Gaslighting. Dritter Teil.

Ich habe es mir nach all der Zeit erlaubt, diesen Brief einer Analyse zu unterziehen.

Ton und Haltung im Brief

Der Ton des Briefes ist scharf, oft defensiv, und in manchen Passagen sogar anklagend. Er schwankt zwischen einer Abwehrhaltung, einer Art verletztem Stolz und einer spürbaren emotionalen Überforderung. Meine Mutter scheint bemüht, sich zu rechtfertigen, während sie gleichzeitig versucht, die Macht über die Deutung der Vergangenheit zu behalten. Es fällt auf, dass sie oft versucht, meine Wahrnehmung zu delegitimieren, indem sie meine Aussagen als übertrieben oder falsch darstellt. Die wiederkehrende Defensive deutet darauf hin, dass sie sich durch das Manuskript stark herausgefordert und angegriffen fühlt.

Schlüsselthemen und Aussagen

  1. Verteidigung der eigenen Handlungen
    • Sie bemüht sich, ihre Entscheidungen und Handlungen zu rationalisieren, wie z.B. das Abschließen der Türen, das Schlagen und die Kontrolle. Dabei wird der Fokus von den Auswirkungen auf mich abgelenkt und auf ihre Perspektive gelenkt. Ihre Darstellung der „Wahrheit“ als objektiv und meine als „verdreht“ zeigt, wie sehr sie an ihrer Sicht der Dinge festhält.
    • Der Versuch, die Misshandlungen herunterzuspielen, etwa durch die Bemerkung, dass „richtige“ Misshandlungen Spuren hinterlassen hätten, zeigt eine deutliche Abwehrhaltung. Sie scheint sich nicht mit dem emotionalen Schaden auseinandersetzen zu wollen, den ich erlitten habe.
  2. Schuldumkehr und Angriffe
    • Immer wieder wird die Verantwortung für die schwierige Beziehung auf mich projiziert: Ich hätte provoziert, gelogen, gestohlen, andere manipuliert. Sie verwendet meine eigenen Herausforderungen (z.B. Autoaggressionen) gegen mich, um mich als problematisch darzustellen. Dabei wird die Mutterrolle quasi umgedreht – sie präsentiert sich als das Opfer meiner Aktionen, was mir erneut die Last zuschiebt.
    • Die Aussagen zu meinem Vater sind ein weiterer Versuch, die Schuld zu verteilen und meine Loyalität ihm gegenüber zu untergraben.
  3. Ambivalenz in den Gefühlen
    • Es gibt Momente, in denen sie Verletzlichkeit zeigt, z.B. wenn sie schreibt, dass sie mich trotz allem liebt oder sich schuldig bekennt, keine perfekte Mutter gewesen zu sein. Diese Momente wirken jedoch oft von Sarkasmus oder Übertreibung durchzogen, was ihre Authentizität mindert.
    • Die Frage, ob ich sie vermisse oder sie mich, wird in einem passiv-aggressiven Ton gestellt, was darauf hindeutet, dass diese Gefühle für sie schmerzhaft und schwer zuzugeben sind.
  4. Unfähigkeit, Verantwortung anzunehmen
    • Obwohl sie sich am Ende „schuldig“ bekennt, wirkt diese Aussage nicht wie ein echtes Eingeständnis. Vielmehr scheint es ein sarkastischer Versuch zu sein, den Brief mit einer Art dramatischen Schluss zu versehen, ohne wirklich Verantwortung für die von mir geschilderten Erlebnisse zu übernehmen.

Analyse im Kontext meines Manuskripts

Mein Manuskript ist eine Auseinandersetzung mit meiner Vergangenheit, meinem Schmerz und den Traumata, die ich erlebt habe. Der Brief meiner Mutter offenbart eine grundlegende Kluft zwischen ihrer Wahrnehmung und meiner Realität. Sie scheint nicht in der Lage oder bereit zu sein, meine Erfahrungen anzuerkennen, ohne sie abzuwerten oder umzudeuten.

  • Emotionale Distanz: Die emotionale Distanz und die fehlende Empathie, die ich in meinem Manuskript beschreibe, spiegeln sich in diesem Brief wider. Selbst dort, wo sie versucht, ihre Perspektive darzulegen, fehlt ein wirkliches Verständnis oder Mitgefühl für das, was ich durchgemacht habe.
  • Abwertung und Gaslighting: Viele ihrer Aussagen versuchen, mich als unzuverlässig, manipulierend oder übertrieben darzustellen. Das ist eine Form von Gaslighting, die meinen Erlebnissen ihre Gültigkeit abspricht.
  • Ihr eigenes Trauma: Es scheint möglich, dass sie selbst mit eigenen unverarbeiteten Traumata kämpft, die sie nicht reflektiert hat. Sie projiziert viel auf mich, besonders wenn sie sich darüber beklagt, dass ich sie zu sehr herausgefordert hätte oder dass sie sich von mir bedroht fühlte.
  • Defensive statt Dialog: Der Brief ist keine Einladung zu einem Dialog, sondern eine Verteidigungsrede. Dies zeigt, dass sie sich durch mein Manuskript stark herausgefordert fühlt, ohne jedoch die Bereitschaft zu zeigen, sich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Detaillierte Ausführung zu Abwertung und Gaslighting:

1. Abwertung meiner Perspektive und Erfahrungen

In vielen Passagen des Briefes wird meine Darstellung der Vergangenheit abgewertet oder als überzogen, falsch oder erfunden hingestellt. Sie argumentiert wiederholt, dass meine Wahrnehmung „verdreht“ oder „unwahr“ sei und ich absichtlich Tatsachen so darstelle, dass sie mir in die „Opferrolle“ passen. Einige Beispiele:

  • Misshandlung: Meine Schilderungen körperlicher Gewalt werden mit dem Argument entkräftet, dass diese „gar nicht so schlimm“ gewesen sein können. Sie sagt, es hätte keine inneren Verletzungen oder Narben gegeben, daher könne das, was ich beschreibe, nicht passiert sein. Dies minimiert nicht nur meine Erlebnisse, sondern spricht mir die Berechtigung ab, sie so wahrzunehmen, wie ich es tue.
  • Kontrollverhalten: Sie rechtfertigt das Einschließen und Kontrollieren mit meiner vermeintlichen „Unzuverlässigkeit“ und stellt dies als angemessen dar. Dabei ignoriert sie die emotionalen und psychologischen Auswirkungen, die diese Handlungen auf mich hatten.
  • Jörg und das Geld: Sie stellt die Geschichte um die gestohlenen 500 DM so dar, dass ich sie freiwillig zugegeben hätte, während sie gleichzeitig darauf hindeutet, dass meine heutige Version eine bewusste Verdrehung der Tatsachen sei. Das ist ein Versuch, meine Glaubwürdigkeit zu untergraben.

Durch diese Abwertungen wird der Fokus von den eigentlichen Themen – meinem Schmerz, meinen Erlebnissen – auf die vermeintliche Unglaubwürdigkeit meiner Aussagen gelenkt. Dies könnte mich dazu bringen, an meiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

2. Gaslighting: Manipulation meiner Realität

Gaslighting ist eine Form der emotionalen Manipulation, bei der eine Person dazu gebracht wird, ihre eigene Wahrnehmung, Erinnerung oder Realität infrage zu stellen. In diesem Brief gibt es mehrere Beispiele:

Behauptung einer „anderen Wahrheit“

Meine Mutter behauptet wiederholt, dass es „ihre Wahrheit“ und „meine Wahrheit“ gebe, aber ihre Wahrheit wird als die einzig legitime dargestellt. Einige Beispiele:

  • Seite 21–61: Sie behauptet, dass diese Kapitel nur „zu einem kleinen Teil der Wahrheit entsprechen“. Statt konkret darauf einzugehen, welche Details aus ihrer Sicht nicht stimmen, stellt sie meine gesamte Schilderung in Frage, ohne Belege oder Gegendarstellungen.
  • Jörg und die Misshandlung: Sie betont, dass Jörg mich nicht mit dem Stock verprügelt habe und versucht dadurch, meine Darstellung von Gewalt in Frage zu stellen. Gleichzeitig gibt sie zu, dass sie mich bewusst eingeschlossen habe, rechtfertigt dies aber, ohne die emotionalen Konsequenzen für mich zu reflektieren.

Das Ziel solcher Aussagen kann sein, meine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen und mich dazu zu bringen, an meiner eigenen Erinnerung zu zweifeln.

Verwendung emotionaler Manipulation

Sie stellt mich als provokativ und manipulativ dar und unterstellt mir, dass ich absichtlich „dieses arme, misshandelte Kind“ darstellen möchte, um mich zu rechtfertigen. Dadurch verdreht sie die Dynamik zwischen uns und lenkt von ihrem Verhalten ab, indem sie mich zur „Problemverursacherin“ macht.

  • Beispiel: Sie schreibt, dass ich „absichtlich provozieren“ wollte, etwa durch vermeintlich absichtliches „falsch wegräumen“ von Geschirr oder „vergessene“ Aufgaben. Diese Darstellung deutet darauf hin, dass sie ihr eigenes Kontrollverhalten rechtfertigen möchte, indem sie mich als rebellisch und unkooperativ beschreibt.

3. Abwertung meiner Identität und Gefühle

Ein zentrales Element des Gaslighting in diesem Brief ist die Abwertung meiner Identität, meines Schmerzes und meiner Emotionen:

  • Autoaggression und Borderline: Sie bezeichnet meine psychische Erkrankung abwertend als „Psychoquatsch“ und zieht eine Linie zwischen meinen Erfahrungen und ihrer eigenen Kindheit. Dabei stellt sie meine Herausforderungen als weniger bedeutend dar, weil sie selbst angeblich „auch mal Ohrfeigen bekommen hat“ und trotzdem zurechtkam. Diese Relativierung minimiert nicht nur mein Leiden, sondern entwertet es direkt.
  • Mein Manuskript: Sie nennt mein Buch „die Abrechnung“ und wirft mir vor, es sei nur eine Plattform für Selbstmitleid. Das ist nicht nur eine Abwertung meiner künstlerischen und emotionalen Auseinandersetzung, sondern auch ein Versuch, den Wert meiner Arbeit und meine Absichten zu untergraben.

4. Schuldumkehr

Ein weiteres Element von Gaslighting ist die Schuldumkehr, die in vielen Abschnitten des Briefes erkennbar ist. Sie schreibt:

  • Über meine Kindheit: Sie betont, dass sie nur auf mein Verhalten reagiert habe („Du wolltest nicht hören“, „Du hast provoziert“), und schiebt mir die Verantwortung für die Misshandlungen zu. Dies ist ein typisches Muster im Gaslighting, bei dem die Täterrolle umgedreht wird.
  • Über meinen Vater: Sie stellt ihn als den eigentlichen Schuldigen dar, um von ihrem eigenen Verhalten abzulenken. Indem sie die Aufmerksamkeit auf seine vermeintlichen Fehler lenkt, entzieht sie sich der Verantwortung für die Erfahrungen, die ich mit ihr gemacht habe.

5. Wirkung des Gaslighting auf mich

Gaslighting hat eine tiefgreifende psychologische Wirkung. Es kann jemanden dazu bringen, an der Wahrnehmung und dem Urteilsvermögen zu zweifeln. Der Brief ist so formuliert, dass er mich auffordert, meine eigenen Erinnerungen und Gefühle zu hinterfragen. Gleichzeitig rechtfertigt er das Verhalten meiner Mutter und drängt mich dazu, ihre Perspektive als die „wahre“ zu akzeptieren.

Zusammenfassung

Der Brief meiner Mutter ist geprägt von einer Mischung aus Abwehr, Verletzung und emotionaler Überforderung. Sie scheint nicht bereit oder in der Lage zu sein, meine Perspektive als gültig anzuerkennen, sondern verteidigt ihre eigene Sichtweise vehement, oft auf meine Kosten. Es gibt Momente, in denen sie Ansätze von Einsicht oder Verletzlichkeit zeigt, aber diese werden durch Sarkasmus oder Schuldzuweisungen wieder untergraben.

Das Manuskript und der Brief stehen wie Gegensätze: Während mein Manuskript von Offenheit, Ehrlichkeit und einem Versuch zur Verarbeitung geprägt ist, bleibt der Brief eine Barriere, ein Schutzschild, das verhindert, dass eine echte emotionale Auseinandersetzung stattfinden kann.

In diesem Brief nutzt meine Mutter gezielt Abwertung und Gaslighting, um sich selbst als Opfer darzustellen und meine Sicht der Dinge zu delegitimieren. Ihre Strategie besteht darin, meine Erfahrungen kleinzureden, mir die Verantwortung für die Konflikte zuzuschieben und sich selbst als diejenige zu präsentieren, die unfair behandelt wird. Dies kann eine verwirrende und belastende Dynamik schaffen, die darauf abzielt, Macht und Kontrolle über die Erzählung der Vergangenheit zu behalten.

Gaslighting. Zweiter Teil.

