Meine Augenlider sind schwer. Es ist das Gewicht, das mich erdrückt. Es lastet überall. Auf meinen Schultern, auf meiner Brust, auf meinen Augenlidern, auf meiner Stimme. Es fällt mir schwer, zu sprechen und zu denken.
Ich wache auf. Es ist kurz nach zehn Uhr früh, und es ist Sonntag.
Aus dem Wohnzimmer schallt Musik zu mir rüber, weil ich offensichtlich den Rechner angelassen habe. Mein Kopf pocht und mein Magen tanzt, weil ich offensichtlich noch ziemlich betrunken bin. Mein Blick fällt auf den Verband an meinem rechten Unterarm – dunkles olivgrün, aus Katrins Bundeswehr-Erste-Hilfe-Kiste.
Offensichtlich habe ich die Kontrolle verloren.
Ich schleppe mich aus dem Bett ins Badezimmer, nehme den Verband ab und betrachte das Ergebnis. Sechs Zentimeter lang, einen Zentimeter breit. Ich nehme mir einen Energydrink aus dem Kühlschrank, mein Tablet vom Tisch, schalte am Rechner die Musik leise und setze mich auf den Boden vor die Heizung. Ich checke meinen Promillerechner, gebe meine Daten ein und erfahre, dass ich erst Montag früh um vier Uhr wieder vollkommen nüchtern sein werde. Auch gut, denke ich mir, ich wollte heute sowieso nirgendwo hin. Ich suche im Internet nach einer Information, ab wann man eine Wunde nähen lassen sollte. Ich stoße auf Zeitangaben, möglichst eher als nach sechs Stunden, weil dann die Wundränder noch weich sind. Ich greife nach meinem Handy, gehe meine Chats durch. Jana habe ich ein simples „Hilfe“ geschickt, um sieben Uhr früh. Lilly habe ich um vier Uhr früh geschrieben, wieso sie noch wach ist. Irgendwo dazwischen muss es passiert sein. Beide haben geantwortet, Jana fragt was los ist, ich schreibe belangloses über eine laute Party der Nachbarn. Lilly schreibt, sie musste pinkeln, was meine Ausrede wäre. Ich habe einen an der Waffel, schreibe ich mit einem Emoji. Ich überlege kurz, Lilly zu fragen wegen meiner Wunde. Sie schickt ein Foto von dem Flohmarkt auf dem sie gerade ist, also verwerfe ich den Gedanken wieder.
Ich rufe mir ein Taxi und fahre in die Notaufnahme.
Ich muss nicht lange warten, nach drei Minuten ruft eine Schwester mich nach vorne, um die Wunde anzusehen wegen der Dringlichkeit. Nach weiteren fünf Minuten werde ich aufgerufen. Der Arzt ist mürrisch und stellt kurze, knappe Fragen. Wann das passiert ist, fragt er. Vor etwa fünf, sechs Stunden, lüge ich, denn ich bin mir nicht mehr sicher. Wieso ich jetzt erst komme, fragt er. Ich bin eingeschlafen, sage ich. Aha, sagt er. Ich lege mich auf die Liege und starre in die Neonröhren über mir. Er kippt etwas auf meine Wunde, was höllisch brennt, ich glaube es ist Desinfektionsmittel. Ich beiße in meine linke Hand und versuche den Schmerz drin zu lassen, dann kommt die Spritze. Als der Schmerz vorbei ist, frage ich, was er mir da gespritzt hat. Lokalanästhetikum, sagt er knapp. Er näht, verbindet und gibt mir seinen Bericht und die Anweisung, morgen meinen Hausarzt aufzusuchen, was ich natürlich nicht tun werde.
Ich stolpere nach draußen, zurück in das grelle Sonnenlicht.
Kein Taxi da. Egal, denke ich. Laufen ist auch okay. Auf dem Weg fragt mich ein Junge nach einer Zigarette. Du bist doch im Leben noch keine 18, sage ich. Ich bin 16, sagt er. Hättest du 14 gesagt, hätte ich dir geglaubt, grinse ich und gebe ihm eine Mentholzigarette. Ich wirke bestimmt ziemlich ungelenk, weil sich die Lokalanästhesie bis in meine Fingerspitzen ausbreitet. Meine Finger kribbeln, aber wenigstens schmerzt der Arm nicht.
Der Tag ist surreal.
