten sie wissen und ich hielt mich genau an Mamas Vorgaben. „Ich bin hingefallen“, sagte ich immer wieder, „gegen die Tür gestoßen.“ Es klang glaubwürdig, glaubwürdiger als ich gedacht hätte, denn niemand schien meine Geschichte anzuzweifeln. Doch das Gefühl, dass ich die Wahrheit verstecken musste, wog schwerer als die Narbe selbst. Es machte mich nervös und ängstlich. Ich spürte, wie meine Mitschüler mich ansahen, und auch wenn sie bald das Interesse verloren, blieb das Unbehagen. Es war, als hätte ich ein Geheimnis, das so groß war, dass es jeden Moment aus mir herausbrechen könnte.

Es war auch nicht das letzte Mal, dass Mama mir etwas beibrachte, was ihrem eigenen Regelwerk widersprach. Die Wahrheit zu sagen, war nur dann richtig, wenn es ihr in den Kram passte. Und die Wahrheit zu verschweigen, war nur dann falsch, wenn es um sie selbst ging. Diese Lektionen wurden mit der Zeit zu einer seltsamen, schmerzhaften Normalität. Etwas anderes setzte sich ebenfalls in meinem Kopf fest: Dass ich für das, was geschah, verantwortlich war. Nicht direkt, aber doch irgendwie. Wäre ich nur ordentlicher gewesen, hätte ich die Tasse an den richtigen Platz gestellt, dann hätte es keine Ohrfeige gegeben. Hätte ich mich besser angestellt, wäre ich nicht gegen den Türrahmen gefallen. Und wäre ich ein besseres Kind gewesen, dann – dann hätte Mama mich vielleicht nicht so ansehen müssen, so voller Wut und Enttäuschung.

Es war diese Schuld, die mich noch Jahre später verfolgte, wie ein Schatten, der niemals von meiner Seite wich. Mit der Zeit wurde mir klar, dass es nicht die Schränke, die Tassen oder die Küchenordnung waren, die sie so außer sich brachten. Es war nicht einmal ich. Es war irgendetwas in ihr, etwas, das ich als Kind nicht begreifen konnte und als Erwachsene nur schwer in Worte fassen kann. Vielleicht war es ihr eigenes unerfülltes Leben, das sie an mir ausließ, ihre eigene Wut auf die Welt, die sie in jeder noch so kleinen Unvollkommenheit sah. Aber als Kind wusste ich das nicht. Ich wusste nur, dass ich mich anstrengen musste, immer wieder und immer mehr. Dass ich besser werden musste, irgendwie liebenswerter, um den Sturm in ihr zu beruhigen. Doch der Sturm ließ sich nie wirklich aufhalten. Er kam immer wieder, unberechenbar und laut, und riss mich mit sich.

Ich fing an, Muster zu erkennen, kleine Anzeichen für die bevorstehende Wut. Ein bestimmter Blick in ihren Augen, ein harter Tonfall, ein bestimmtes Seufzen. Ich wurde gut darin, diese Signale zu deuten, mich rechtzeitig aus dem Staub zu machen oder mich klein zu machen, in der Hoffnung, der Sturm würde an mir vorüberziehen. Aber manchmal gab es kein Entkommen, und dann lernte ich, still zu sein. Nicht zu schreien, nicht zu weinen, nicht zu widersprechen. Einfach still zu sein und abzuwarten, bis es vorbei war. Das Stillsein wurde zu einem Teil von mir, fast wie eine zweite Haut. Und obwohl ich es hasste, fühlte es sich gleichzeitig sicher an. Denn es war das Einzige, was ich kontrollieren konnte: Meine Stille. Alles andere lag außerhalb meiner Macht.

Ich erinnere mich an einen dieser Abende, als ich im Bett lag, den Verband um meine Stirn, und Isabell im Hochbett über mir mal wieder irgendeine Kassette hörte. Es war eine dieser Nächte, in denen der Schmerz nicht nur von meiner Stirn kam, sondern von irgendwo tief innen. Ein Schmerz, der mich nicht schlafen ließ, der mir keine Ruhe gönnte. Ich starrte an die Decke, die Dunkelheit in meinem Zimmer fühlte sich schwerer an als sonst. Alles in mir wollte schreien, wollte fragen: „Warum?“ Aber ich wusste, es würde niemand hören, und wenn doch, dann würde die Antwort mir nur mehr Schmerz bringen. In diesen Nächten stellte ich mir oft vor, wie es wäre, wenn ich woanders leben würde. Bei meiner Oma Erika, die so wunderbar ruhig war, die immer Kreuzworträtsel machte und die besten Suppen kochte. Oder bei meiner Tante, die immer ein freundliches Lächeln für mich übrig hatte, selbst wenn sie gestresst war. Ich stellte mir vor, wie es wäre, an einem Ort zu sein, wo ich einfach nur Kind sein durfte. Wo ich nicht so viel falsch machen konnte, dass es weh tat.

Aber es waren nur Träume. Und am nächsten Morgen war ich wieder da, wo ich immer war. Mit meiner Mutter, mit der Wut, mit dem Versuch, alles richtig zu machen. Und trotzdem war ich jedes Mal falsch.

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