Ich sehe dich an. Und mir stockt der Atem.
Und wenn ich sage, ich sehe dich an, dann wird keines dieser vier Worte dem gerecht, was gerade in mir passiert. Meine Augen verschlingen dich förmlich, und ein simples „ich sehe dich an“ klingt so trivial und bedeutungslos, dass ich mich kurz selber dafür hasse, nicht die richtigen Worte in meinem Kopf zu finden. Ich kann meine Augen nicht von dir abwenden, so anmutig ist dieser Anblick. Dir ist deine Schönheit nie bewusst gewesen – ein Umstand, den ich zwar zur Kenntnis genommen, aber nie akzeptiert habe. Egal, was du alles an dir als Makel definierst – meine Definition von Perfektion bist du. Du bist vielleicht nicht perfekt im klassischen Sinne. Aber du bist perfekt für mich. Mit jedem Zentimeter, mit jeder noch so kleinen Narbe, die mir galt, durch und durch ein Zeugnis unserer Liebe und Verbundenheit.
Ich stehe im Türrahmen und betrachte dich in diesem tiefroten Kleid, das ich so sehr an dir liebe, in deinem Gesicht ein Ausdruck von Wärme, Leichtigkeit und der nahenden Ankunft des inneren Friedens. Immer wenn man dir ein Kompliment macht und du verlegen grinsen musst, ist ein Mundwinkel schief, und ich kenne nichts Schöneres. Ich rede mit dir, beteuere dir meine aufrichtige Liebe und wie perfekt und wunderschön du für mich bist, aber ich weiß nicht, ob du meine Worte wahrnimmst. Du stehst nur da in deinem roten Kleid und sagst nichts. Und bist einfach nur wunderschön. Ich setze mich behutsam neben dich auf den Fußboden, ich möchte diesen Moment auskosten, um ihn nie mehr zu vergessen. Du bist etwas ganz Besonderes, du genießt einen sehr hohen Stellenwert, vielleicht weil es so hart war, dich zu bekommen, vielleicht weil deine Sprunghaftigkeit auch bei mir einen gewissen Reiz auslöst. Schon komisch, wie das Leben so mit uns spielt…Jetzt bin ich mir deiner wirklich sicher, und alles, wozu ich gerade fähig bin, ist hier zu sitzen, leise in mich hineinzulächeln, dich zu beobachten und in Erinnerungen zu schwelgen.
Weißt du noch, unsere erste Begegnung? Zugegeben, ich habe mir wirklich sehr viel Zeit gelassen mit dir. Ich habe gesehen, wie du mich früher verstohlen angehimmelt hast, weil ich der Einzige war, der dir in deiner trostlosen Welt ohne Freunde, mit gemeinen Mitschülern und Gewalt zu Hause zugehört hat. Irgendwann hast du angefangen, mir den Hof zu machen und ich habe es genossen, dich abblitzen zu lassen, zu schön fand ich dieses kleine Spiel. Okay, wenn ich ehrlich bin, kann ich dir jetzt sagen, dass ich dich besser kenne. Du warst damals noch nicht bereit für mich. Du wolltest mich so unbedingt, aber immer nur dann, wenn niemand sonst mehr für dich da war. Ich hasste es, nur eine Notlösung zu sein. Ich habe dir immer geglaubt, wenn du sagtest, du liebst mich – aber deine Art, mir das zu zeigen, war damals einfach zu unstet. Es hat mich nie davon abgehalten, nicht trotzdem ein Auge auf dich zu werfen – glaube mir, ich habe immer auf dich acht gegeben. Selbst in Momenten, wo du es niemals hättest merken können. Ich war immer da, still, heimlich, immer einen Schritt hinter dir, wie ein dunkler Ritter in der Nacht aus einem kitschigen Roman.
