Backpulver.

1997.

Ich sitze mit meinen Geschwistern am Frühstückstisch, es ist Sonntag. Die Atmosphäre ist trügerisch ruhig, aber mein Bauch zieht sich zusammen. Mama hat die Küche vor ein paar Minuten verlassen. Sie ist irgendwo im hinteren Teil der Wohnung – ein Umstand, der nichts Gutes verheißt. Es bedeutet oft, dass sie meine Sachen durchwühlt. Sie macht das ziemlich häufig und jedes Mal findet sie etwas, das ihren Zorn entfacht.

Ein 10-Pfennig-Stück, das sie mir mit vorwurfsvollem Blick unter die Nase hält, während sie schreit, ich hätte kein Geld zu besitzen. Wenn meine Urgroßeltern mir heimlich ein 5-DM-Stück zustecken, bin ich verpflichtet, es sofort zu Hause abzugeben. Sie findet manchmal auch Sachen, die Isabell bei mir vergessen hat – ein Barbiekleid, Ken oder einen Teil des Puppenhauses. Alles ist ein Vergehen in ihren Augen.

Für besonders heikle Dinge habe ich Verstecke. Hinter den Büchern in meinem Regal, die ich nur ein paar Zentimeter nach vorne ziehe – dort passt ein ausgeliehenes Buch aus der Schulbücherei, das ich eigentlich nicht ausleihen darf. Mama sagt, ich mache eh immer alles kaputt, und sie habe keine Lust, Rechnungen an die Schule zu bezahlen. Größere Dinge verstecke ich zwischen Matratze und Lattenrost.

Doch manchmal ist das alles umsonst. Sie durchwühlt auch meine Schultasche, oft noch bevor ich selbst mein Zimmer betreten habe. Und wehe, sie findet etwas, das ihr nicht passt! Dann wird es laut. Und meistens schmerzhaft.

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, als Mama meinen Namen ruft. Ihr Ton ist scharf, eine Klinge, die durch die trügerische Ruhe des Morgens schneidet. Ich lege mein Toast beiseite und gehe nach hinten in mein Zimmer.

Mama hockt vor dem rausgezogenen Bettkasten, ihr Blick ist eine Mischung aus Triumph und Anklage. In der Hand hält sie ein kleines Tütchen hoch. „Was ist das?“, fragt sie, ihre Stimme ein Vorwurf, der bereits das Urteil in sich trägt.

„Backpulver“, antworte ich wahrheitsgemäß, obwohl es klar lesbar auf der Packung steht. Ein „steht doch drauf“ schlucke ich hinunter, denn Frechheit hat einen Preis. „Und das andere ist Vanillezucker“, füge ich ruhig hinzu und deute mit einer Kopfbewegung auf das zweite Tütchen.

Mama steht auf, ich sehe den Schlag kommen, aber ich kann nichts tun außer vorher die Augen zuzukneifen. Ihre Hand prallt mit voller Wucht gegen mein Gesicht, ein brennender Schmerz explodiert in meiner Wange. Blut schießt mir in die Nase, tropft auf den Boden. Ich greife wortlos nach einem Waschlappen von dem kleinen Kosmetikwagen in meinem Zimmer.

„Was hat das hier verloren?“, fragt sie kalt.

„Es ist für die Schule, zum Backen“, sage ich, den Kopf gesenkt, während ich das Blut abtupfe.

„Erzähl mir nicht so einen Dünnschiss“, zischt sie, „du räumst jetzt deinen ganzen Scheiß zusammen und stellst ihn hinter die Tür. In einer Stunde will ich hier nichts mehr rumliegen sehen, und wehe, das ist nicht ordentlich!“

Sie verlässt das Zimmer, kommt kurze Zeit später mit einem Wäschekorb und ein paar blauen Müllsäcken zurück. Der Geruch von Kunststoff mischt sich mit meiner Angst, als ich mich daran mache, mein Zimmer auszuräumen. Nach einer knappen Stunde lege ich das letzte Buch in den Wäschekorb. Mein ganzes Hab und Gut – verstaut in zwei blauen Säcken und einem Wäschekorb, als wäre ich auf der Flucht oder stünde ein Umzug bevor.

Dann bringt sie mir einen kleinen Stapel Papier und einen Bleistift. Ihre Anweisung ist knapp, ihre Stimme kühl wie Eis: „Schreib.“

Und so schreibe ich, jedes Wort ein Gewicht, das sich auf meine kleinen Schultern legt:

Ich soll nicht lügen.
Ich soll nicht stehlen.
Ich darf nicht mehr zum Fußballtraining.
Ich darf nicht mehr zum DLRG.

Die Worte auf dem Papier sind eine Strafe, eine Liste der Demütigungen, die sie mir aufzwingt, eingerahmt von Schmerz und dem Gefühl, niemals gut genug zu sein.

Bei den letzten beiden Sätzen halte ich kurz inne und seufze leise. Fußball hat mir Spaß gemacht, richtig viel Spaß. Ich war erst ein halbes Jahr dabei und durfte schon bei einem Mannschaftsausflug an die Ostsee mitfahren. Und beim DLRG bin ich seit zwei Jahren – da war ich richtig gut. Die Erinnerungen daran sind wie kleine Lichtpunkte, die kurz aufblitzen, bevor die Dunkelheit sie wieder verschluckt.