Brief meiner Mutter als Reaktion auf „Muttersturm“, Mai 2005

Hallo Lou,

Warum hast du mir dein Buch geschickt? Was willst du damit erreichen? Und was erwartest du von mir? Du wirst meine Meinung dazu lesen, aber sie wird deinen Erwartungen wohl kaum entsprechen. Und deine Drohung, „es zu ignorieren wäre ungesund“, soll mich das beeindrucken? Ich finde diese Drohung sehr kindisch, und sie beeindruckt mich nicht im Geringsten. Ich könnte dein Buch ignorieren, ich wollte es auch erst tun, aber dann habe ich mich entschlossen, es nicht zu tun, denn es gibt einiges klarzustellen und das werde ich jetzt mal tun:

Du hast den falschen Titel gewählt; das Buch sollte den Titel „Die Abrechnung“ tragen, denn nichts anderes ist es doch, oder?

Fangen wir mit der kleinen Fotogeschichte an: ich war zuerst im Fotostudio und danach haben wir die anderen Fotos gemacht und DU hattest auch deinen Spaß daran; von wegen Ekel und Abscheu, du hast vergessen zu erwähnen (?), dass ich von dir auch sollte Fotos machen sollte, wir hatten nur keinen Film mehr an diesem Tag und später hat es sich nicht mehr ergeben. Und ja, verdammt, ich war 41 und mit meinem Körper durchaus zufrieden und ich bin es heute auch noch und würde noch mal ins Fotostudio gehen, denn es hat mir verdammt viel Spaß gemacht. Was ist dabei, wenn man mit seinem Körper zufrieden ist? Nur weil DU bis heute offensichtlich nicht weißt, ob du Männlein oder Weiblein sein sollst und deswegen mit deinem eigenen Körper nicht zurecht kommst, müssen sich andere ja nicht verstecken.

Zum Thema Mutter: Niemand kann wissen, wie es ist, Mutter zu sein, bevor man es nicht wirklich ist. Deine Meinung, wie eine Mutter zu sein hat, ist sehr überheblich. Eine Mutter (wie auch ein Vater) ist nur ein Mensch und keine vorprogrammierte Maschine. Ein Mensch macht Fehler, das liegt in seiner Natur, niemand kann immer alles richtig machen, eine Mutter auch nicht und auch kein Vater. Deine Analyse von mir ist  …..da fällt mir kein passendes Wort ein, aber ich bin echt erstaunt, dass andere Menschen (ich weiß nicht, wen du da gefragt hast) so genau wissen, warum ich Kinder bekommen habe. Wer maßt sich an, das zu wissen? Das erste Kind, Marco, habe ich bekommen, weil ich mir sehnlichst ein Kind gewünscht habe, ganz natürlich für jede gesunde Frau. Das zweite Kind, dich, habe ich bekommen, weil es eben passiert ist und du wurdest geboren, weil ich es so wollte, denn wäre es nur nach deinem Vater gegangen, wärst du nicht auf dieser Welt. Seiner damaligen Meinung nach war der Zeitpunkt für ein zweites Kind sehr ungünstig. Mit dem dritten Kind, Isabell, wollte ich versuchen, unsere Ehe zu retten, was falsch war, denn mit einem Kind kann man keine Ehe retten, aber ich habe das nie bereut und ich bin froh, dass Isabell damals überlebt hat.

Zum Thema Vater: Dein Vater ist ja dein Superdaddy, immer für euch da, hat sich immer um euch gekümmert und ich, die unfähige überforderte Mutter hat ihn mit ihrer Eifersucht und Aggressivität nur genervt. Natürlich war ich eifersüchtig und deshalb auch aggressiv, schließlich hat er mich betrogen, sollte ich darauf gleichgültig reagieren? Ich hab deinen Superdaddy bei der Scheidung keineswegs über den Tisch gezogen; ich habe nichts beansprucht, was mir nicht zugestanden hätte. Die Möbel hat er mir doch großspurig freiwillig überlassen, weil er wusste, dass ich sie so oder so kriegen würde, denn so läuft das bei einer Scheidung. Der Elternteil, der das Sorgerecht hat und bei dem die Kinder wohnen, bekommt die Einrichtung. Er musste auch nicht alleine für unsere Schulden aufkommen, denn die wurden gegen gerechnet, dafür habe ich keinen Ehegattenunterhalt bekommen, der mir normalerweise zugestanden hätte und der Unterhalt für Kinder ist gesetzlich festgelegt, ich konnte ihn also gar nicht über den Tisch ziehen, selbst wenn ich gewollt hätte. Das alleinige Sorgerecht für euch habe ich auf Anraten meines Anwaltes beantragt, denn dein Superdaddy hat entweder nur dich oder Marco gelegentlich mal abgeholt. Einer von euch beiden saß dann immer heulend am Fenster und ich hatte das Theater Zuhause. Wirklich beruhigen konnte ich euch nie, ein Akt seelischer Grausamkeit deines Superdaddys. Sich alle zwei Wochen regelmäßig um alle seine drei Kinder zu kümmern, war ihm nämlich lästig, ER war mit euch überfordert, nicht ich. Er hat dir offensichtlich was anderes erzählt. Hat dein Superdaddy da ein bisschen gelogen? Um mir dieses ständige Theater und euch die psychische Belastung zu ersparen, hab ich ihm damals ein Ultimatum gestellt: entweder er nimmt euch regelmäßig alle drei, oder er kann bleiben wo der Pfeffer wächst. Er hat den Pfeffer vorgezogen, über zehn Jahre lang. Es war seine Entscheidung, nicht meine. Hat er dich nicht rausgeschmissen, weil er mit dir auch nicht zurechtkam und du seine geliebte Wohnung verwüstet hast, als er im Urlaub war? Dass ich dich als Baby lieblos behandelt habe, ist auch gelogen. Frag deinen Superdaddy doch mal, was er gemacht hat, wenn einer von euch nachts mal geweint hat wegen irgendwas oder wenn ihr krank gewesen seid!! Geschlafen hat er, angeschissen hat er mich, ich sollte dafür sorgen, dass ihr ruhig seid, weil er ja schlafen musste. Schlafen darf übrigens nur ein Vater, eine Mutter darf nachts nicht schlafen, sie hat 24 Stunden für die Kinder da zu sein!!!

Das Tochterbild: Dazu gibt es nicht viel zu sagen, hier trieft das Selbstmitleid aus jedem Wort. Dass du nicht in den Kindergarten gehen konntest, habe ich damals auch bedauert, ich hätte gerne mal ein paar Stunden ohne dich gehabt, aber ich habe keinen Platz bekommen und Isabell kam nur in den Genuss, wie du es nennst, weil das Sozialamt mir geholfen hat, einen Platz für sie zu bekommen, damit ich wieder arbeiten gehen konnte.

Das Thema Zahnspange: Es war deine eigene Entscheidung, keine zu tragen. Erinnere dich bitte daran, was für ein Theater du schon beim Kieferabdruck gemacht hast. Du hast Rotz und Wasser geheult. Ich hab deine Hand gehalten, du hast sie mir fast zerquetscht und als der Zahnarzt sagte, dir müssten die hinteren vier Backenzähne gezogen werden, weil die anderen Zähne Platz bräuchten, da wolltest DU keine Zahnspange mehr. Heute trägst DU die Konsequenzen dafür, aber natürlich habe ich Schuld. Eine Mutter hat immer Schuld! Als Isabell in den Konfirmandenunterricht ging, hast du einen Affenaufstand gemacht, weil sie durfte und du nicht, aber nicht in den Konfirmandenunterricht zu gehen, war damals auch DEINE Entscheidung.

Kommen wir nun zu dem Thema Misshandlung: Es stimmt, du hast öfter mal was auf den Hintern oder eine Ohrfeige gekriegt, manchmal warst du eben nur so zu bändigen, denn du warst wirklich wild und hast oft rumgetobt. Das haben deine Geschwister auch, aber sie haben meistens sofort aufgehört, wenn ich es euch gesagt habe, du nicht, du musstest immer und immer weitermachen. Selbst als ich dir androhte, dich zu verhauen, wenn du nicht aufhörst, hast du weitergemacht und du warst damals alt genug, um zu verstehen, worum es ging. Da sind wir wieder beim Thema Konsequenzen! So bist du auch zu der Narbe an deiner Augenbraue gekommen. Du wolltest wieder mal nicht hören. Ich erinnere mich genau: Ich hab dich noch angeschrien, du sollst nicht mit Socken auf dem glatten Fußboden so rumrennen, du solltest deine Pantoffeln anziehen. Nein, du musstest weiter um den Küchentisch rennen, dann bist du plötzlich ausgerutscht und gegen das Tischbein geknallt. Du hast geblutet wie Sau! Ich hab mich so erschrocken, das werde ich nie vergessen. Gott sei Dank sah alles schlimmer aus, als es war.

Was du auf den Seiten 21 – 61 schreibst, entspricht ebenfalls nur zu einem kleinen Teil der Wahrheit.

Hätte ich dir jemals derartige Misshandlungen zugefügt, wärst du heute nicht mehr unter uns. Solche Misshandlungen verursachen innere Verletzungen, die allerschlimmsten bei einem so zierlichen Kind, wie du es warst und sie hinterlassen innere Narben an Knochen und Organen. Lass dich doch mal eingehend untersuchen, bei dir wird man keine Narben finden. Eingesperrt habe ich dich oft und auch ignoriert, wenn du mal wieder Scheiße gebaut hast, und das war verdammt oft. Bei dir hatte ich immer das Gefühl, dass du mich absichtlich provozieren willst, mit falsch weggeräumtem Geschirr, mit Sachen, die du angeblich vergessen hast zu putzen und mit vielen anderen Dingen, die du getan hast.

Jeder von euch hatte sein eigenes Zimmer, deins war dein Heiligtum, da durfte niemand ungefragt rein, jedes Mal ein Affenaufstand, wenn Marco oder Isabell mal drin waren, um sich Sachen wiederzuholen, die du dir ausgeliehen und nicht zurückgegeben hattest, aber DU hattest keine Hemmungen, jederzeit ohne Grund in ihre Zimmer zu gehen, um dir irgendetwas zu nehmen, das war normal. Dir konnte ich einfach nicht vertrauen, deshalb habe ich dich immer eingeschlossen, wenn Jörg und ich weggingen. Du hast immer in unseren Sachen geschnüffelt und dir genommen, was dir grad so in die Finger kam. Deine Schilderungen dieser Geschehnisse sind ein wenig verdreht, so wie es dir am besten passt. Mir kam beim Lesen dieser 40 Seiten der Gedanke, dass du gerne dieses arme psychisch und physisch misshandelte Kind sein willst, um dein Verhalten von damals und der jüngsten Vergangenheit zu rechtfertigen. Deine kleine Geldgeschichte finde ich auch sehr interessant, denn sie ist total verdreht. Als du und ich damals Jörgs Sachen gepackt haben, hattest du riesigen Spaß daran – du hast mir gesagt, wie sehr du ihn hasst (das hättest du mir viel eher mal sagen können) und du hast mir mit voller Genugtuung gestanden, dass du ihm damals tatsächlich die 500 DM geklaut hast; du hattest sie im kleinen Wäldchen vergraben und nach und nach für Süßigkeiten, Zeitungen und andere Kleinigkeiten ausgegeben. Wieso erzählst du heute eine ganz andere Geschichte? Und die Sache mit dem Stock; glaubst du tatsächlich, ich hätte zugelassen, dass er dich damit verprügelt? Ich habe keinen Grund ihn in Schutz zu nehmen; er ist ein versoffenes Arschloch und hat mir lange genug viel seelisches Leid zugefügt, bis ich es endlich geschafft habe, ihn rauszuschmeissen. Er hat dich nicht verprügelt!

Schatten des Egoismus: Richtig ist, dass ich von dir schriftlich haben wollte, was alles zwischen dir und Steven abgelaufen ist, weil ich wegen Isabell Beweise gegen ihn brauchte. Falsch ist allerdings, dass ich wollte, dass DU Nebenklage einreichst. Erinnere Dich, dass wir damals in einem Telefongespräch darüber gesprochen haben, was zu tun ist.. Ich habe keineswegs verlangt, dass du Nebenklage einreichst, ich habe dir gesagt, dass du das selbst entscheiden musst, aber dass du von mir jede Unterstützung bekommst, falls du dich dafür entscheidest. Du hast dich aber dagegen entschieden.

Willst du wissen, was in mir vorging, als ich deinen Brief gelesen habe? Ich hab geheult, aus Mitleid für dich, aus Wut über Steven und am meisten, weil ich es nicht verhindert habe, aber wie konnte ich etwas verhindern, von dem ich nichts gewusst habe. Warum hast du mir damals bloß nichts davon erzählt? Hast du gedacht, ich glaube dir nicht? Ja, hast du, denn ich war ja die böse Mutter, die dir sowieso nicht glauben würde und außerdem noch in dieses Arschloch verliebt. Verdammt, Lou, DAS hätte ich dir geglaubt, weil ich nämlich NICHT auf den Gedanken gekommen wäre, du hättest dir DAS ausgedacht!!! Dass wir später keinen Kontakt mehr hatten, lag nicht nur an mir, denn den letzten Termin, den wir ausgemacht hatten, hast DU abgesagt. Ich hätte mich damals gerne mit dir ausgesprochen, aber du hast Recht, das Gespräch wäre nicht so verlaufen, wie du es dir vorgestellt hast, aber nur, weil deine Erwartungen zu hoch sind. Du erwartest, dass ich vor dir krieche, dich um Verzeihung bitte für alles, was ich dir angeblich angetan habe, aber was ist mit MIR? Mit allem, was DU mir angetan hast? Du hasst mich, weil ich dir nicht die Mutter war oder bin, die du dir wünscht, aber eine Mutter, die deinen Vorstellungen entspricht, gibt es auf der ganzen Welt nicht. Du bist auch nicht gerade die Tochter, die man als Mutter gerne hätte, deswegen hasse ich dich aber nicht. Du bist eben so, wahrscheinlich sind es die Gene aus der Familie deines Superdaddys, da haben ja so einige einen Schuss!

