500 DM

Triggerwarnung: Dieser Beitrag enthält SEHR explizite Schilderungen körperlicher Misshandlungen und Gewalt. Bitte lies nicht weiter, wenn du dich nicht bereit dafür fühlst, das auszuhalten!

1995.

„Mir fehlt was“, sagt Jörg.

Er lehnt lässig am Türrahmen meines Zimmers, aber in seinem Blick liegt etwas, das mir Unbehagen bereitet. Ich sitze an meinem Schreibtisch, fast zehn Jahre alt, und lege den Bleistift zur Seite. Seine Worte hallen in meinem Kopf wider, während ich angestrengt nachdenke. Was könnte er meinen? Was habe ich getan? Oder vielmehr – was habe ich nicht getan?

Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, wie er da steht und mich anstarrt, also sage ich: „Was denn?“ Er antwortet nicht. Stattdessen fixiert er mich weiterhin mit diesem stechenden Blick. Eine seltsame Stille liegt zwischen uns, und ich merke, wie mir das Atmen schwerer fällt, spüre den Druck in meiner Brust. Sein Schweigen zerrt an meinen Nerven. Mein Kopf rattert. Habe ich etwas angestellt? Etwas kaputt gemacht? Weggenommen?

Dann fällt mir plötzlich etwas ein: die drei angebrannten Teelichter, die ich unter meinem Bett versteckt habe. Aber das können sie doch nicht sein, oder? Sie sind zu unbedeutend, zu klein. Und wenn Jörg selbst kommt, dann muss es um etwas Größeres gehen. Oder? „Mir fehlt was“, wiederholt er schließlich, bevor er sich langsam vom Türrahmen abstößt und ins Wohnzimmer schlurft. Seine Worte ziehen eine Schwere hinter sich her, die sich wie Blei in meinem Magen absetzt. Ich höre, wie er mit Mama redet, aber ich verstehe nicht, was sie sagen. Das flaue Gefühl in meiner Magengegend breitet sich aus, als würde es mich von innen zerfressen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Mama in mein Zimmer. Sie hat diesen besonderen Tonfall, bedrohlich und herausfordernd, den ich nur zu gut kenne. Es ist der Ton, der meistens in Schmerzen endet. „Dem Jörg fehlt was“, sagt sie, während ihr Blick mich durchbohrt. Ich kann förmlich spüren, wie sie darauf wartet, dass ich zusammenzucke. „Es ist etwas sehr Ernstes“, fährt sie fort. „Und ich möchte, dass du es ihm innerhalb der nächsten halben Stunde zurückgibst.“ Ihre Worte hängen schwer in der Luft. Ich starre sie an, unfähig, etwas zu sagen. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich habe keine Ahnung, was sie meinen könnte.

Doch plötzlich schleicht sich die Idee der Teelichter wieder in meinen Kopf. Mama hat mir immer eingebläut, wie gefährlich es sei, mit Feuer zu spielen. Aber ich wollte doch nur ein bisschen gemütlicches Licht in meinem Zimmer, so wie Mama, wenn sie abends Kerzen im Wohnzimmer anzündet. Vielleicht ist es ja das? Ein Versuch kann nicht schaden. Langsam und zögernd krieche ich unter mein Bett und hole die kleinen Kerzen hervor. Ich schicke ein leises Stoßgebet in den Himmel – hoffentlich ist das die Lösung – und schleppe mich ins Wohnzimmer. „Ist es das, was euch fehlt?“ frage ich leise, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, während ich Mama die Teelichter entgegenhalte. Ihre Reaktion trifft mich wie ein Donnerschlag. „Willst du mich verarschen?“ brüllt sie, bevor ihre Hand mit voller Wucht gegen meine Wange kracht. „Es geht nicht um drei beschissene Kerzen, aber schön, dass das auch rauskommt! Ab in dein Zimmer!“

Ich taumle rückwärts, mein Gesicht brennt, Tränen steigen mir in die Augen, während ich mich an meinen Schreibtisch setze. Still laufen sie über meine Wangen, während ich versuche, das Unfassbare zu begreifen. Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollen, und eine dunkle Vorahnung sagt mir, dass die kommenden Wochen zur Hölle werden. Zum Abendessen betritt Jörg die Küche mit einem langen, dünnen Zweig, den er demonstrativ auf seine Handfläche schlagen lässt. Das scharfe Klatschen des Holzes durchschneidet die bedrückende Stille. „Dein neuer Schlagstock?“ fragt Mama lachend, als wäre das ein besonders gelungener Scherz. Ihr Blick gleitet spöttisch zu mir, während sie die Suppe umrührt. „Tut bestimmt ordentlich weh.“ Jörg grinst selbstgefällig, als hätte sie ihm gerade ein Kompliment gemacht, und stellt den Zweig sorgfältig neben seinen Stuhl.

Das Essen schmeckt nach nichts. Jeder Löffel Suppe fühlt sich an, als müsste ich Steine schlucken, aber ich zwinge mich, weiterzuessen. Nach dem Essen werde ich einfach ins Bett geschickt. Keine Diskussion, keine Möglichkeit zur Ausrede – nur die knappe Anweisung: „Geh schlafen.“ Es ist viel zu früh, meine Augen sind weit geöffnet, aber ich gehorche.

