Lange glaubte ich, einfach sehr großes Pech zu haben, mit Menschen, Nähe und Liebe. Vielleicht war das auch ein wenig meiner Bequemlichkeit geschuldet, denn es klingt sehr leicht, etwas Pech zu nennen. Pech klingt zufällig, wie etwas Unvermeidbares, Schicksalhaftes. Etwas, an dem man nicht wirklich etwas ändern kann, an dem man nicht arbeiten muss, denn für Pech kann man ja wohl nichts, oder?
Pech entlastet, es macht Scheitern etwas weniger peinlich, redete ich mir ein, man sagt ja oft „Ja sie hat einfach Pech in der Liebe, es hat einfach nicht gepasst“, als gäbe es niemanden, der dafür Verantwortung tragen muss, wenn Menschen sich gegenseitig oder selbst verletzen. Denn Verantwortung ist so ein großes Wort, und wer ist schon gerne für Schmerz bei anderen verantwortlich?
Ich erzählte mir diese Geschichte immer wieder, über Jahre hinweg, nach jeder gescheiterten Beziehung, in der ich zu Anfang so, so fest davon überzeugt war, diesmal würde es anders werden – und ich doch wieder in denselben Dynamiken aus Klammern, Flucht, Manipulation und Selbstaufgabe landete – verteilt in unterschiedlichen Gewichtungen in Abhängigkeit der Dominanz meiner jeweiligen Beziehung. Es war quasi immer ein wenig davon abhängig, wer in der Beziehung das „Oberwasser“ hatte – und das war meistens nicht ich. Und wenn ich es doch war, diejenige die die Oberhand hatte, dann kam ich nie umhin sie davor zu warnen, dass ich keine gute Wahl wäre. „Ich bin nicht gut für dich“, sagte ich, immer und immer wieder. “Wenn du klug bist, hälst du dich lieber von mir fern, ich werde dir nur weh tun“ und noch viele weitere 2000er Emo-Phrasen, mit denen ich mich etwas geheimnisvoller und unnahbarer machen wollte, während ich gleichzeitig den starken Drang hatte, mit allem was mein geschundenes Herz hergab, All-in zu gehen.
„Pech“, sagte ich mir immer wieder. Dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war, man kennt es. Zur falschen Zeit die falschen Entscheidungen getroffen, an einer Abzweigung den falschen Weg gegangen, ohne hinterher mit Sicherheit zu wissen, ob der andere Weg nicht noch falscher hätte werden können? Ich redete mir ein, ein Magnet zu sein für komplizierte Menschen, obwohl ich sehr genau wusste, dass ich einen Großteil zu der Kompliziertheit meiner Beziehungen beitrug. Und ich redete mir ein, dass ich einfach mehr aushalte als andere, deshalb immer wieder dort lande wo es wehtut, und mich deshalb dort wiederfinde wo ich mir selbst weh tue.
Erst viel später habe ich gemerkt, dass meine Geschichten sich ähneln. Nicht im Detail, aber im Gefühl, was sie in mir auslösten. Es war immer diese Mischung aus Hoffnung und Alarm, dieses frühe Ziehen im Bauch, das ich für Aufregung hielt, das Gefühl, gesehen zu werden, obwohl ich eigentlich nicht wollte, dass jemand zu genau hin sah, aus Angst dann all meine Unzulänglichkeiten zu entdecken, vor denen ich mich selbst so schämte, gemischt mit der Angst, nicht wahrgenommen zu werden. Ich hielt dieses Potpourri an Gefühlen, diese Intensität, immer für tiefe, wahre Liebe, die eine Liebe, als Beweis dafür dass der, dieser eine Mensch, für mich bestimmt ist.
Heute weiß ich, dass das einfach mein Nervensystem war, das keine Ruhe kannte, das Nähe nur im Ausnahmezustand kennengelernt hatte, das Sicherheit nicht erkannte wenn sie da war und lieber die Gefahr suchte, weil das etwas Vertrautes war. Das zu verstehen kam nicht plötzlich, es gab keinen bestimmten „AHA-Moment“, keinen kognitiven Durchbruch. Es war eher ein leises, unangenehmes Wiedererkennen von Mustern, angestoßen durch viele reflektierende Gespräche und der sich immer wieder stellenden Fragen: Wer bin ich eigentlich wirklich? Wer bin ich ohne eine destruktive Beziehung an meiner Seite? Wer bin ich ohne eine Gelegenheit, Chaos und Unruhe zu stiften – und was bleibt von mir übrig, wenn nichts mehr eskalieren kann?
Diese Erkenntnis hat weder etwas gelöst, noch hat sie etwas geheilt, aber sie hat etwas verschoben: Die Frage von „Warum passiert mir das?“ zu „Warum entscheide ich mich immer wieder dafür?“.
Und diese Frage ließ sich nicht mehr verdrängen.