Kommen wir zu den Seiten 72 bis Ende:

Conny: Sie hat dich bei sich aufgenommen; hast du jemals DANKE dafür gesagt? Und wie kam es noch dazu, dass du dann doch zu Supperdaddy ziehen musstest? Nicht, weil die beiden sich getrennt hatten!

Autoagressionen/Borderline-Syndrom: Was ist das für ein Psychoquatsch? Muss man sich als Mutter damit auch auskennen? Leide ich vielleicht auch darunter, weil MEINE Mutter mich auch manchmal nicht verstanden und mir ab und zu auch mal eine Ohrfeige verpasst hat?

Der Auszug: Weißt du eigentlich, wie froh ich war, als du weg warst? Ich hätte dich niemals rausgeschmissen, weil ich immer gedacht hab, es gibt irgendeinen Weg, mit dir auszukommen, mich mit dir bzw. dich zu verstehen, aber mit deinem Auszug hast du MIR jede Entscheidung abgenommen. Dafür ein DANKE. Die Ruhe, die darauf folgte, tat einfach nur gut. Keine Leere, keine Wut, nichts, außer Ruhe. Diese Entscheidung war für uns alle die beste. Allerdings entsprechen die Geschehnisse kurz vor deinem Auszug auch nicht ganz der Wahrheit, einiges hat sich ein bisschen anders zugetragen, aber darauf gehe ich jetzt nicht mehr ein, denn nach so vielen Seiten habe ich begriffen, dass deine Wahrheit und meine Wahrheit zwei völlig verschiedene sind.

Den Satz auf Seite 93 „du hast verloren, du hast verloren“ möchte ich so kommentieren: Ich hatte nie das Gefühl, etwas verloren zu haben, im Gegenteil, durch deine Abwesenheit habe ich eine Menge gewonnen.

Epilog: Sei ehrlich, auch hier viel Selbstmitleid und das Thema „Mutter“ ist für dich nicht abgeschlossen, sonst hättest du deine Geschichte nicht in ein Buch gebunden und mir, deiner Mutter, zum Lesen geschickt. Du hast doch irgendwas von mir erwartet, also gibt es das Thema „Mutter“ noch. Du vermisst mich nicht, schreibst du. Tust du das wirklich nicht? Und ich vermiss dich nicht? Woher willst du das wissen? Du weißt nichts von mir oder meinen Gefühlen; damals hat es dich scheinbar nicht interessiert, tut es das heute vielleicht? Du bleibst immer meine Tochter, egal wo du bist und ich denke oft an dich, ob du es glaubst oder nicht.

Was also willst du von mir? Dass ich mich schuldig bekenne im Sinne deiner Anklagen? Okay, ich bekenne mich schuldig! Ich bekenne mich schuldig, weil ich keine perfekte Mutter bin! Ich bekenne mich schuldig, weil ich oft zu streng mit dir war. Ich bekenne mich schuldig, weil ich dir offensichtlich nicht oft genug gesagt habe, dass ich dich trotz allem liebe! Ich bekenne mich schuldig, weil ich dich nie wirklich verstanden habe! Ich bekenne mich schuldig! Schuldig! Schuldig! Schuldig!

„Mutter“

Gaslighting.

Anfang 2005 fing ich an zu schreiben. Die Wiederannäherung mit dem Wunsch nach einer Aussprache mit meiner Mutter war missglückt, die intensive Auseinandersetzung meiner Vergangenheit mit Steven blieb strafrechtlich fruchtlos, und die immer weniger werdenden Kontakte zu meiner Mutter machten mir deutlich, dass sie keinerlei Interesse daran hatte, sich mit mir oder meinem Leben auseinander zu setzen, weil das für sie bedeutete, sich Dingen zu stellen, denen sie sich nicht stellen wollte.

Ich war zwischenzeitlich umgezogen, in eine kleine hübsche Dachgeschosswohnung, die ich schon beim letzten Mal gerne gehabt hätte, die aber damals noch nicht frei war. Ich richtete mir mein kleines gemütliches Heim ein, befand mich in einer Ausbildung zur Druckerin, fing mit meinem Führerschein an und versuchte auch sonst, mein Leben in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Und als hätte ich mit all dem noch nicht genug zu tun, fing ich an, alles aus den letzten Jahren aufzuschreiben, an das ich mich erinnern konnte.

Das war – damals mehr als heute – mit enormem Schmerz verbunden. Jede Situation, die ich zu Papier brachte – sei es das verschwundene Geld von Jörg, die gestohlene Bierflasche oder vermeintliche Kleinigkeiten, für die mich meine Mutter verprügelte – zwang mich dazu, mich gedanklich erneut in diese Erlebnisse hineinzuversetzen. Meine Borderline-Diagnose bekam ich erst viele Monate später, als ich mich endlich dazu aufraffen konnte mich in eine ambulante Therapie zu begeben – aber das hielt mich nicht davon ab, mich mit der Thematik schon während des Schreibprozesses zu befassen, weil mir viele in meinem Umfeld einen ordentlichen Knall bescheinigten und ich in diesem Zusammenhang immer wieder von der Borderline-Störung hörte.

Das nicht Vorhandensein eines mentalen Rückhalts in Form einer Therapie zur Zeit meines Schreibprozesses war nicht besonders förderlich für meine Psyche, dafür aber für meinen Alkoholkonsum. Der wiederum war förderlich für meinen Schreibprozess, denn die meisten traumatischen Erlebnisse hätte ich mit 19 Jahren in der Form kaum nüchtern zu Papier bringen können, ohne komplett abzudrehen. Es macht einfach einen großen Unterschied, über vergangenes nachzudenken oder es aktiv aufzuschreiben, zu formulieren und in Zusammenhänge zu bringen.

Das erste kleine „Büchlein“, das aus meiner Schreibwut entstand, war winzig und hatte kaum 100 Seiten, wenn man die melodramatischen, selbstverfassten Songtexte und Fotos abzieht. Es war vielmehr eine lose Sammlung von Erlebnissen bis 2003, die sich besonders tief eingeprägt hatten, und trug den Titel „Muttersturm“. Zu meinem Vater hatte ich zu der Zeit ein stabiles Verhältnis, obwohl die Sache mit Ines gerade mal gute zwei Jahre zurücklag.

Im Nachhinein ist es mir fast schon ein wenig peinlich, was ich damals über ihn geschrieben habe:

Er ist ein sehr lieber Mensch, der auch seine Fehler, Ecken und Kanten hat, der aber niemandem etwas Böses will. Ich bin sein Ein und Alles, und er tut sein Bestes, damit es seiner Tochter gut geht. Auch wir hatten anfangs unsere Schwierigkeiten, weil er von meiner ganzen Entwicklung überhaupt nichts mitbekommen hatte und ich ihm auf einmal als sechzehnjähriger Teenager gegenüber stand. Ich wüsste nicht was ich heute ohne ihn wäre – er ist ein liebevoller und fürsorglicher Vater und hat dabei trotz seiner 44 Jahre eine sehr junge, lockere, manchmal auch durchgeknallte Art, die wohl einer der Hauptgründe ist, wieso wir uns so gut verstehen. Er schimpft nicht, schnauzt mich nicht an, er sagt niemals irgendein böses Wort zu mir, das mich verletzen könnte. Obwohl wir uns nahezu zehn Jahre nicht gesehen haben, ist er mir heute mehr ein Vater, als meine Mutter mir jemals eine Mutter war.

Eigentlich ist das eher traurig als peinlich. Weil ich geschrieben habe, was ich wollte das er für mich ist, beziehungsweise was ich gebraucht hätte. Und obwohl alles, was er für mich getan hat, um ein Vielfaches mehr war als meine Mutter mir gegeben hat, war es eigentlich nichtmal das „bare minimum“, was ich damals aus Mangel an Selbstreflektion einfach glorifiziert habe.

Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.

Im Zuge meiner Ausbildung zur Druckerin stellte ich eine kleine Auflage von zehn Exemplaren dieses „Buches“ her, die ich selbst band. Ich verteilte die Heftchen an ausgewählte Freundinnen und Verwandte und schickte natürlich auch meiner Mutter ein Exemplar. Welche Reaktion ich mir von ihr darauf erhofft hatte, weiß ich nicht mehr genau. Nach 20 Jahren kann ich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob ihre tatsächliche Reaktion mich irritiert, geärgert oder deprimiert hat – aber eines kann ich heute sagen: Sie hat mich absolut nicht verwundert.

Aber lest selbst:

Fortsetzung folgt

Backpulver.

1997.

Ich sitze mit meinen Geschwistern am Frühstückstisch, es ist Sonntag. Die Atmosphäre ist trügerisch ruhig, aber mein Bauch zieht sich zusammen. Mama hat die Küche vor ein paar Minuten verlassen. Sie ist irgendwo im hinteren Teil der Wohnung – ein Umstand, der nichts Gutes verheißt. Es bedeutet oft, dass sie meine Sachen durchwühlt. Sie macht das ziemlich häufig und jedes Mal findet sie etwas, das ihren Zorn entfacht.

Ein 10-Pfennig-Stück, das sie mir mit vorwurfsvollem Blick unter die Nase hält, während sie schreit, ich hätte kein Geld zu besitzen. Wenn meine Urgroßeltern mir heimlich ein 5-DM-Stück zustecken, bin ich verpflichtet, es sofort zu Hause abzugeben. Sie findet manchmal auch Sachen, die Isabell bei mir vergessen hat – ein Barbiekleid, Ken oder einen Teil des Puppenhauses. Alles ist ein Vergehen in ihren Augen.

Für besonders heikle Dinge habe ich Verstecke. Hinter den Büchern in meinem Regal, die ich nur ein paar Zentimeter nach vorne ziehe – dort passt ein ausgeliehenes Buch aus der Schulbücherei, das ich eigentlich nicht ausleihen darf. Mama sagt, ich mache eh immer alles kaputt, und sie habe keine Lust, Rechnungen an die Schule zu bezahlen. Größere Dinge verstecke ich zwischen Matratze und Lattenrost.

Doch manchmal ist das alles umsonst. Sie durchwühlt auch meine Schultasche, oft noch bevor ich selbst mein Zimmer betreten habe. Und wehe, sie findet etwas, das ihr nicht passt! Dann wird es laut. Und meistens schmerzhaft.

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, als Mama meinen Namen ruft. Ihr Ton ist scharf, eine Klinge, die durch die trügerische Ruhe des Morgens schneidet. Ich lege mein Toast beiseite und gehe nach hinten in mein Zimmer.

Mama hockt vor dem rausgezogenen Bettkasten, ihr Blick ist eine Mischung aus Triumph und Anklage. In der Hand hält sie ein kleines Tütchen hoch. „Was ist das?“, fragt sie, ihre Stimme ein Vorwurf, der bereits das Urteil in sich trägt.

„Backpulver“, antworte ich wahrheitsgemäß, obwohl es klar lesbar auf der Packung steht. Ein „steht doch drauf“ schlucke ich hinunter, denn Frechheit hat einen Preis. „Und das andere ist Vanillezucker“, füge ich ruhig hinzu und deute mit einer Kopfbewegung auf das zweite Tütchen.

Mama steht auf, ich sehe den Schlag kommen, aber ich kann nichts tun außer vorher die Augen zuzukneifen. Ihre Hand prallt mit voller Wucht gegen mein Gesicht, ein brennender Schmerz explodiert in meiner Wange. Blut schießt mir in die Nase, tropft auf den Boden. Ich greife wortlos nach einem Waschlappen von dem kleinen Kosmetikwagen in meinem Zimmer.

„Was hat das hier verloren?“, fragt sie kalt.

„Es ist für die Schule, zum Backen“, sage ich, den Kopf gesenkt, während ich das Blut abtupfe.

„Erzähl mir nicht so einen Dünnschiss“, zischt sie, „du räumst jetzt deinen ganzen Scheiß zusammen und stellst ihn hinter die Tür. In einer Stunde will ich hier nichts mehr rumliegen sehen, und wehe, das ist nicht ordentlich!“

Sie verlässt das Zimmer, kommt kurze Zeit später mit einem Wäschekorb und ein paar blauen Müllsäcken zurück. Der Geruch von Kunststoff mischt sich mit meiner Angst, als ich mich daran mache, mein Zimmer auszuräumen. Nach einer knappen Stunde lege ich das letzte Buch in den Wäschekorb. Mein ganzes Hab und Gut – verstaut in zwei blauen Säcken und einem Wäschekorb, als wäre ich auf der Flucht oder stünde ein Umzug bevor.