Nach 45 Minuten Fußmarsch bin ich zu Hause. Ich öffne den Arztbericht. „Selbstverletzung, sechs cm“. Ich staune kurz, als mir auffällt dass keine Einweisung in die Psychiatrie oder das Anraten diesbezüglich erfolgt ist, was ich allerdings auch nicht schade finde. Ich lege den Brief zu meinen Unterlagen und falle zurück in mein Bett. Ana schreibt, was wir heute machen. Ich seufze. Der einzige Mensch, den ich momentan in meiner Nähe ertrage, der mich nicht nervt, obwohl wir unterschiedlicher nicht sein könnten. Wir verabreden uns für später, aber erst muss ich ein bisschen schlafen, sage ich. Wir bestellen später Essen, sagt sie.
Schlafen. Immer nur schlafen. Ja, Katrin Bauerfeind hat Recht. 8 Stunden Schlaf sind lediglich ein erweitertes Nickerchen. Nach drei Stunden werde ich wach, weil Ana schreibt dass sie hungrig ist. Es ist fast 17 Uhr, also stehe ich auf, immer noch ziemlich betrunken. Die lokale Betäubung hat mittlerweile nachgelassen, und ich wünsche mir das Kribbeln zurück – es war irgendwie angenehmer, als jetzt die volle Wucht des Schmerzes zu spüren. Hinzu kommt, dass ich vor Kopfschmerzen kaum richtig geradeaus gucken kann.
Ana kommt, und ich spiele die Verkaterte, wobei ich nicht viel spielen muss, denn es geht mir hundeelend – aber nach dem Essen besser. Sie geht um 22 Uhr, und ich gehe ins Bad und nehme den Verband ab. Fünf Stiche. Sehr sauber, obwohl der Arzt gesagt hat, er muss eine kleine Drainage offen lassen für das Wundwasser, weil ich so spät gekommen bin.
Die folgenden Tage bestehen aus Abschottung und Wundversorgung. Ich kaufe Wundpflaster, Kompressen und Jodsalbe. Ich stelle meinen Wecker ein paar Minuten früher, um morgens in Ruhe den Verband wechseln zu können und stretche mir vor dem Duschen Plastikfolie um das Handgelenk, weil die Naht nicht nass werden darf. Auf der Arbeit trage ich immer einen Hoodie über meinem Shirt, auch wenn es manchmal viel zu warm ist.
Tarnung, Baby. Tarnung ist alles.
Ich könnte Ausreden erfinden. Mir einen dieser Stretchverbände kaufen für Sehnenscheidenentzündungen. Oder sagen, ich hätte mich schlimm verbrannt. Kurz denke ich über die Variante „Tischkreissäge“ nach, aber das nagt dann doch zu sehr an meinem Handwerker-Ego, also belasse ich es beim Hoodie.
Jana merkt schon am nächsten Tag, als sie nach der Arbeit in mein Auto steigt, dass etwas nicht stimmt. Ich bin mürrisch und mies gelaunt, ich kann das vor ihr nicht überspielen, aber erzählen kann ich es ihr noch weniger. Am nächsten Tag ist Valentinstag, und ich bin noch schlechter gelaunt. Freitag empfiehlt sie mir, öfter meine Therapeutin aufzusuchen, als ich ihre Frage, ob ich einen depressiven Schub habe, bejahe. Auch Nini merkt, dass was nicht stimmt. Will nicht, dass ich mich verkrieche, eigentlich wollten wir Valentinstag zusammen verbringen, erst konnte sie nicht, dann wollte ich nicht.
Tarnung hilft nur oberflächlich. Lilly ist sauer, weil ich sie nicht sehen will. Ich bestelle mit Jana und Ana Klamotten bei H&M und verschwinde beim Anprobieren im Bad, damit niemand meine Naht sieht. Nach zehn Tagen ziehe ich meine Fäden selber, weil das Karnevalswochenende ansteht und ich arbeiten muss. Ich tupfe Make-up auf die Narbe, damit sie nicht so leuchtet und damit ich nicht in schwarzer Strickjacke Tabletts durch die Gegend tragen muss. Und mein Leben geht weiter, als wäre nichts passiert. Als wäre ich nicht versehentlich daneben getreten im Leben. Ein Karussell aus Aufstehen, Make-up, Arbeiten, Tarnung, schlafen.
Sieben Wochen später, als ich aus Paris wiederkomme, erzählt Lilly mir, dass sie jetzt Dienst in der Notaufnahme hat.