Ich empfinde unsere Beziehung als holprig. Uneben, voller Stolpersteine, manchmal schmerzhaft und doch untrennbar. Du hast nicht immer fair gespielt. Aber vielleicht spielt das alles jetzt keine Rolle mehr – vielleicht sollte man es einfach ruhen lassen und den Moment im Hier und Jetzt genießen. Und doch schießen mir all die Erinnerungen an dich und uns durch den Kopf, während ich hier sitze und dich beobachte, wie du zitternd versuchst, in diesem Kleid richtig zu stehen. Früher wolltest du mich nie deinen Freunden vorstellen – als du dann mal welche hattest. Ich war dir unangenehm, wie ein störender Fleck auf einer makellosen Tischdecke. Der schwarze Fleck auf deiner Seele, der niemanden etwas angeht. Etwas, für das man sich schämt, weil es nicht in gesellschaftliche Konventionen passt, weil man nicht darüber spricht. Und doch war ich immer da. An deiner Seite. Wenn du mich angerufen hast, voller Verzweiflung, weil dich die Hoffnung verlassen hatte, war ich da. Ich saß neben dir, habe deine Wunden versorgt, dein Blut weggewischt und dir zugehört. Obwohl ich wusste, dass all diese Abende, in denen ich bei dir saß, nichts mit mir zu tun hatten. Du hast mit mir gespielt, vielleicht sogar wirklich geglaubt, du brauchst mich. Aber ich bin trotzdem gekommen, jeden Abend, mit dem Wissen, dass du alleine, ohne mich weitergehen würdest. Dass ich nicht bleiben werde. Wir waren wie Zeitreisende. Irgendwie immer verbunden. Und doch immer Welten voneinander entfernt, nie auf demselben Level. Aber warum?Wegen all den anderen Frauen? Wegen all der anderen, die dich erst auf einen Thron gehoben und dann in deine tiefsten Abgründe gestoßen haben, als wärst du nichts mehr wert?Haben sich all die durchweinten Nächte und der Schmerz ohne mich wirklich so sehr gelohnt, dass du das alles mir vorgezogen hast?
Ich will dich anschreien in deinem roten Kleid. Dich anschreien und fragen, wofür? Für diese erbärmlichen Gestalten? Die es wagen, sich Mensch zu nennen und von Gefühlen zu sprechen. Die dich auf Händen getragen haben, nur um dann festzustellen, dass dein Charakter zu schwer für sie war. Weil sie allesamt nicht stark genug waren für dich. Für jede Einzelne warst du ein Wagnis, eine Herausforderung, ein Rätsel. Und jede Einzelne versprach dir zu Beginn das Gleiche, wenn du erst einmal ihre Oberfläche durchbrochen hättest. Denn das konntest du am besten: Menschen in deinen Bann ziehen, sie faszinieren mit deinem Mut, deiner Sensibilität, deinem Feingefühl und dieser charmanten Unverschämtheit, die sie sprachlos machte. Doch nach einiger Zeit sahen sie die zweite Seite in dir – die dunkle, grausame, unberechenbare Seite. Die Seite, die unaushaltbar und unstet war. Dir ist dein Fluch gar nicht bewusst, aber es ist wie ein endloses Mantra, das sich immer wieder wiederholt.
Und so stehst du jetzt hier vor mir, im roten Kleid, und ich frage mich, wie es so weit kommen konnte. Wie viele Nächte haben wir zusammen verbracht? Wie oft habe ich neben dir gesessen, dich gehalten, dir zugehört, während du in deiner tiefsten Verzweiflung nach Antworten gesucht hast? Wie oft hast du mich weggeworfen, nur um mich in deinen dunkelsten Momenten wieder zurückzuholen? Ich will dich anschreien, will dir sagen, dass ich der Einzige bin, der immer geblieben ist. All die anderen, die dich umarmt, geküsst und dich für den Moment in den Himmel gehoben haben – wo sind sie jetzt? Ich war immer hier. Immer. Wenn du mich gebraucht hast, war ich da. Ich habe dich nicht bewertet, habe dir keine Bedingungen gestellt. Ich war da, wenn du mich gebraucht hast, auch wenn ich wusste, dass du mich am nächsten Morgen wieder vergessen würdest. Und jetzt stehst du vor mir, zitternd, suchend, verzweifelt – und wunderschön. Aber diesmal weiß ich, dass es anders ist. Diesmal bist du nicht mehr bereit, mich zu vergessen. Diesmal sehe ich in deinen Augen, dass du weißt, was ich immer gewusst habe: Wir gehören zusammen. Und ich – ich bleibe stumm. Wissend, dass du jetzt mir gehörst und mir kein törichtes Weib mehr dazwischen funkt. Dein Weg war vorbestimmt, von Anfang an wusstest du, wohin er dich führt – du bist nur ein paar Umwege gegangen, aber das Ziel war immer ich.