Dann bringt sie mir einen kleinen Stapel Papier und einen Bleistift. Ihre Anweisung ist knapp, ihre Stimme kühl wie Eis: „Schreib.“

Und so schreibe ich, jedes Wort ein Gewicht, das sich auf meine kleinen Schultern legt:

Ich soll nicht lügen.
Ich soll nicht stehlen.
Ich darf nicht mehr zum Fußballtraining.
Ich darf nicht mehr zum DLRG.

Die Worte auf dem Papier sind eine Strafe, eine Liste der Demütigungen, die sie mir aufzwingt, eingerahmt von Schmerz und dem Gefühl, niemals gut genug zu sein.

Bei den letzten beiden Sätzen halte ich kurz inne und seufze leise. Fußball hat mir Spaß gemacht, richtig viel Spaß. Ich war erst ein halbes Jahr dabei und durfte schon bei einem Mannschaftsausflug an die Ostsee mitfahren. Und beim DLRG bin ich seit zwei Jahren – da war ich richtig gut. Die Erinnerungen daran sind wie kleine Lichtpunkte, die kurz aufblitzen, bevor die Dunkelheit sie wieder verschluckt.

Ich beginne zu schreiben, wie sie es befohlen hat. Wort für Wort, Seite für Seite. Nach zwanzig Seiten muss ich innehalten, weil mein Handgelenk schmerzt, der Stift sich wie Blei in meiner Hand anfühlt. Aber ich schreibe weiter. Tag für Tag.

Nach zwei Wochen habe ich alle 200 Blätter vollgeschrieben. Mama scheint zufrieden und belässt es dabei. Doch jetzt habe ich nach der Schule nichts mehr zu tun, außer Hausaufgaben zu machen – und selbst die erledige ich mit einer Gründlichkeit, die ich vorher nie aufgebracht habe. Aber danach? Danach sitze ich einfach da, auf meinem Stuhl und starre die Tür an oder das Türmchen meiner Habseligkeiten, das in Säcken und Körben hinter der Tür aufgestapelt ist. Die Zeit zieht sich zäh, wie kalter Honig, bis es endlich Abendessen gibt. Ich darf nicht am Küchentisch essen, sondern in meinem Zimmer. Und sobald ich fertig bin, muss ich ins Bett.

Dann klingelt es. Die vertraute, warme Stimme von Tante Michaela schwappt durch die Wohnung. Sie klingt so freundlich, so anders als das ewige Gezeter und die schneidenden Worte von Mama. Ich höre, wie Michaela in meine Richtung kommt und mein Herz beginnt zu rasen. Ein Moment der Panik. Was wird Mama ihr sagen? Ich halte den Atem an, bis Michaela tatsächlich den Kopf durch meine Tür steckt. Sie grinst mich freundlich an. „Oh, hast du aufgeräumt?“ fragt sie und lässt ihren Blick durch das aufgeräumte Zimmer schweifen, ohne die Müllsäcke oder den Wäschekorb zu kommentieren.

Bevor ich etwas sagen kann, erscheint Mama hinter ihr, greift sie an der Schulter und zieht sie aus der Tür. „Die war böse und hat Hausarrest“, sagt sie, ihre Stimme trocken und abweisend.

„Was hat sie denn angestellt?“ fragt Michaela, ihre Stimme neugierig, aber immer noch warm.

„Da will ich jetzt nicht drüber reden“, zischt Mama. „Das ist einfach ein blödes Miststück.“

Die Worte treffen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich höre, wie sie mit Michaela ins Wohnzimmer geht, die Stimmen werden leiser, bis ich sie kaum noch wahrnehme. Ich bleibe allein zurück, in meinem stillen Zimmer, in der Gesellschaft meiner Säcke und Körbe und starre wieder auf die Tür.

Das erste Drittel meines Tages gehört der Schule.

Unterricht, Pausen, Lehrer, Klassenkameraden – ein bisschen Routine, ein bisschen Normalität. Doch sobald ich nach Hause komme, beginnt das zweite Drittel, und das fühlt sich an wie ein endloser Stillstand. Ich sitze an meinem Schreibtisch, mit Hausaufgaben oder einfach nur da, tatenlos. Gelegentlich wird die Monotonie durch Hausarbeit unterbrochen. Kartoffeln schälen fürs Abendessen, das Badezimmer schrubben – dann geht es wieder zurück an den Schreibtisch.

Meine Welt ist klein, begrenzt auf diesen Raum und die Blickwinkel, die ich von meinem Stuhl aus einnehmen kann. Die Tapete, die Tür, der Garten durch das Fenster, oder meine Schreibtischunterlage mit der Weltkarte. Stundenlang starre ich auf die Länder und Kontinente. Kap der Guten Hoffnung ist mein Lieblingsort, weil der Name ein Versprechen in sich trägt, das ich in meinem kleinen, starren Alltag nicht finde. Wenn das zu langweilig wird, beobachte ich die Ziffern auf meinem Radiowecker beim Umspringen. Jede Minute ein kleiner Sieg gegen die Ewigkeit.

Vier Stunden verbringe ich so, jeden Tag, nachdem meine Schularbeiten erledigt sind. Ab und zu stehe ich auf, gehe zur Toilette – nicht, weil ich muss, sondern um den Druck auf meinem Hintern loszuwerden, damit er nicht taub wird. Dann gibt es Abendessen. Ich mache den Abwasch. Und danach darf ich endlich ins Bett, wo Liegen das einzige ist, was mein Körper wirklich kennt.

Am schlimmsten sind die Wochenenden. Ich darf erst aufstehen, wenn Mama aufgestanden ist und das kann elf Uhr oder später werden. Dann ziehe ich mich an, frühstücke, mache Hausarbeit und sitze den Rest des Tages auf diesem verdammten Stuhl.

Zwei Monate vergehen, bis ich endlich ein Buch bekomme. Drei weitere Wochen, bis ich ein Puzzle machen darf. Vier Wochen später – ich habe aufgehört, die Zeit in Tagen zu zählen – darf ich meine Sachen zurück in die Regale räumen. Es ist ein seltsames Gefühl, Dinge zurückzugewinnen, die nie weg sein sollten. Ich darf sogar wieder nach draußen gehen und spielen, doch das Essen bleibt in meinem Zimmer. Ein seltsames Privileg, das sich anfühlt wie eine Erlaubnis zum Atmen.

Rotes Kleid.

Ich sehe dich an. Und mir stockt der Atem.

Und wenn ich sage, ich sehe dich an, dann wird keines dieser vier Worte dem gerecht, was gerade in mir passiert. Meine Augen verschlingen dich förmlich, und ein simples „ich sehe dich an“ klingt so trivial und bedeutungslos, dass ich mich kurz selber dafür hasse, nicht die richtigen Worte in meinem Kopf zu finden. Ich kann meine Augen nicht von dir abwenden, so anmutig ist dieser Anblick. Dir ist deine Schönheit nie bewusst gewesen – ein Umstand, den ich zwar zur Kenntnis genommen, aber nie akzeptiert habe. Egal, was du alles an dir als Makel definierst – meine Definition von Perfektion bist du. Du bist vielleicht nicht perfekt im klassischen Sinne. Aber du bist perfekt für mich. Mit jedem Zentimeter, mit jeder noch so kleinen Narbe, die mir galt, durch und durch ein Zeugnis unserer Liebe und Verbundenheit.

Ich stehe im Türrahmen und betrachte dich in diesem tiefroten Kleid, das ich so sehr an dir liebe, in deinem Gesicht ein Ausdruck von Wärme, Leichtigkeit und der nahenden Ankunft des inneren Friedens. Immer wenn man dir ein Kompliment macht und du verlegen grinsen musst, ist ein Mundwinkel schief, und ich kenne nichts Schöneres. Ich rede mit dir, beteuere dir meine aufrichtige Liebe und wie perfekt und wunderschön du für mich bist, aber ich weiß nicht, ob du meine Worte wahrnimmst. Du stehst nur da in deinem roten Kleid und sagst nichts. Und bist einfach nur wunderschön. Ich setze mich behutsam neben dich auf den Fußboden, ich möchte diesen Moment auskosten, um ihn nie mehr zu vergessen. Du bist etwas ganz Besonderes, du genießt einen sehr hohen Stellenwert, vielleicht weil es so hart war, dich zu bekommen, vielleicht weil deine Sprunghaftigkeit auch bei mir einen gewissen Reiz auslöst. Schon komisch, wie das Leben so mit uns spielt…Jetzt bin ich mir deiner wirklich sicher, und alles, wozu ich gerade fähig bin, ist hier zu sitzen, leise in mich hineinzulächeln, dich zu beobachten und in Erinnerungen zu schwelgen.

Weißt du noch, unsere erste Begegnung? Zugegeben, ich habe mir wirklich sehr viel Zeit gelassen mit dir. Ich habe gesehen, wie du mich früher verstohlen angehimmelt hast, weil ich der Einzige war, der dir in deiner trostlosen Welt ohne Freunde, mit gemeinen Mitschülern und Gewalt zu Hause zugehört hat. Irgendwann hast du angefangen, mir den Hof zu machen und ich habe es genossen, dich abblitzen zu lassen, zu schön fand ich dieses kleine Spiel. Okay, wenn ich ehrlich bin, kann ich dir jetzt sagen, dass ich dich besser kenne. Du warst damals noch nicht bereit für mich. Du wolltest mich so unbedingt, aber immer nur dann, wenn niemand sonst mehr für dich da war. Ich hasste es, nur eine Notlösung zu sein. Ich habe dir immer geglaubt, wenn du sagtest, du liebst mich – aber deine Art, mir das zu zeigen, war damals einfach zu unstet. Es hat mich nie davon abgehalten, nicht trotzdem ein Auge auf dich zu werfen – glaube mir, ich habe immer auf dich acht gegeben. Selbst in Momenten, wo du es niemals hättest merken können. Ich war immer da, still, heimlich, immer einen Schritt hinter dir, wie ein dunkler Ritter in der Nacht aus einem kitschigen Roman.

Ich empfinde unsere Beziehung als holprig. Uneben, voller Stolpersteine, manchmal schmerzhaft und doch untrennbar. Du hast nicht immer fair gespielt. Aber vielleicht spielt das alles jetzt keine Rolle mehr – vielleicht sollte man es einfach ruhen lassen und den Moment im Hier und Jetzt genießen. Und doch schießen mir all die Erinnerungen an dich und uns durch den Kopf, während ich hier sitze und dich beobachte, wie du zitternd versuchst, in diesem Kleid richtig zu stehen. Früher wolltest du mich nie deinen Freunden vorstellen – als du dann mal welche hattest. Ich war dir unangenehm, wie ein störender Fleck auf einer makellosen Tischdecke. Der schwarze Fleck auf deiner Seele, der niemanden etwas angeht. Etwas, für das man sich schämt, weil es nicht in gesellschaftliche Konventionen passt, weil man nicht darüber spricht. Und doch war ich immer da. An deiner Seite. Wenn du mich angerufen hast, voller Verzweiflung, weil dich die Hoffnung verlassen hatte, war ich da. Ich saß neben dir, habe deine Wunden versorgt, dein Blut weggewischt und dir zugehört. Obwohl ich wusste, dass all diese Abende, in denen ich bei dir saß, nichts mit mir zu tun hatten. Du hast mit mir gespielt, vielleicht sogar wirklich geglaubt, du brauchst mich. Aber ich bin trotzdem gekommen, jeden Abend, mit dem Wissen, dass du alleine, ohne mich weitergehen würdest. Dass ich nicht bleiben werde. Wir waren wie Zeitreisende. Irgendwie immer verbunden. Und doch immer Welten voneinander entfernt, nie auf demselben Level. Aber warum?Wegen all den anderen Frauen? Wegen all der anderen, die dich erst auf einen Thron gehoben und dann in deine tiefsten Abgründe gestoßen haben, als wärst du nichts mehr wert?Haben sich all die durchweinten Nächte und der Schmerz ohne mich wirklich so sehr gelohnt, dass du das alles mir vorgezogen hast?

Ich will dich anschreien in deinem roten Kleid. Dich anschreien und fragen, wofür? Für diese erbärmlichen Gestalten? Die es wagen, sich Mensch zu nennen und von Gefühlen zu sprechen. Die dich auf Händen getragen haben, nur um dann festzustellen, dass dein Charakter zu schwer für sie war. Weil sie allesamt nicht stark genug waren für dich. Für jede Einzelne warst du ein Wagnis, eine Herausforderung, ein Rätsel. Und jede Einzelne versprach dir zu Beginn das Gleiche, wenn du erst einmal ihre Oberfläche durchbrochen hättest. Denn das konntest du am besten: Menschen in deinen Bann ziehen, sie faszinieren mit deinem Mut, deiner Sensibilität, deinem Feingefühl und dieser charmanten Unverschämtheit, die sie sprachlos machte. Doch nach einiger Zeit sahen sie die zweite Seite in dir – die dunkle, grausame, unberechenbare Seite. Die Seite, die unaushaltbar und unstet war. Dir ist dein Fluch gar nicht bewusst, aber es ist wie ein endloses Mantra, das sich immer wieder wiederholt.

