Anfang 2005 fing ich an zu schreiben. Die Wiederannäherung mit dem Wunsch nach einer Aussprache mit meiner Mutter war missglückt, die intensive Auseinandersetzung meiner Vergangenheit mit Steven blieb strafrechtlich fruchtlos, und die immer weniger werdenden Kontakte zu meiner Mutter machten mir deutlich, dass sie keinerlei Interesse daran hatte, sich mit mir oder meinem Leben auseinander zu setzen, weil das für sie bedeutete, sich Dingen zu stellen, denen sie sich nicht stellen wollte.
Ich war zwischenzeitlich umgezogen, in eine kleine hübsche Dachgeschosswohnung, die ich schon beim letzten Mal gerne gehabt hätte, die aber damals noch nicht frei war. Ich richtete mir mein kleines gemütliches Heim ein, befand mich in einer Ausbildung zur Druckerin, fing mit meinem Führerschein an und versuchte auch sonst, mein Leben in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken. Und als hätte ich mit all dem noch nicht genug zu tun, fing ich an, alles aus den letzten Jahren aufzuschreiben, an das ich mich erinnern konnte.
Das war – damals mehr als heute – mit enormem Schmerz verbunden. Jede Situation, die ich zu Papier brachte – sei es das verschwundene Geld von Jörg, die gestohlene Bierflasche oder vermeintliche Kleinigkeiten, für die mich meine Mutter verprügelte – zwang mich dazu, mich gedanklich erneut in diese Erlebnisse hineinzuversetzen. Meine Borderline-Diagnose bekam ich erst viele Monate später, als ich mich endlich dazu aufraffen konnte mich in eine ambulante Therapie zu begeben – aber das hielt mich nicht davon ab, mich mit der Thematik schon während des Schreibprozesses zu befassen, weil mir viele in meinem Umfeld einen ordentlichen Knall bescheinigten und ich in diesem Zusammenhang immer wieder von der Borderline-Störung hörte.
Das nicht Vorhandensein eines mentalen Rückhalts in Form einer Therapie zur Zeit meines Schreibprozesses war nicht besonders förderlich für meine Psyche, dafür aber für meinen Alkoholkonsum. Der wiederum war förderlich für meinen Schreibprozess, denn die meisten traumatischen Erlebnisse hätte ich mit 19 Jahren in der Form kaum nüchtern zu Papier bringen können, ohne komplett abzudrehen. Es macht einfach einen großen Unterschied, über vergangenes nachzudenken oder es aktiv aufzuschreiben, zu formulieren und in Zusammenhänge zu bringen.
Das erste kleine „Büchlein“, das aus meiner Schreibwut entstand, war winzig und hatte kaum 100 Seiten, wenn man die melodramatischen, selbstverfassten Songtexte und Fotos abzieht. Es war vielmehr eine lose Sammlung von Erlebnissen bis 2003, die sich besonders tief eingeprägt hatten, und trug den Titel „Muttersturm“. Zu meinem Vater hatte ich zu der Zeit ein stabiles Verhältnis, obwohl die Sache mit Ines gerade mal gute zwei Jahre zurücklag.
Im Nachhinein ist es mir fast schon ein wenig peinlich, was ich damals über ihn geschrieben habe:
Er ist ein sehr lieber Mensch, der auch seine Fehler, Ecken und Kanten hat, der aber niemandem etwas Böses will. Ich bin sein Ein und Alles, und er tut sein Bestes, damit es seiner Tochter gut geht. Auch wir hatten anfangs unsere Schwierigkeiten, weil er von meiner ganzen Entwicklung überhaupt nichts mitbekommen hatte und ich ihm auf einmal als sechzehnjähriger Teenager gegenüber stand. Ich wüsste nicht was ich heute ohne ihn wäre – er ist ein liebevoller und fürsorglicher Vater und hat dabei trotz seiner 44 Jahre eine sehr junge, lockere, manchmal auch durchgeknallte Art, die wohl einer der Hauptgründe ist, wieso wir uns so gut verstehen. Er schimpft nicht, schnauzt mich nicht an, er sagt niemals irgendein böses Wort zu mir, das mich verletzen könnte. Obwohl wir uns nahezu zehn Jahre nicht gesehen haben, ist er mir heute mehr ein Vater, als meine Mutter mir jemals eine Mutter war.
Eigentlich ist das eher traurig als peinlich. Weil ich geschrieben habe, was ich wollte das er für mich ist, beziehungsweise was ich gebraucht hätte. Und obwohl alles, was er für mich getan hat, um ein Vielfaches mehr war als meine Mutter mir gegeben hat, war es eigentlich nichtmal das „bare minimum“, was ich damals aus Mangel an Selbstreflektion einfach glorifiziert habe.
Aber darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus.
Im Zuge meiner Ausbildung zur Druckerin stellte ich eine kleine Auflage von zehn Exemplaren dieses „Buches“ her, die ich selbst band. Ich verteilte die Heftchen an ausgewählte Freundinnen und Verwandte und schickte natürlich auch meiner Mutter ein Exemplar. Welche Reaktion ich mir von ihr darauf erhofft hatte, weiß ich nicht mehr genau. Nach 20 Jahren kann ich auch nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob ihre tatsächliche Reaktion mich irritiert, geärgert oder deprimiert hat – aber eines kann ich heute sagen: Sie hat mich absolut nicht verwundert.
Aber lest selbst:
Fortsetzung folgt