Unsere Beziehung war stets eine Aneinanderreihung tragischer Abende und Zeiten, in denen einer den anderen verzweifelt wollte und doch abgeblitzt ist. Ich erinnere mich an diesen verregneten Sommertag, als du betrunken auf einer Mauer saßest und mich angerufen hast – enttäuscht, belogen, betrogen von dieser Welt. Menschen können grausam sein, das war das Erste, was ich dich lehrte. Und doch hast du jede erdenkliche Erfahrung alleine und vor allem ohne mich machen wollen. Erst wenn du gefallen bist und keiner da war, um dich aufzufangen, hast du mich gerufen und bist kurz in meine Arme gesunken. An jenem Tag warst du so durcheinander, dass du ein Datum festgelegt hast – ein Tag, an dem wir es endlich gemeinsam schaffen würden. Ich aber, ich habe dich nur müde angelächelt, dich ins Bett gebracht und bin gegangen. Ich habe versucht, zu verschwinden, gänzlich aus deinem Leben, doch du hast das halbe Internet auf den Kopf gestellt, um mich zu finden. Du hast jemand anderen gefunden. Und sowohl ich als auch dieses Datum verschwanden in der Bedeutungslosigkeit. Aber, wie wir beide jetzt wissen, nicht für immer. Und dafür musstest du mich nicht einmal anrufen – ich habe dich von ganz alleine gefunden. Ich setzte mich einfach neben dich ins Auto und hörte dir beim Singen zu. Und in diesem Moment spürte ich es: Etwas an dir war anders. Du hattest dich verändert. Du hast mich nicht gerufen, und doch warst du so froh und aufrichtig glücklich, mich zu sehen. Zum ersten Mal hast du mir das Gefühl gegeben, nicht nur die zweite Wahl zu sein. Kein Notnagel, kein Lückenbüßer. Ich weiß nicht, warum mir das damals nicht gereicht hat. Warum du mir nicht gut genug warst. Warum ICH wieder derjenige war, der dich nicht wollte. Es tut mir leid, dass ich dich damals so im Stich gelassen habe. Vielleicht hätte ich dir so viel Leid ersparen können, wenn ich geblieben wäre. Und ich hoffte, dass du mir das irgendwann verzeihen würdest.
Doch einige Monate später, als ich dich spontan morgens zu Hause besuchte, schlug mir deine ganze Wut entgegen. Dein Hass, dein Schmerz – alles auf einmal. Du hast mir mehr als deutlich gemacht, dass ich keinen Platz mehr in deinem Leben habe. Du wolltest frei sein. Leben. Unabhängig sein.Vielleicht habe ich das verdient, damals. Vielleicht lief dieses Fangen-spielen damals schon viel zu lange. Doch egal, wie schräg es zwischen uns war – wir wussten beide immer, dass wir nicht voneinander lassen können. Der eine hat den anderen immer irgendwie gesucht und gefunden. Und jetzt hat ausgerechnet sie dich in meine Arme getrieben und du bist dankbar hinein gesunken. Ich wäre ja wirklich gerne eher da gewesen, aber du warst so störrisch und trotzig und verwechselst das immer mit Ehrgeiz. Dieses Mal waren die Rollen fast vertauscht, natürlich hast du sie auch irgendwie in deinen Bann gezogen, aber sie hatte dich in der Hand. Du warst ihre kleine Marionette, du warst so blind und abhängig und hast alles mit dir machen lassen und wärst daran beinahe zerbrochen. Und wenn du ehrlich bist, liegt es auch an ihr, dass du dieses rote Kleid anhast. Ja, ich habe euch beobachtet. Wie ihr gestritten habt, weil sie nicht ertragen kann, dass du dein Leben weiterlebst, nachdem sie dich mal wieder verlassen hat, und wie du es