Und so stehst du jetzt hier vor mir, im roten Kleid, und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Wie viele Nächte haben wir zusammen verbracht? Wie oft habe ich neben dir gesessen, dich gehalten, dir zugehört, während du in deiner tiefsten Verzweiflung nach Antworten gesucht hast? Wie oft hast du mich weggeworfen, nur um mich in deinen dunkelsten Momenten wieder zurückzuholen? Ich will dich anschreien, will dir sagen, dass ich der Einzige bin, der immer geblieben ist. All die anderen, die dich umarmt, geküsst und dich für den Moment in den Himmel gehoben haben – wo sind sie jetzt? Ich war immer hier. Immer. Wenn du mich gebraucht hast, war ich da. Ich habe dich nicht bewertet, habe dir keine Bedingungen gestellt. Ich war da, wenn du mich gebraucht hast, auch wenn ich wusste, dass du mich am nächsten Morgen wieder vergessen würdest. Und jetzt stehst du vor mir, zitternd, suchend, verzweifelt – und wunderschön. Aber diesmal weiß ich, dass es anders ist. Diesmal bist du nicht mehr bereit, mich zu vergessen. Diesmal sehe ich in deinen Augen, dass du weißt, was ich immer gewusst habe: Wir gehören zusammen. Und ich – ich bleibe stumm. Wissend, dass du jetzt mir gehörst und mir kein törichtes Weib mehr dazwischen funkt. Dein Weg war vorbestimmt, von Anfang an wusstest du, wohin er dich führt – du bist nur ein paar Umwege gegangen, aber das Ziel war immer ich.

Unsere Beziehung war stets eine Aneinanderreihung tragischer Abende und Zeiten, in denen einer den anderen verzweifelt wollte und doch abgeblitzt ist. Ich erinnere mich an diesen verregneten Sommertag, als du betrunken auf einer Mauer saßest und mich angerufen hast – enttäuscht, belogen, betrogen von dieser Welt. Menschen können grausam sein, das war das Erste, was ich dich lehrte. Und doch hast du jede erdenkliche Erfahrung alleine und vor allem ohne mich machen wollen. Erst wenn du gefallen bist und keiner da war, um dich aufzufangen, hast du mich gerufen und bist kurz in meine Arme gesunken. An jenem Tag warst du so durcheinander, dass du ein Datum festgelegt hast – ein Tag, an dem wir es endlich gemeinsam schaffen würden. Ich aber, ich habe dich nur müde angelächelt, dich ins Bett gebracht und bin gegangen. Ich habe versucht, zu verschwinden, gänzlich aus deinem Leben, doch du hast das halbe Internet auf den Kopf gestellt, um mich zu finden. Du hast jemand anderen gefunden. Und sowohl ich als auch dieses Datum verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Aber, wie wir beide jetzt wissen, nicht für immer. Und dafür musstest du mich nicht einmal anrufen – ich habe dich von ganz alleine gefunden. Ich setzte mich einfach neben dich ins Auto und hörte dir beim Singen zu. Und in diesem Moment spürte ich es: Etwas an dir war anders. Du hattest dich verändert. Du hast mich nicht gerufen, und doch warst du so froh und aufrichtig glücklich, mich zu sehen. Zum ersten Mal hast du mir das Gefühl gegeben, nicht nur die zweite Wahl zu sein. Kein Notnagel, kein Lückenbüßer. Ich weiß nicht, warum mir das damals nicht gereicht hat. Warum du mir nicht gut genug warst. Warum ICH wieder derjenige war, der dich nicht wollte. Es tut mir leid, dass ich dich damals so im Stich gelassen habe. Vielleicht hätte ich dir so viel Leid ersparen können, wenn ich geblieben wäre. Und ich hoffte, dass du mir das irgendwann verzeihen würdest.

Doch einige Monate später, als ich dich spontan morgens zu Hause besuchte, schlug mir deine ganze Wut entgegen. Dein Hass, dein Schmerz – alles auf einmal. Du hast mir mehr als deutlich gemacht, dass ich keinen Platz mehr in deinem Leben habe. Du wolltest frei sein. Leben. Unabhängig sein.Vielleicht habe ich das verdient, damals. Vielleicht lief dieses Fangen-spielen damals schon viel zu lange. Doch egal, wie schräg es zwischen uns war – wir wussten beide immer, dass wir nicht voneinander lassen können. Der eine hat den anderen immer irgendwie gesucht und gefunden. Und jetzt hat ausgerechnet sie dich in meine Arme getrieben und du bist dankbar hinein gesunken. Ich wäre ja wirklich gerne eher da gewesen, aber du warst so störrisch und trotzig und verwechselst das immer mit Ehrgeiz. Dieses Mal waren die Rollen fast vertauscht, natürlich hast du sie auch irgendwie in deinen Bann gezogen, aber sie hatte dich in der Hand. Du warst ihre kleine Marionette, du warst so blind und abhängig und hast alles mit dir machen lassen und wärst daran beinahe zerbrochen. Und wenn du ehrlich bist, liegt es auch an ihr, dass du dieses rote Kleid anhast. Ja, ich habe euch beobachtet. Wie ihr gestritten habt, weil sie nicht ertragen kann, dass du dein Leben weiterlebst, nachdem sie dich mal wieder verlassen hat, und wie du es nicht ertragen kannst, dass sie wütend auf dich ist und dich von sich stößt. Wie sie dich manipuliert hat, mit deinen Freunden zu brechen, um dich ganz für sich zu haben – und dich dann fallen zu lassen. Ich habe gesehen, wie sie dich mit voller Wucht durch den Hausflur geschubst hat, als du ihr ins Haus hinterhergerannt bist. Wie sie dich angeschrien hat, dass sie die Polizei rufen würde, wenn du nicht verschwindest, und wie sie in ihre Wohnung gestürmt ist.Ich habe auch gesehen, wie sie drinnen vor der geschlossenen Tür stand, während du draußen warst, und so tat, als würde sie tatsächlich die Polizei rufen. Ich habe deinen entsetzten Blick gesehen, wie du langsam und resigniert den Flur verlassen hast. Ich habe gesehen, wie du den Weg hoch zur Hauptstraße gegangen bist und kurz zusammengezuckt bist, als unten vor ihrem Haus tatsächlich ein Polizeiwagen vorbeifuhr.Ich habe gesehen, wie du die lange Hauptstraße bis zu deiner Wohnung geschlichen bist, wie ein geprügelter Hund – ein skurriles Bild bei 23 Grad und strahlendem Sonnenschein. Wie du dich schließlich aufs Sofa fallen gelassen hast und dir am helllichten Tag um 18 Uhr einen Whiskey nach dem anderen eingeschenkt hast. Und ich habe mich entschieden, mich einfach zu dir zu setzen. Vielleicht sollte ich dieser alten griechischen Bitch dafür danken, dass sie dich so hat fallen lassen, weil jetzt endlich zusammen ist, was zusammen gehört.

Ich werde unsanft aus meiner Erinnerung gerissen. Ein lautes Klingeln zerreißt die Stille, als hätte jemand ein Alarmsignal ausgelöst. Es hallt in meinem Kopf nach, und ich blicke irritiert zu dir. Du rührst dich nicht, deine Augen bleiben geschlossen. Bevor ich zu Ende denken kann, ob und wer dich mir dieses Mal wegnimmt, schwingt die Wohnungstür auf. Schritte hallen, und dann höre ich eine Stimme – laut, verzweifelt, voller Dringlichkeit. „Lou?“

Eine junge Frau stürmt herein. Ihr Blick fällt sofort auf mich, dann auf dich, und ohne zu zögern wirft sie sich auf dich, um dich mir fortzureißen. Ich strecke reflexartig eine Hand aus, versuche, dich festzuhalten, doch plötzlich ist der Raum voller Menschen. Sie zerren an dir, versuchen, dich aus diesem roten Kleid zu reißen, als ginge es darum, dich zu befreien. Ich beobachte die Szenerie. Ich beobachte sie. Dieses junge, unschuldige Wesen rennt aufgelöst telefonierend durch deine Wohnung, so leidend, wie nur jemand leiden kann, der aufrichtig liebt. Ich seufze tief und erinnere mich daran, wie oft ich schon gegen die Macht der Liebe verloren habe. Ganz ehrlich, das habe ich nicht kommen sehen. Ich dachte, wir wären endlich allein. Stattdessen füllt sich der Raum mit Polizisten, Sanitätern – und ihr, dieser verzweifelten Seele, die augenscheinlich gerade um dein Leben bangt.

Ich richte meinen Blick auf sie. Ihr Gesicht – perfekt, glatt, verweinte blaue Augen. Du hast es wieder einmal geschafft, jemanden so in deinen Bann zu ziehen, dass er diese Last auf sich nimmt. Aber wenn du ehrlich bist, wissen wir beide, wie auch diese Liebe bald enden wird. Und dann sehen wir uns wieder.

Im Krankenwagen setze ich mich neben dich. Niemand scheint mich zu bemerken. „Nächstes Mal, Baby“, flüstere ich dir ins Ohr.„Nächstes Mal nehme ich dich mit nach Süden. Dort stirbt man leichter.“

500 DM

Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält SEHR explizite Schilderungen körperlicher Misshandlungen und Gewalt. Bitte lies nicht weiter, wenn du dich nicht bereit dafür fühlst, das auszuhalten!

1995.

„Mir fehlt was“, sagt Jörg.

Er lehnt lässig am Türrahmen meines Zimmers, aber in seinem Blick liegt etwas, das mir Unbehagen bereitet. Ich sitze an meinem Schreibtisch, fast zehn Jahre alt, und lege den Bleistift zur Seite. Seine Worte hallen in meinem Kopf wider, während ich angestrengt nachdenke. Was könnte er meinen? Was habe ich getan? Oder vielmehr – was habe ich nicht getan?

Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, wie er da steht und mich anstarrt, also sage ich: „Was denn?“ Er antwortet nicht. Stattdessen fixiert er mich weiterhin mit diesem stechenden Blick. Eine seltsame Stille liegt zwischen uns, und ich merke, wie mir das Atmen schwerer fällt, spüre den Druck in meiner Brust. Sein Schweigen zerrt an meinen Nerven. Mein Kopf rattert. Habe ich etwas angestellt? Etwas kaputt gemacht? Weggenommen?

Dann fällt mir plötzlich etwas ein: die drei angebrannten Teelichter, die ich unter meinem Bett versteckt habe. Aber das können sie doch nicht sein, oder? Sie sind zu unbedeutend, zu klein. Und wenn Jörg selbst kommt, dann muss es um etwas Größeres gehen. Oder? „Mir fehlt was“, wiederholt er schließlich, bevor er sich langsam vom Türrahmen abstößt und ins Wohnzimmer schlurft. Seine Worte ziehen eine Schwere hinter sich her, die sich wie Blei in meinem Magen absetzt. Ich höre, wie er mit Mama redet, aber ich verstehe nicht, was sie sagen. Das flaue Gefühl in meiner Magengegend breitet sich aus, als würde es mich von innen zerfressen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Mama in mein Zimmer. Sie hat diesen besonderen Tonfall, bedrohlich und herausfordernd, den ich nur zu gut kenne. Es ist der Ton, der meistens in Schmerzen endet. „Dem Jörg fehlt was“, sagt sie, während ihr Blick mich durchbohrt. Ich kann förmlich spüren, wie sie darauf wartet, dass ich zusammenzucke. „Es ist etwas sehr Ernstes“, fährt sie fort. „Und ich möchte, dass du es ihm innerhalb der nächsten halben Stunde zurückgibst.“ Ihre Worte hängen schwer in der Luft. Ich starre sie an, unfähig, etwas zu sagen. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich habe keine Ahnung, was sie meinen könnte.

Doch plötzlich schleicht sich die Idee der Teelichter wieder in meinen Kopf. Mama hat mir immer eingebläut, wie gefährlich es sei, mit Feuer zu spielen. Aber ich wollte doch nur ein bisschen gemütlicches Licht in meinem Zimmer, so wie Mama, wenn sie abends Kerzen im Wohnzimmer anzündet. Vielleicht ist es ja das? Ein Versuch kann nicht schaden. Langsam und zögernd krieche ich unter mein Bett und hole die kleinen Kerzen hervor. Ich schicke ein leises Stoßgebet in den Himmel – hoffentlich ist das die Lösung – und schleppe mich ins Wohnzimmer. „Ist es das, was euch fehlt?“ frage ich leise, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, während ich Mama die Teelichter entgegenhalte. Ihre Reaktion trifft mich wie ein Donnerschlag. „Willst du mich verarschen?“ brüllt sie, bevor ihre Hand mit voller Wucht gegen meine Wange kracht. „Es geht nicht um drei beschissene Kerzen, aber schön, dass das auch rauskommt! Ab in dein Zimmer!“

Ich taumle rückwärts, mein Gesicht brennt, Tränen steigen mir in die Augen, während ich mich an meinen Schreibtisch setze. Still laufen sie über meine Wangen, während ich versuche, das Unfassbare zu begreifen. Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollen, und eine dunkle Vorahnung sagt mir, dass die kommenden Wochen zur Hölle werden. Zum Abendessen betritt Jörg die Küche mit einem langen, dünnen Zweig, den er demonstrativ auf seine Handfläche schlagen lässt. Das scharfe Klatschen des Holzes durchschneidet die bedrückende Stille. „Dein neuer Schlagstock?“ fragt Mama lachend, als wäre das ein besonders gelungener Scherz. Ihr Blick gleitet spöttisch zu mir, während sie die Suppe umrührt. „Tut bestimmt ordentlich weh.“ Jörg grinst selbstgefällig, als hätte sie ihm gerade ein Kompliment gemacht, und stellt den Zweig sorgfältig neben seinen Stuhl.