Ich beginne zu schreiben, wie sie es befohlen hat. Wort für Wort, Seite für Seite. Nach zwanzig Seiten muss ich innehalten, weil mein Handgelenk schmerzt, der Stift sich wie Blei in meiner Hand anfühlt. Aber ich schreibe weiter. Tag für Tag.

Nach zwei Wochen habe ich alle 200 Blätter vollgeschrieben. Mama scheint zufrieden und belässt es dabei. Doch jetzt habe ich nach der Schule nichts mehr zu tun, außer Hausaufgaben zu machen – und selbst die erledige ich mit einer Gründlichkeit, die ich vorher nie aufgebracht habe. Aber danach? Danach sitze ich einfach da, auf meinem Stuhl und starre die Tür an oder das Türmchen meiner Habseligkeiten, das in Säcken und Körben hinter der Tür aufgestapelt ist. Die Zeit zieht sich zäh, wie kalter Honig, bis es endlich Abendessen gibt. Ich darf nicht am Küchentisch essen, sondern in meinem Zimmer. Und sobald ich fertig bin, muss ich ins Bett.

Dann klingelt es. Die vertraute, warme Stimme von Tante Michaela schwappt durch die Wohnung. Sie klingt so freundlich, so anders als das ewige Gezeter und die schneidenden Worte von Mama. Ich höre, wie Michaela in meine Richtung kommt und mein Herz beginnt zu rasen. Ein Moment der Panik. Was wird Mama ihr sagen? Ich halte den Atem an, bis Michaela tatsächlich den Kopf durch meine Tür steckt. Sie grinst mich freundlich an. „Oh, hast du aufgeräumt?“ fragt sie und lässt ihren Blick durch das aufgeräumte Zimmer schweifen, ohne die Müllsäcke oder den Wäschekorb zu kommentieren.

Bevor ich etwas sagen kann, erscheint Mama hinter ihr, greift sie an der Schulter und zieht sie aus der Tür. „Die war böse und hat Hausarrest“, sagt sie, ihre Stimme trocken und abweisend.

„Was hat sie denn angestellt?“ fragt Michaela, ihre Stimme neugierig, aber immer noch warm.

„Da will ich jetzt nicht drüber reden“, zischt Mama. „Das ist einfach ein blödes Miststück.“

Die Worte treffen mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich höre, wie sie mit Michaela ins Wohnzimmer geht, die Stimmen werden leiser, bis ich sie kaum noch wahrnehme. Ich bleibe allein zurück, in meinem stillen Zimmer, in der Gesellschaft meiner Säcke und Körbe und starre wieder auf die Tür.

Das erste Drittel meines Tages gehört der Schule.

Unterricht, Pausen, Lehrer, Klassenkameraden – ein bisschen Routine, ein bisschen Normalität. Doch sobald ich nach Hause komme, beginnt das zweite Drittel, und das fühlt sich an wie ein endloser Stillstand. Ich sitze an meinem Schreibtisch, mit Hausaufgaben oder einfach nur da, tatenlos. Gelegentlich wird die Monotonie durch Hausarbeit unterbrochen. Kartoffeln schälen fürs Abendessen, das Badezimmer schrubben – dann geht es wieder zurück an den Schreibtisch.

Meine Welt ist klein, begrenzt auf diesen Raum und die Blickwinkel, die ich von meinem Stuhl aus einnehmen kann. Die Tapete, die Tür, der Garten durch das Fenster, oder meine Schreibtischunterlage mit der Weltkarte. Stundenlang starre ich auf die Länder und Kontinente. Kap der Guten Hoffnung ist mein Lieblingsort, weil der Name ein Versprechen in sich trägt, das ich in meinem kleinen, starren Alltag nicht finde. Wenn das zu langweilig wird, beobachte ich die Ziffern auf meinem Radiowecker beim Umspringen. Jede Minute ein kleiner Sieg gegen die Ewigkeit.

Vier Stunden verbringe ich so, jeden Tag, nachdem meine Schularbeiten erledigt sind. Ab und zu stehe ich auf, gehe zur Toilette – nicht, weil ich muss, sondern um den Druck auf meinem Hintern loszuwerden, damit er nicht taub wird. Dann gibt es Abendessen. Ich mache den Abwasch. Und danach darf ich endlich ins Bett, wo Liegen das einzige ist, was mein Körper wirklich kennt.

Am schlimmsten sind die Wochenenden. Ich darf erst aufstehen, wenn Mama aufgestanden ist und das kann elf Uhr oder später werden. Dann ziehe ich mich an, frühstücke, mache Hausarbeit und sitze den Rest des Tages auf diesem verdammten Stuhl.

Zwei Monate vergehen, bis ich endlich ein Buch bekomme. Drei weitere Wochen, bis ich ein Puzzle machen darf. Vier Wochen später – ich habe aufgehört, die Zeit in Tagen zu zählen – darf ich meine Sachen zurück in die Regale räumen. Es ist ein seltsames Gefühl, Dinge zurückzugewinnen, die nie weg sein sollten. Ich darf sogar wieder nach draußen gehen und spielen, doch das Essen bleibt in meinem Zimmer. Ein seltsames Privileg, das sich anfühlt wie eine Erlaubnis zum Atmen.

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