Ich liege lange wach. Die Dunkelheit umhüllt mich, doch sie bringt keinen Trost. In meinem Kopf drehen sich die Ereignisse des Tages wie ein Mahlstrom, doch ich komme zu keinem Schluss. Die bedrohliche Stille, die von Jörgs Grinsen ausgeht, bleibt auch in den nächsten Tagen allgegenwärtig. Immer wieder bedrängen mich Mama und Jörg mit denselben bohrenden Fragen: „Wo ist es? Gib es zu! Bring es zurück!“ Doch ich habe keine Antworten. Wie auch? Ich weiß nicht einmal, wovon sie reden.

Eines Nachts, als ich längst eingeschlafen bin, reißt ein lauter Knall mich aus dem Schlaf. Die Tür fliegt auf, grelles Licht sticht mir in die Augen. Mein Herz rast. Ich bin fast zehn Jahre alt und hasse es, so abrupt geweckt zu werden. Noch bevor ich meine Umgebung begreifen kann, dröhnt Jörgs Stimme durch den Raum: „Mir fehlen 500 DM! Ich komme in zehn Minuten wieder – wenn ich sie dann nicht habe, setzt es was!“

Seine Worte sind ein Schock. 500 DM? Die Zahl ist so groß, dass sie mir wie eine unermessliche Summe erscheint. Etwas das ich niemals besitzen könnte. Warum glaubt er, dass ich es habe? Was sollte ich damit anfangen? Aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken. Er knallt die Tür zu, das Licht bleibt an, und ich sitze kerzengerade in meinem Bett, mein Kopf dröhnt.

Aber zehn Minuten sind zehn Minuten, und ich kann nirgendwohin. Als die Zeit abgelaufen ist, stürmt Jörg zurück in mein Zimmer, den Zweig fest umklammert. „Wo ist mein Geld?“ brüllt er. Ich habe keine Antwort, aber das interessiert ihn nicht. Seine Hand trifft mein Gesicht mit einer Wucht, die mich zurückschleudert. Ich schnappe nach Luft, rutsche instinktiv ans Fußende meines Bettes, drücke mich verzweifelt gegen die Wand. Seine Ohrfeigen sind härter als die von Mama.

Apropos Mama – wo ist sie eigentlich? Warum kommt sie nicht? Warum hält sie ihn nicht auf?Ich komme nicht dazu, den Gedanken zu Ende zu denken. Jörg packt mich, zieht mir die Schlafanzughose herunter und schlägt mit dem Zweig auf meinen Hintern. Die peitschenden Geräusche vermischen sich mit meinem Gebrüll, und als der Zweig zerbricht, schlägt er fluchend mit der flachen Hand weiter, schreit mich an, wo sein Geld sei. Es ist die Hölle. Ich verliere die Kontrolle über meinen Körper, pinkle mich ein, ob vor Angst, vor Schmerz – ich weiß es nicht. Er prügelt mich durch das Zimmer, bis ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, wo Tür und Bett sind. Irgendwann liege ich nur noch da, bewegungslos in der Ecke, während er sich an meinem Waschbecken die Hände wäscht.

Dann sehe ich sie.

Mama lehnt am Türrahmen. Ihre Augen ruhen regungslos auf mir. „Geh ins Bett und denk darüber nach, was du getan hast“, sagt sie schließlich. „Und morgen sagst du uns, wo das Geld ist.“ Sie löscht das Licht, geht hinaus, und ich sitze in der dunklen Ecke. Irgendwie schaffe ich es, in mein Bett zu kriechen, ziehe den trockenen Teil der Decke über mich und sortiere meine Körperteile. Tut weh, tut nicht weh, tut nicht weh, tut weh, tut weh, tut weh. Okay, denke ich. Alles in Ordnung. Nichts gebrochen, nur ein paar blaue Flecken. Ich versuche zu verstehen, was es mit diesem Geld auf sich hat. Warum Jörg, der die halbe Zeit keinen Job hat, so eine Summe Bargeld zu Hause hatte – und wie es verschwinden konnte.

Am nächsten Morgen schleppe ich mich in die Küche. Jeder Schritt schmerzt, doch ich zwinge mich, aufrecht zu bleiben. Mama steht am Tisch, ihr Blick ist abschätzig, eiskalt. Mir schnürt es die Kehle zu. Sie beginnt mich in emotionslosem Tonfall über den Wert von 500 DM zu belehren, erzählt, wie viel das sei, wie hart man dafür arbeiten müsse. Ihre Worte verschwimmen in meinen Ohren. Ich bin fast zehn, ich weiß nicht wirklich, was viel oder wenig Geld ist. Ihre Stimme donnert durch meinen Schädel, doch nichts davon dringt wirklich zu mir durch. Ich starre auf mein trockenes Brot, schlucke mühsam den Kloß in meinem Hals hinunter. Mein Kopf pocht, im Rhythmus meines Herzschlags. Der Tag vergeht in einem dumpfen Nebel, bis einige Tage später der nächste Sturm losbricht.