Das Essen schmeckt nach nichts. Jeder Löffel Suppe fühlt sich an, als müsste ich Steine schlucken, aber ich zwinge mich, weiterzuessen. Nach dem Essen werde ich einfach ins Bett geschickt. Keine Diskussion, keine Möglichkeit zur Ausrede – nur die knappe Anweisung: „Geh schlafen.“ Es ist viel zu früh, meine Augen sind weit geöffnet, aber ich gehorche.

Ich liege lange wach. Die Dunkelheit umhüllt mich, doch sie bringt keinen Trost. In meinem Kopf drehen sich die Ereignisse des Tages wie ein Mahlstrom, doch ich komme zu keinem Schluss. Die bedrohliche Stille, die von Jörgs Grinsen ausgeht, bleibt auch in den nächsten Tagen allgegenwärtig. Immer wieder bedrängen mich Mama und Jörg mit denselben bohrenden Fragen: „Wo ist es? Gib es zu! Bring es zurück!“ Doch ich habe keine Antworten. Wie auch? Ich weiß nicht einmal, wovon sie reden.

Eines Nachts, als ich längst eingeschlafen bin, reißt ein lauter Knall mich aus dem Schlaf. Die Tür fliegt auf, grelles Licht sticht mir in die Augen. Mein Herz rast. Ich bin fast zehn Jahre alt und hasse es, so abrupt geweckt zu werden. Noch bevor ich meine Umgebung begreifen kann, dröhnt Jörgs Stimme durch den Raum: „Mir fehlen 500 DM! Ich komme in zehn Minuten wieder – wenn ich sie dann nicht habe, setzt es was!“

Seine Worte sind ein Schock. 500 DM? Die Zahl ist so groß, dass sie mir wie eine unermessliche Summe erscheint. Etwas das ich niemals besitzen könnte. Warum glaubt er, dass ich es habe? Was sollte ich damit anfangen? Aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Er knallt die Tür zu, das Licht bleibt an, und ich sitze kerzengerade in meinem Bett, mein Kopf dröhnt.

Aber zehn Minuten sind zehn Minuten, und ich kann nirgendwohin. Als die Zeit abgelaufen ist, stürmt Jörg zurück in mein Zimmer, den Zweig fest umklammert. „Wo ist mein Geld?“ brüllt er. Ich habe keine Antwort, aber das interessiert ihn nicht. Seine Hand trifft mein Gesicht mit einer Wucht, die mich zurückschleudert. Ich schnappe nach Luft, rutsche instinktiv ans Fußende meines Bettes, drücke mich verzweifelt gegen die Wand. Seine Ohrfeigen sind härter als die von Mama.

Apropos Mama – wo ist sie eigentlich? Warum kommt sie nicht? Warum hält sie ihn nicht auf?Ich komme nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Jörg packt mich, zieht mir die Schlafanzughose herunter und schlägt mit dem Zweig auf meinen Hintern. Die peitschenden Geräusche vermischen sich mit meinem Gebrüll, und als der Zweig zerbricht, schlägt er fluchend mit der flachen Hand weiter, schreit mich an, wo sein Geld sei. Es ist die Hölle. Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper, pinkle mich ein, ob vor Angst, vor Schmerz – ich weiß es nicht. Er prügelt mich durch das Zimmer, bis ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, wo Tür und Bett sind. Irgendwann liege ich nur noch da, bewegungslos in der Ecke, während er sich an meinem Waschbecken die Hände wäscht.

Dann sehe ich sie.

Mama lehnt am Türrahmen. Ihre Augen ruhen regungslos auf mir. „Geh ins Bett und denk darüber nach, was du getan hast“, sagt sie schließlich. „Und morgen sagst du uns, wo das Geld ist.“ Sie löscht das Licht, geht hinaus, und ich sitze in der dunklen Ecke. Irgendwie schaffe ich es, in mein Bett zu kriechen, ziehe den trockenen Teil der Decke über mich und sortiere meine Körperteile. Tut weh, tut nicht weh, tut nicht weh, tut weh, tut weh, tut weh. Okay, denke ich. Alles in Ordnung. Nichts gebrochen, nur ein paar blaue Flecken. Ich versuche zu verstehen, was es mit diesem Geld auf sich hat. Warum Jörg, der die halbe Zeit keinen Job hat, so eine Summe Bargeld zu Hause hatte – und wie es verschwinden konnte.

Am nächsten Morgen schleppe ich mich in die Küche. Jeder Schritt schmerzt, doch ich zwinge mich, aufrecht zu bleiben. Mama steht am Tisch, ihr Blick ist abschätzig, eiskalt. Mir schnürt es die Kehle zu. Sie beginnt mich in emotionslosem Tonfall über den Wert von 500 DM zu belehren, erzählt, wie viel das sei, wie hart man dafür arbeiten müsse. Ihre Worte verschwimmen in meinen Ohren. Ich bin fast zehn, ich weiß nicht wirklich, was viel oder wenig Geld ist. Ihre Stimme donnert durch meinen Schädel, doch nichts davon dringt wirklich zu mir durch. Ich starre auf mein trockenes Brot, schlucke mühsam den Kloß in meinem Hals hinunter. Mein Kopf pocht, im Rhythmus meines Herzschlags. Der Tag vergeht in einem dumpfen Nebel, bis einige Tage später der nächste Sturm losbricht.

Ich sitze nichtsahnend auf meinem Bett und bin in ein Buch vertieft, als ohne Vorwarnung die Tür auffliegt und Jörg in mein Zimmer stürmt. In seiner Hand hält er einen hölzernen Kochlöffel, bei dessen Anblick mein Kopf sofort heiß wird. Seine Augen funkeln vor Wut. Doch noch bevor ich begreifen kann, was geschieht, packt er mein Handgelenk und schlägt mit voller Wucht auf meinen Handrücken. Der Schmerz explodiert, reißt mir den Atem weg. Ein ersticktes Quieken entweicht mir, Tränen schießen mir in die Augen.

„Was haste, hm?“ Jörgs Gesicht ist nah an meinem, seine Stimme triefend vor Spott, durchtränkt von Bier. „Das tut doch nicht etwa weh, oder? Wo ist mein Geld, du dreckiges Miststück? Ich will mein Geld wiederhaben!“ Ich zittere, presse die Lippen zusammen. Habe keine Antworten. Habe keine Worte. Nur Angst. Mama steht im Türrahmen. Lässig angelehnt, die Arme verschränkt, ihre Augen kühl wie Eis. „Nein“, sagt sie in einem Ton, der mir das Herz zerreißt. Gleichgültig. Abgeklärt. „Das tut nicht weh. Sonst hätte sie das Geld längst rausgerückt. Ich glaube, du musst etwas fester schlagen.“

Jörg schreit: „Blöde Schlampe!“ und hebt den Kochlöffel erneut. „Pisst sich schon wieder ein, das Aas!“ Ich wimmere, versuche mich zurückzuziehen, aber es gibt keinen sicheren Ort. „Ich geh mal Essen machen“, sagt Mama, als wäre nichts passiert. Beiläufig, fast gelangweilt. Sie dreht sich um und geht. Jörg lässt irgendwann von mir ab. Er stößt mich grob in die Ecke, zischt ein abfälliges „Miststück“ und verschwindet. Ich ziehe die Knie an meine Brust, Tränen laufen über mein Gesicht, aber ich wage es nicht, laut zu weinen. Die Tür knallt zu, und der Raum versinkt in Stille.

Ein paar Minuten später kommt Mama zurück. Sie wirft mir frische Wäsche entgegen, die vor meinen Füßen landet. „Du gehst heute ohne Essen ins Bett“, sagt sie knapp, bevor sie wieder verschwindet. Erst als ich allein bin, lasse ich den Tränen freien Lauf. Doch ich muss leise sein. Wenn sie mich hört, kommt sie zurück – und dann wird es noch schlimmer. Meine Finger zittern, als ich mich umziehe. Jeder Stoff, der meine Haut berührt, brennt. Ich krieche unter die Decke, ziehe sie über den Kopf, liege da, zitternd und allein.

Am nächsten Morgen wache ich auf, und es ist, als hätte sich die Welt zurückgesetzt. Als wäre nichts geschehen. Mama und Jörg benehmen sich, als wäre alles normal, reden über Belanglosigkeiten, ignorieren mich fast vollständig. Die Stille ist nicht mehr die bedrohliche der letzten Tage, sondern eine trügerische Normalität.

Die nächsten Wochen passiert: Nichts. Keine Drohungen, keine neuen Anschuldigungen, keine weiteren Strafen. Niemand entschuldigt sich. Aber niemand erwähnt auch, dass das Geld aufgetaucht sei. Vielleicht haben sie begriffen, dass ich es nicht habe. Vielleicht käme das Eingeständnis eines Fehlers für sie nicht infrage. Vielleicht ist es ihnen egal. Vielleicht schämen sie sich, auch wenn ich das kaum glauben kann.

Von den 500 Mark wird nie wieder gesprochen. Die Routine setzt wieder ein, eine Routine voller unausgesprochener Regeln. Jörg findet mal wieder eine seiner Gelegenheitsarbeiten, gerade genug, um den Schein zu wahren. Mama regt sich auf, wenn er freitags mit einer Bierfahne nach Hause kommt. Sie streiten laut, heftig, und ich liege in meinem Bett und höre zu, wie sie sich mit Worten schlagen, die so verletzend klingen wie ihre Hände auf meiner Haut.

Manchmal werde ich nachts wach, weil sie streiten und etwas zu Bruch geht. Der Wäscheständer, der in den Flur geschmissen wird. Der Kleiderschrank, gegen den einer von ihnen kracht. Die Klingel und das Hämmern von Jörgs Händen an meinen und Mamas Fensterscheiben, weil er im Suff seinen Schlüssel vor der Tür fallen gelassen hat und nicht mehr findet, Mama sich konsequent weigert ihn reinzulassen und er schließlich, an die Haustür angelehnt, einfach einpennt.

Ihre Wut prallt aufeinander, roh und ungefiltert, zwei unkontrollierbare Kräfte, die sich gegenseitig zerfetzen.

Ich liege still da, starre an die Decke und hoffe, dass sie mich in Ruhe lassen. Dass der Sturm sich irgendwann von selbst legt.

Autoaggressionen.

(Triggerwarnung: Dieser Blogbeitrag enthält explizite Schilderungen von selbstverletzendem Verhalten. Lies bitte nicht weiter, wenn du dich gerade nicht stabil dafür fühlst.)

Ich sitze in dem Zimmer, das für eine unbestimmte Zeit mein neues Zuhause sein wird. Es ist einfach eingerichtet: ein Bett, ein Regal, ein Kleiderschrank. Meine wenigen Habseligkeiten verteilen sich schüchtern darin, als könnten sie den Raum nicht ganz ausfüllen. Die Rollläden kann ich selbst herunterlassen, und morgens gehe ich duschen, bevor ich mich an den gedeckten Frühstückstisch setze. Die Schule liegt nur ein paar Minuten entfernt, sodass ich erst kurz vor acht das Haus verlassen muss. Mein Alltag hat plötzlich eine Struktur, die mich nicht erstickt, sondern entschleunigt – und trotzdem fühle ich mich verloren.

Ich sitze oft einfach da, überfordert von dieser neuen Unabhängigkeit, die mir so fremd und gleichzeitig so befreiend erscheint. Es ist, als müsste ich erst lernen, mit all dem Platz umzugehen, der mir plötzlich zur Verfügung steht – im Zimmer, in meinem Zeitplan, in meinem Kopf. Und während ich in die Leere starre, fällt mein Blick auf die Packung Einwegrasierer, die mein Freund mir von der Arbeit mitgebracht hat. Ich nehme die Packung in die Hand und inspiziere sie, lange genug, dass mir auffällt, wie vertraut das Rattern meiner Gedanken inzwischen geworden ist. Mit einer Nagelschere versuche ich, die Klinge aus dem Plastik zu hebeln. Es dauert ein paar Minuten, bis sie schließlich mit einem leisen Knacken herausspringt. Vorsichtig hebe ich sie auf, ein kleines Stück Stahl, das im Licht des Zimmers unschuldig glänzt.

Mein Zeigefinger streift über die Klinge, und ohne Widerstand schneidet sie durch meine Haut. Es ist, als hätte sie darauf gewartet, etwas zu tun – einen Zweck zu erfüllen. Ich betrachte die feine Linie, die zurückbleibt, und setze die Klinge diesmal bewusst auf meinem Handrücken an an. Ein kleiner Schnitt, dann noch einer, tiefer. Dunkles Blut tritt hervor, sammelt sich und läuft langsam meinen Handrücken hinab. Ich sehe zu, wie es von meinen Fingerkuppen tropft und schließlich den Boden erreicht.