nicht ertragen kannst, dass sie wütend auf dich ist und dich von sich stößt. Wie sie dich manipuliert hat, mit deinen Freunden zu brechen, um dich ganz für sich zu haben – und dich dann fallen zu lassen. Ich habe gesehen, wie sie dich mit voller Wucht durch den Hausflur geschubst hat, als du ihr ins Haus hinterhergerannt bist. Wie sie dich angeschrien hat, dass sie die Polizei rufen würde, wenn du nicht verschwindest, und wie sie in ihre Wohnung gestürmt ist.Ich habe auch gesehen, wie sie drinnen vor der geschlossenen Tür stand, während du draußen warst, und so tat, als würde sie tatsächlich die Polizei rufen. Ich habe deinen entsetzten Blick gesehen, wie du langsam und resigniert den Flur verlassen hast. Ich habe gesehen, wie du den Weg hoch zur Hauptstraße gegangen bist und kurz zusammengezuckt bist, als unten vor ihrem Haus tatsächlich ein Polizeiwagen vorbeifuhr.Ich habe gesehen, wie du die lange Hauptstraße bis zu deiner Wohnung geschlichen bist, wie ein geprügelter Hund – ein skurriles Bild bei 23 Grad und strahlendem Sonnenschein. Wie du dich schließlich aufs Sofa fallen gelassen hast und dir am helllichten Tag um 18 Uhr einen Whiskey nach dem anderen eingeschenkt hast. Und ich habe mich entschieden, mich einfach zu dir zu setzen. Vielleicht sollte ich dieser alten griechischen Bitch dafür danken, dass sie dich so hat fallen lassen, weil jetzt endlich zusammen ist, was zusammen gehört.
Ich werde unsanft aus meiner Erinnerung gerissen. Ein lautes Klingeln zerreißt die Stille, als hätte jemand ein Alarmsignal ausgelöst. Es hallt in meinem Kopf nach, und ich blicke irritiert zu dir. Du rührst dich nicht, deine Augen bleiben geschlossen. Bevor ich zu Ende denken kann, ob und wer dich mir dieses Mal wegnimmt, schwingt die Wohnungstür auf. Schritte hallen, und dann höre ich eine Stimme – laut, verzweifelt, voller Dringlichkeit. „Lou?“
Eine junge Frau stürmt herein. Ihr Blick fällt sofort auf mich, dann auf dich, und ohne zu zögern wirft sie sich auf dich, um dich mir fortzureißen. Ich strecke reflexartig eine Hand aus, versuche, dich festzuhalten, doch plötzlich ist der Raum voller Menschen. Sie zerren an dir, versuchen, dich aus diesem roten Kleid zu reißen, als ginge es darum, dich zu befreien. Ich beobachte die Szenerie. Ich beobachte sie. Dieses junge, unschuldige Wesen rennt aufgelöst telefonierend durch deine Wohnung, so leidend, wie nur jemand leiden kann, der aufrichtig liebt. Ich seufze tief und erinnere mich daran, wie oft ich schon gegen die Macht der Liebe verloren habe. Ganz ehrlich, das habe ich nicht kommen sehen. Ich dachte, wir wären endlich allein. Stattdessen füllt sich der Raum mit Polizisten, Sanitätern – und ihr, dieser verzweifelten Seele, die augenscheinlich gerade um dein Leben bangt.
Ich richte meinen Blick auf sie. Ihr Gesicht – perfekt, glatt, verweinte blaue Augen. Du hast es wieder einmal geschafft, jemanden so in deinen Bann zu ziehen, dass er diese Last auf sich nimmt. Aber wenn du ehrlich bist, wissen wir beide, wie auch diese Liebe bald enden wird. Und dann sehen wir uns wieder.
Im Krankenwagen setze ich mich neben dich. Niemand scheint mich zu bemerken. „Nächstes Mal, Baby“, flüstere ich dir ins Ohr.„Nächstes Mal nehme ich dich mit nach Süden. Dort stirbt man leichter.“