Ich sitze nichtsahnend auf meinem Bett und bin in ein Buch vertieft, als ohne Vorwarnung die Tür auffliegt und Jörg in mein Zimmer stürmt. In seiner Hand hält er einen hölzernen Kochlöffel, bei dessen Anblick mein Kopf sofort heiß wird. Seine Augen funkeln vor Wut. Doch noch bevor ich begreifen kann, was geschieht, packt er mein Handgelenk und schlägt mit voller Wucht auf meinen Handrücken. Der Schmerz explodiert, reißt mir den Atem weg. Ein ersticktes Quieken entweicht mir, Tränen schießen mir in die Augen.

„Was haste, hm?“ Jörgs Gesicht ist nah an meinem, seine Stimme triefend vor Spott, durchtränkt von Bier. „Das tut doch nicht etwa weh, oder? Wo ist mein Geld, du dreckiges Miststück? Ich will mein Geld wiederhaben!“ Ich zittere, presse die Lippen zusammen. Habe keine Antworten. Habe keine Worte. Nur Angst. Mama steht im Türrahmen. Lässig angelehnt, die Arme verschränkt, ihre Augen kühl wie Eis. „Nein“, sagt sie in einem Ton, der mir das Herz zerreißt. Gleichgültig. Abgeklärt. „Das tut nicht weh. Sonst hätte sie das Geld längst rausgerückt. Ich glaube, du musst etwas fester schlagen.“

Jörg schreit: „Blöde Schlampe!“ und hebt den Kochlöffel erneut. „Pisst sich schon wieder ein, das Aas!“ Ich wimmere, versuche mich zurückzuziehen, aber es gibt keinen sicheren Ort. „Ich geh mal Essen machen“, sagt Mama, als wäre nichts passiert. Beiläufig, fast gelangweilt. Sie dreht sich um und geht. Jörg lässt irgendwann von mir ab. Er stößt mich grob in die Ecke, zischt ein abfälliges „Miststück“ und verschwindet. Ich ziehe die Knie an meine Brust, Tränen laufen über mein Gesicht, aber ich wage es nicht, laut zu weinen. Die Tür knallt zu, und der Raum versinkt in Stille.

Ein paar Minuten später kommt Mama zurück. Sie wirft mir frische Wäsche entgegen, die vor meinen Füßen landet. „Du gehst heute ohne Essen ins Bett“, sagt sie knapp, bevor sie wieder verschwindet. Erst als ich allein bin, lasse ich den Tränen freien Lauf. Doch ich muss leise sein. Wenn sie mich hört, kommt sie zurück – und dann wird es noch schlimmer. Meine Finger zittern, als ich mich umziehe. Jeder Stoff, der meine Haut berührt, brennt. Ich krieche unter die Decke, ziehe sie über den Kopf, liege da, zitternd und allein.

Am nächsten Morgen wache ich auf, und es ist, als hätte sich die Welt zurückgesetzt. Als wäre nichts geschehen. Mama und Jörg benehmen sich, als wäre alles normal, reden über Belanglosigkeiten, ignorieren mich fast vollständig. Die Stille ist nicht mehr die bedrohliche der letzten Tage, sondern eine trügerische Normalität.

Die nächsten Wochen passiert: Nichts. Keine Drohungen, keine neuen Anschuldigungen, keine weiteren Strafen. Niemand entschuldigt sich. Aber niemand erwähnt auch, dass das Geld aufgetaucht sei. Vielleicht haben sie begriffen, dass ich es nicht habe. Vielleicht käme das Eingeständnis eines Fehlers für sie nicht infrage. Vielleicht ist es ihnen egal. Vielleicht schämen sie sich, auch wenn ich das kaum glauben kann.

Von den 500 Mark wird nie wieder gesprochen. Die Routine setzt wieder ein, eine Routine voller unausgesprochener Regeln. Jörg findet mal wieder eine seiner Gelegenheitsarbeiten, gerade genug, um den Schein zu wahren. Mama regt sich auf, wenn er freitags mit einer Bierfahne nach Hause kommt. Sie streiten laut, heftig, und ich liege in meinem Bett und höre zu, wie sie sich mit Worten schlagen, die so verletzend klingen wie ihre Hände auf meiner Haut.

Manchmal werde ich nachts wach, weil sie streiten und etwas zu Bruch geht. Der Wäscheständer, der in den Flur geschmissen wird. Der Kleiderschrank, gegen den einer von ihnen kracht. Die Klingel und das Hämmern von Jörgs Händen an meinen und Mamas Fensterscheiben, weil er im Suff seinen Schlüssel vor der Tür fallen gelassen hat und nicht mehr findet, Mama sich konsequent weigert ihn reinzulassen und er schließlich, an die Haustür angelehnt, einfach einpennt.

Ihre Wut prallt aufeinander, roh und ungefiltert, zwei unkontrollierbare Kräfte, die sich gegenseitig zerfetzen.

Ich liege still da, starre an die Decke und hoffe, dass sie mich in Ruhe lassen. Dass der Sturm sich irgendwann von selbst legt.

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