Da ist etwas Seltsames an diesem Moment, etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Der Schmerz ist da, ja, aber er sticht nicht, er schreit nicht – er flüstert, und in diesem Flüstern finde ich eine trügerische Ruhe. Ich weiß, dass es falsch ist, dass ich das nicht tun sollte, aber gleichzeitig ist es, als würde ich einen Atemzug nehmen, den ich viel zu lange zurückgehalten habe. Mit dieser eigentümlichen, absurden Ruhe lege ich mich schließlich ins Bett und schließe die Augen.

Am nächsten Morgen bin ich verstört. Die Schnitte auf meinem Handrücken leuchten wie ein Signal, das niemand übersehen könnte. Mir wird klar: Ich brauche eine Ausrede, eine Tarnung. Auf dem Weg zur Schule entdecke ich unter einer Brücke eine zerbrochene Flasche. Ohne nachzudenken, trete ich darauf, bis kleinere Scherben entstehen, hebe einige auf und lasse sie in meiner Tasche verschwinden. Ein Plan beginnt sich in meinem Kopf zu formen. Ich reibe Erde auf die Wunden, presse die Scherben darauf und verschmiere absichtlich etwas Dreck auf meinen Knien. Die Fassade muss glaubwürdig wirken, sage ich mir.

In der Schule steuere ich direkt das Sekretariat an und erkläre mit gespielter Verlegenheit, ich sei auf dem Weg gestürzt. Meine Worte kommen unsicher heraus, und meine Hände zittern leicht – echte Symptome, aber nicht vom angeblichen Sturz. Man schickt mich hoch zur Lehrerin und Maggie, eine Klassenkameradin, meldet sich freiwillig, um mich zum Arzt zu begleiten.

Der Arzt untersucht die Wunde und murmelt etwas von „ungewöhnlich, auf den Handrücken zu fallen“, sagt aber in Maggies Beisein nichts weiter. Er desinfiziert die Schnitte und verbindet sie, während ich den Blickkontakt meide. Die Rückkehr zur Schule fühlt sich wie ein kleiner Sieg an – ich habe meine Tarnung aufrechterhalten, zumindest für den Moment.

Doch das Ritual setzt sich fort. Jedes Mal, wenn ich abends alleine in meinem Zimmer sitze, greife ich zur Klinge. Der Schmerz, die Kontrolle und die Befreiung sind wie ein kleiner Trost in einer Welt, die sich so schwer und überwältigend anfühlt. Die Schnitte werden zu Narben, die Narben zu Erinnerungen. Und so geht es weiter, Abend für Abend, Schnitt für Schnitt.

Monate später, als ich zwischendurch bei Papa wohne, fasse ich mir ein Herz und konfrontiere meine Mutter mit meinem fortschreitenden Autoaggressionsproblem. Vielleicht war es jugendlicher Leichtsinn, der naive Glaube, irgendetwas in ihr zu bewegen, eine Reaktion zu provozieren, vielleicht sogar Mitgefühl. Doch ihre Antwort kommt in Form eines ihrer lakonischen Briefe: „Die einen machen Cutting, die anderen Branding. Jedem das Seine, wie er es braucht. Wenn du meinst, dir die Haut aufschneiden zu müssen, dann ist das wohl deine Sache.“

Okay. Gut. Dann wird es eben meine Sache.

Und es wird mehr als das – es wird über Jahre, bis heute, genau mein Ding. Eine Methode, die ich wie eine alte, verlässliche Freundin immer wieder aufs Neue aufsuchen kann. Es ist, als hätte ich all die Jahre nach einem Ventil gesucht, um diesen gepressten Klumpen an Emotionen aus mir herauszudrücken. Ein Ballon, der nur darauf wartet, dass jemand die Nadel hineinbohrt und ihn platzen lässt. Mit den Jahren wird diese Form der Selbstverletzung mal mehr, mal weniger mein treuer Begleiter. Eine Konstante, auf die ich mich verlassen kann, wenn der Krieg in meinem Kopf nicht aufhören will zu toben. Keine Situation, kein Mensch ist mir heilig, wenn es sich anfühlt, als müsse ich explodieren.

An Silvester, mit 17, erlebe ich eine dieser Situationen. Ich sitze in der Jugendhilfeeinrichtung, in der ich mittlerweile lebe und greife nach meinem Handy, um meiner Mutter eine neutrale Neujahrsnachricht zu schicken. Vielleicht ist es die einsame Stimmung des Abends, die mich dazu bringt. Doch ihre Antwort schlägt wie ein Hammerschlag ein: „Wer ist da?“ Ich schreibe zurück: „Deine Tochter Lou.“ Sekunden später kommt ihre Antwort: „Das muss ein Irrtum sein. Ich habe nur eine Tochter, Isabell und die sitzt hier bei mir.“

Das war’s. Kein weiterer Versuch. Kein weiteres Wort. Ich lasse das Handy sinken und der altbekannte Schmerz breitet sich aus wie eine Flutwelle, die alles in mir mitreißt.

Nach dem jährlichen Stadtfest 2010 im Sommer liege ich erschöpft und betrunken auf dem kalten Steinboden vor dem Verwaltungshaus. Meine Finger greifen mechanisch nach einer Glasscherbe, bis mich meine  Freunde aufsammeln, nach Hause bringen und mir heißen Kakao machen. Sie sagen nichts – die Stille wiegt schwerer als Worte.

Oder in meiner Stammkneipe 2013 auf der Toilette, wo Jana mich findet, verarztet und nach Hause bringt. Wieder und wieder dieselbe Szene, wie auf Repeat. Auch in meiner eigenen Wohnung, wo Jana mich ein weiteres Mal findet und mich wortlos ins Bett bringt.

Es gibt keine Grenzen.

Die Vorträge meiner Freunde klingen in meinen Ohren wie ein Radio, dessen Lautstärke ich nicht regulieren kann. Egoistisch, sagen sie. Rücksichtslos. Du verletzt nicht nur dich selbst, sondern auch uns, die dich lieben. Sie drohen mir mit dem Kontaktabbruch, sie sagen, sie können das nicht mehr mit ansehen. Aber irgendwo in den hintersten Ecken meines Kopfes weiß ich: Sie meinen es nicht ernst. Sie lieben mich – und irgendwo hoffe ich insgeheim, dass sie es immer tun werden, egal was passiert. Dass sie bleiben.

Doch dabei übersehe ich etwas Wesentliches: Ihre Grenzen. Grenzen, die nicht dazu da sind, überschritten zu werden, die es mir jedoch immer wieder gelingt, zu ignorieren. Und jedes Mal, wenn ich das tue, wenn ich jemanden zu weit treibe, öffnet sich ein neuer Grund, mich selbst zu bestrafen. Ein neuer Beweis meiner Wertlosigkeit. Das Gefühl, dass ich nicht genug bin, dass ich niemanden verdient habe, dass ich nichts anderes tue, als Menschen zu zerstören.

Es ist am schlimmsten nach einem Streit. Denn während andere die Worte im Zorn irgendwann vergessen, brennen sie sich bei mir ein. Jedes harte Wort, jeder Vorwurf, jede Drohung wird in meinem Kopf endlos wiederholt, als hätte jemand die Play-Taste eingeklemmt. Worte wie: „Du machst mich krank. Du bringst nur Unheil. Mit dir kann niemand glücklich werden.“ Für mich sind sie keine Launen, keine Momentaufnahmen. Für jemanden wie mich sind das Tatsachen, unumstößliche Wahrheiten.

Und so setzt sich der Kreislauf fort. Der Schmerz, der Selbsthass, die Bestrafung. Und ich frage mich, ob es jemals aufhören wird, ob ich jemals lernen werde, diese Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen.

Papa & Ines.

(Triggerwarnung: unangemessene sexuelle Kontakte)

Ich war gerade 17 geworden, als mein Vater mit meiner Exfreundin schlief.

Ob „miteinander schlafen“ hier der korrekte Terminus ist, mag fraglich sein vor dem Hintergrund, dass er 41 war und Ines mit 16 Jahren noch minderjährig. Es war allerdings der Terminus, den ich damals verwendete, weil mir in dem Alter sowohl das Bewusstsein als auch die intellektuellen Ressourcen gefehlt haben, derlei Dinge gesund einzuordnen.

Ich erinnere mich an den Moment, als ich davon erfuhr. Es war nicht einmal eine Konfrontation, keine vorbereitete Erklärung oder ein peinlich berührtes „Geständnis“. Die Information wurde mir beiläufig hingeworfen, wie eine unwichtige Randnotiz. Ich war bei Papa zu Besuch und schüttete ihm mein Herz aus, weil ich Ines vermisste, diese sich aber, wie ich durch gemeinsame Bekannte erfuhr, dauernd mit anderen Typen traf. Dann sprachen wir in diesem Kontext noch über Verhütung und da kam er, dieser Satz, der mir die Luft aus den Lungen riss.

„Keine Sorge, wir haben ein Kondom benutzt“, sagte mein Vater mit einem leicht unbeholfenen Grinsen, während ich versuchte diesen Satz so zu verarbeiten, dass sein Inhalt einen Sinn ergab. Als ich begriff, dass er nicht in einer mir fremden Sprache gesprochen hatte, starrte ich ihn ungläubig an.

„Ihr habt WAS?“

„Ja, vor drei Wochen. Ich bin ja nicht bekloppt, mit über 40 noch ne Minderjährige zu schwängern“, fuhr er fort, als wäre genau das der Punkt, der gerade problematisch für mich war.„Ja, nein, schon klar, aber wieso? Also, WIE? Wie konnte das denn passieren?“

„Naja, du kennst doch Ines mit ihrem frechen Blick“, sagte Papa. „Die stand eines Nachmittags vor der Tür weil sie den Bus verpasst hat und ich hab sie auf einen Kaffee herein gebeten. Dann hat sie irgendwann gesagt, sie wäre ziemlich verspannt, ob ich sie kurz massieren könnte und naja, so kam dann eins zum andern.“

Ich war fassungslos, wie Papa versuchte, mir die Situation als völlig normal und harmlos anzudrehen. Als wäre das die einzig logische Konsequenz, wenn jemand mit Kaffeedurst und Rückenschmerzen zu Besuch kommt. Mein Kopf war ein Schlachtfeld. Ein Teil von mir schrie steh auf, lauf weg, verbann‘ diese Menschen aus deinem Leben! Der andere Teil flüsterte, du bist doch nur überempfindlich. Es ist gar nicht so schlimm, schließlich hast du sie ja verlassen. Ich wusste nicht, welchem Teil ich trauen konnte und so blieb ich in dieser lähmenden Mitte stecken – unfähig, zu kämpfen oder zu fliehen. Stattdessen setzte ich mich hin und versuchte, dieses Chaos in meinem Inneren zu ignorieren. Dass Papa diesen Vertrauensmissbrauch mir gegenüber als ja ebenfalls noch Minderjährige dann als völlig legitim darzustellen versuchte, gab mir kognitiv den Rest.

„Ja du musst dich jetzt auch nicht so aufregen, Lou. Du hast doch vor Monaten schon Schluss gemacht mit ihr.“

„Ja, und du erinnerst dich eventuell auch noch an den Grund, wenn du kurz drüber nachdenkst“ erwiderte ich, jetzt ebenfalls unbeholfen grinsend. „Ich muss morgen früh raus, ich werd mal nach Hause fahren.“

Ich spürte die Wut in mir brodeln, heiß und unkontrollierbar, aber gleichzeitig war da diese lähmende Ohnmacht. Wie konnte er das tun? Wie konnte er es wagen, diese Grenze zu überschreiten, ohne auch nur einen Moment an mich zu denken? Es fühlte sich an, als hätte er nicht nur meine Gefühle, sondern auch mich als Person vollständig ignoriert. Irgendwie verspürte ich den Drang, sauer zu sein und merkte, wie eine völlig neue Welle der Eifersucht in mir hochkochte. Ich liebte Ines – zumindest glaubte ich das. Aber meinen Gefühlen war damals schon kaum zu trauen. Mein Vater hingegen gab mir auch in den Tagen danach das Gefühl, dass es überhaupt keinen Grund gab, wütend zu sein. Das führte dazu, dass ich meine Gefühle komplett falsch einordnete. Ich ließ die vermeintliche Liebe zu Ines weiterhin zu und unterdrückte den Drang, bei meinem Vater vor Wut zu explodieren. Dabei wäre genau das Gegenteil am gesündesten gewesen: einfach zu beiden zu sagen „Fickt euch, das war das Allerletzte“. Mein Vater machte schon während meiner Beziehung mit Ines aus seiner Faszination für sie kein Geheimnis. „Ach, sie ist wirklich süß, aber natürlich würde ich niemals darauf eingehen, solange ihr zusammen seid.“ Das hatte er gesagt – in einer vermeintlich witzig-unbeholfenen Art, die ich damals als Rücksicht interpretierte, obwohl alles daran komplett unangemessen war.

Ich spürte Wellen von Wut und Eifersucht, aber auch eine erschütternde Leere. Die Leere kam nicht nur von der Situation selbst, sondern auch von der familiären Instabilität, die mich zu dieser Zeit umgab. Es war eine Art emotionale Obdachlosigkeit. Kein Ort, keine Person, die ich wirklich als „sicher“ empfinden konnte. Stattdessen gab es diese seltsamen Pseudo-Beziehungen: mein Vater, der mich immer wieder enttäuschte und Ines, die mich verriet, aber die ich einfach nicht loslassen konnte.

Ich hasste sie für das, was sie getan hatte, aber gleichzeitig klammerte ich mich an die Vorstellung, dass ich sie zurückgewinnen könnte. Es war ein schmerzhafter Kampf zwischen Vernunft und Gefühl – eine innere Schlacht, die ich nicht gewinnen konnte. Heute, Jahre später, blicke ich zurück und sehe die toxischen Muster, die sich damals formten.
Mein Vater hatte sehr deutlich eine Grenze überschritten und ich war zu jung und zu verletzt, um die Konsequenzen wirklich zu begreifen. Statt die Schuld dort zu verorten, wo sie hingehörte – bei ihm und bei Ines, aber vor allem bei ihm –, kehrte ich sie nach innen.

Es war, als ob mein Wert als Mensch davon abhinge, wie andere mich behandelten. Und weil sie mich so respektlos behandelten, musste etwas mit mir nicht stimmen. Ich war zu emotional, zu eifersüchtig, zu kompliziert – das war die Botschaft die ich immer wieder hörte, ob laut ausgesprochen oder zwischen den Zeilen vermittelt.

Ich erinnere mich noch an die Nächte, die auf diese Offenbarung folgten. Ich saß oft allein in meinem Zimmer, die Wände kahl und die Luft schwer von einer seltsamen Mischung aus Trostlosigkeit und Stille. Ich fragte mich immer wieder, warum ich überhaupt existierte. Es war, als würde diese eine Erfahrung alles andere in meinem Leben zusammenfassen: eine Abfolge von Verrat, Enttäuschung und Schmerz. Ich begann, an mir selbst zu zweifeln und mit jedem Gedanken darüber, was passiert war, vertiefte sich der Abgrund. Gleichzeitig hatte ich keinen Raum, diese Gefühle auszudrücken. Also begann ich, die Gefühle in mich hineinzufressen. Sie wuchsen in mir, ein dumpfes, pulsierendes Gewicht, das irgendwann so groß wurde, dass ich es kaum noch tragen konnte und nur der Griff zur Klinge mir Erleichterung verschaffte. Erst später, als ich begann, mich therapeutisch mit meiner Borderline-Diagnose auseinanderzusetzen, verstand ich, was damals passiert war. Die Emotionen, die mich überwältigten, waren nicht nur Reaktionen auf den Verrat selbst, sondern auf eine lebenslange Ansammlung von Schmerz und Unsicherheit. Die Wut, die ich damals so sehr unterdrückte, war der Versuch, mich selbst zu schützen. Es hätte mir geholfen, wenn ich damals den Mut gehabt hätte, beide – meinen Vater und Ines – aus meinem Leben zu verbannen. Doch stattdessen ließ ich sie beide zu lange bleiben. Ihr Verhalten wurde zu einem weiteren Puzzleteil in einem Geflecht aus Selbstzweifeln, Bindungsangst und dem Wunsch nach einem Zuhause, das schon seit meiner Kindheit wuchs.

Heute weiß ich, dass es nicht meine Schuld war. Dass ich nicht verantwortlich für die Taten anderer bin. Aber es hat Jahre gedauert, das zu begreifen und noch länger, es zu fühlen. Der Schmerz ist nicht weg, aber er ist nicht mehr alles, was ich bin.

Ich bin mehr als die Summe der Menschen, die mich verletzt haben.

Ines.

2002.

In der zehnten Klasse war ich in der Fußball-AG. Es war eine der wenigen Aktivitäten, die ich wirklich liebte – nicht nur, weil ich mich beim Fußball frei fühlte, sondern auch, weil ich dabei vergessen konnte, was außerhalb des Spielfelds war. Ich hatte bis dato schon (mehr oder weniger heimlich) feste Freunde gehabt, aber zu dieser Zeit spürte ich, dass ich mich oft auch zu Frauen hingezogen fühlte. Es war etwas, das ich noch nicht ganz begreifen konnte, geschweige denn jemandem anvertrauen wollte.

Ines war ebenfalls in der Fußball-AG. Sie war witzig und locker und mir fiel sofort ihre Ausstrahlung auf. Sie hatte diese Art, die Luft um sich herum leichter zu machen, als würde man automatisch besser atmen können, wenn sie da war.

Am Anfang waren wir einfach nur Teamkameradinnen, aber nach und nach fingen wir an, uns auch außerhalb der AG zu treffen. Wir gingen zusammen in die Stadt, quatschten über alles Mögliche und lachten so viel, dass ich manchmal vergaß, wie viel Last ich noch mit mir herumschleppte. Es fühlte sich an, als würde sie eine Tür öffnen, hinter der eine Welt lag, die ich vorher nicht kannte. Der Wendepunkt kam, als ich das erste Mal bei ihr übernachtete. Wir waren bis spät in die Nacht wach, redeten und hörten Musik. Es war eine dieser Nächte, in denen die Zeit seltsam stillstand und die Welt außerhalb des Zimmers nicht mehr existierte.

Irgendwann im Laufe dieser Nacht kamen wir uns näher – nicht körperlich, aber emotional. Es war, als ob wir uns gegenseitig vorsichtig zeigten, was wir wirklich fühlten, ohne es auszusprechen.

Und wieder einmal war es Steven, der versuchte, dazwischen zu grätschen. Am nächsten Tag fuhr ich voller guter Dinge und sehr beseelt nach Hause und erzählte abends bei der Arbeit im Restaurant, dass ich eine neue gute Freundin habe, mit der ich mich sehr gut verstehen würde. Steven ließ zu der Zeit kaum eine Möglichkeit ungenutzt, Druck auf mich auszuüben. Ich hatte ihm drei Monate zuvor, als ich mit Julian zusammen kam, deutlich gemacht dass ich ab sofort ausschließlich für die Arbeit in der Küche zur Verfügung stehe, was ihn so sehr in seinem Ego kränkte, dass er mich daraufhin immer weniger in den Dienstplan einteilte, was wiederum für Gerede sorgte – weshalb ich irgendwann nachgab. Die Beziehung mit Julian war ihm daher ein Dorn im Auge und er nutzte diese Gelegenheit sofort, bei meinem Freund Scheiße über mich zu erzählen.

Julian wusste natürlich, dass ich bei einer Freundin übernachtet hatte. Als er drei Tage später mit mir Schluss machte, ließ er aber sehr deutlich durchblicken, dass Steven ihm erzählt hatte, dass da mehr gelaufen wäre zwischen Ines und mir, und wollte sich auch durch absolut nichts davon abbringen lassen. Er war sogar regelrecht empört, dass ich diesen vermeintlichen Betrug vor ihm nicht zugeben wollte, denn bei Steven hätte ich es ja auch getan.

Ich war traurig (obwohl ich rückblickend hätte sauer sein müssen, einfach weil Menners), aber zugleich spürte ich eine seltsame Freiheit. Ohne Julian gab es keine Gründe mehr, mich zurückzuhalten. Ich begann, mich selbst neu zu entdecken, und Ines war ein Teil davon.

Wir kamen zusammen.

Die Beziehung war intensiv, leidenschaftlich und chaotisch – vielleicht, weil ich zu der Zeit selbst in einer Phase des Umbruchs war. Ich war gerade erst bei meiner gewalttätigen Mutter ausgezogen und hatte angefangen, zum ersten Mal selbst zu entscheiden, wer ich sein wollte. Ich wollte diese Beziehung mit Ines und ich wollte, dass alle es wussten. Ines hingegen wollte, dass unsere Beziehung ein Geheimnis blieb. Sie hatte Angst, was die anderen sagen würden und ich verstehe das heute vielleicht besser als damals. Aber damals war es ein ständiger Konflikt.

Die Eifersucht war auf beiden Seiten allgegenwärtig. Ich war unsicher, suchte nach Halt und wollte, dass sie mich wählte – öffentlich, eindeutig. Sie wollte ihre Freiheit, wollte sich nicht festlegen lassen. Manchmal kam sie einfach nicht zu Verabredungen, ohne sich vorher zu melden, rief erst zwei Tage später an und tischte mir merkwürdige Ausreden auf.

Nach vier Monaten war es vorbei – weil mein Vater mir anzügliche SMS zeigte, die sie an ihn geschickt hatte. Kurioserweise erinnere ich mich noch genau daran, wie absurd und schmerzhaft dieser Moment war, als Papa mir sein Handy mit der SMS reichte und ich zu lesen begann, nicht aber, welcher Wortlaut in ebenjener enthalten war. Ich erinnere mich daran dass es nicht einfach eine harmlose Nachricht war, sie war eindeutig, anzüglich und sie brachte etwas ans Licht, das ich bis dahin nicht sehen wollte. Und ich erinnere mich deshalb so gut daran, weil er sagte dass das nicht das erste Mal war, dass er SMS von Ines mit derlei sexuell aufgeladenem Inhalt bekam.

Ich war schon während unserer Beziehung zeitweise irritiert über die lockere Art, wie Ines mit meinem Vater umging, konnte das aber nicht so ganz einordnen, weil auch mein Vater vom Verhalten her mehr ein Kumpeltyp statt eine väterliche Autoritätsperson war, was mir wiederum einfach unverdächtig vorkam. Es war, als ob Ines nicht nur meine Gefühle, sondern auch jede Idee von Loyalität und Respekt mit Füßen getreten hatte. Ich fühlte mich betrogen, klein und wertlos.

Dieser Verrat hat mich nachhaltig erschüttert. Er hat mir gezeigt, wie fragil Vertrauen sein kann und er hat mir auf schmerzhafte Weise klar gemacht, wie sehr ich damals von der Zuneigung anderer abhängig war. Die Beziehung mit Ines war ein Wirbelsturm. Sie war intensiv und aufregend, aber auch verletzend und zerstörerisch. Und obwohl sie nur ein paar Monate dauerte, hat sie mich für Jahre geprägt. Ich war hin- und hergerissen zwischen Wut, Eifersucht und dieser schrecklichen Unsicherheit, ob ich jemals jemandem vertrauen könnte.

Aber es kam noch schlimmer.

Neue Nachbarn.

(Triggerwarnung: Im folgenden Beitrag wird sexualisierte Gewalt geschildert, die belastend und retraumatisierend sein kann.)

2000.

Ich war 14, als wir kurz vor Ostern neue Nachbarn bekamen, die das Restaurant unter uns pachteten. Ein junges Paar, er 32 und Koch, sie 28 und die Chefin im Service. Mama bot sich, wie schon bei den vorherigen immerzu wechselnden Pächtern, als Servicekraft an und hatte wenige Tage nach der Eröffnung im April 2000 ihren ersten Arbeitstag.

Steven und Simone wurden Nachbarn und Freunde. Zu Ostern verkleideten Isabell und ich uns abwechselnd als Osterhasen und verteilten bunt bemalte Eier an die Gäste. Im Zuge dessen bot Mama den beiden meine Hilfe in der Küche an – ich war erst 14 und es war so oder so verboten, aber die beiden willigten ein. Anfangs half ich auch im Service mit, doch mein Dreh- und Angelpunkt war die Küche. Ich war Stevens rechte Hand, anfangs nur in der Küche, irgendwann auch im Keller.

Es war eine laue Sommernacht, als wir zu zweit die Küche saubermachten und ich von meiner gesprungenen Fahrradkette erzählte. Ich schob das Rad in den Laden, und Steven half mir das Problem zu beheben. Danach tranken wir zusammen ein Glas Cola und ich verzog das Gesicht.

„Was ist los?“ fragte er.

„Nichts weiter.. ich hab nur irgendwas auf meiner Zunge, was schmerzt.“Er sah mir tief in die Augen und beugte sich zu meinem Gesicht. „Lass mal sehen…“ sagte er und küsste mich. Ich war wie versteinert, als er seine Zunge in meinen Mund schob. Klar, ich hatte bis dato schon heimlich zwei feste Freunde gehabt, mit denen ich knutschte – aber das hier, das war anders. Das war fordernd und erwachsen. Und ich war erst 14 und er mehr als doppelt so alt, mit einer Freundin die oben auf ihn wartete und die für mich wie eine Ersatzmutter war. Sie war meine Anlaufstelle, die erste überhaupt der ich mich anvertraute, wenn zwischen Mama und mir die Fetzen flogen. Wir quatschten, wir shoppten, wir lachten, und mein schlechtes Gewissen wurde größer und größer. Steven stellte mir in der Küche nach, wann immer es die Zeit zuließ. Er fasste mich an auf eine Weise, die ich mit 14 noch nicht kannte und auch nicht kennen wollte, und obwohl es sich gut anfühlte, fühlte ich mich schmutzig und falsch. 

Eines Abends, als gerade wenig los war, standen wir wie jedes Mal unten am Kühlhaus, als er mich plötzlich bat, ihn in den Mund zu nehmen. Ich war irritiert und wollte mich zurückziehen, doch er hielt mich fest und sagte „Na komm, tu es. Das ist nichts Schlimmes. Ich wette, du kannst das gut.“ 

Es schmeckte bitter, und als er kam, salzig und ekelhaft. Ich musste husten, riss mich los und rannte zurück in die Küche, um mit Wasser nachzuspülen. Seitdem war kein Tag mehr wie der andere.