(Triggerwarnung: Dieser Blogbeitrag enthält explizite Schilderungen von selbstverletzendem Verhalten. Lies bitte nicht weiter, wenn du dich gerade nicht stabil dafür fühlst.)
Ich sitze in dem Zimmer, das für eine unbestimmte Zeit mein neues Zuhause sein wird. Es ist einfach eingerichtet: ein Bett, ein Regal, ein Kleiderschrank. Meine wenigen Habseligkeiten verteilen sich schüchtern darin, als könnten sie den Raum nicht ganz ausfüllen. Die Rollläden kann ich selbst herunterlassen, und morgens gehe ich duschen, bevor ich mich an den gedeckten Frühstückstisch setze. Die Schule liegt nur ein paar Minuten entfernt, sodass ich erst kurz vor acht das Haus verlassen muss. Mein Alltag hat plötzlich eine Struktur, die mich nicht erstickt, sondern entschleunigt – und trotzdem fühle ich mich verloren.
Ich sitze oft einfach da, überfordert von dieser neuen Unabhängigkeit, die mir so fremd und gleichzeitig so befreiend erscheint. Es ist, als müsste ich erst lernen, mit all dem Platz umzugehen, der mir plötzlich zur Verfügung steht – im Zimmer, in meinem Zeitplan, in meinem Kopf. Und während ich in die Leere starre, fällt mein Blick auf die Packung Einwegrasierer, die mein Freund mir von der Arbeit mitgebracht hat. Ich nehme die Packung in die Hand und inspiziere sie, lange genug, dass mir auffällt, wie vertraut das Rattern meiner Gedanken inzwischen geworden ist. Mit einer Nagelschere versuche ich, die Klinge aus dem Plastik zu hebeln. Es dauert ein paar Minuten, bis sie schließlich mit einem leisen Knacken herausspringt. Vorsichtig hebe ich sie auf, ein kleines Stück Stahl, das im Licht des Zimmers unschuldig glänzt.
Mein Zeigefinger streift über die Klinge, und ohne Widerstand schneidet sie durch meine Haut. Es ist, als hätte sie darauf gewartet, etwas zu tun – einen Zweck zu erfüllen. Ich betrachte die feine Linie, die zurückbleibt, und setze die Klinge diesmal bewusst auf meinem Handrücken an an. Ein kleiner Schnitt, dann noch einer, tiefer. Dunkles Blut tritt hervor, sammelt sich und läuft langsam meinen Handrücken hinab. Ich sehe zu, wie es von meinen Fingerkuppen tropft und schließlich den Boden erreicht.
Da ist etwas Seltsames an diesem Moment, etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Der Schmerz ist da, ja, aber er sticht nicht, er schreit nicht – er flüstert, und in diesem Flüstern finde ich eine trügerische Ruhe. Ich weiß, dass es falsch ist, dass ich das nicht tun sollte, aber gleichzeitig ist es, als würde ich einen Atemzug nehmen, den ich viel zu lange zurückgehalten habe. Mit dieser eigentümlichen, absurden Ruhe lege ich mich schließlich ins Bett und schließe die Augen.
Am nächsten Morgen bin ich verstört. Die Schnitte auf meinem Handrücken leuchten wie ein Signal, das niemand übersehen könnte. Mir wird klar: Ich brauche eine Ausrede, eine Tarnung. Auf dem Weg zur Schule entdecke ich unter einer Brücke eine zerbrochene Flasche. Ohne nachzudenken, trete ich darauf, bis kleinere Scherben entstehen, hebe einige auf und lasse sie in meiner Tasche verschwinden. Ein Plan beginnt sich in meinem Kopf zu formen. Ich reibe Erde auf die Wunden, presse die Scherben darauf und verschmiere absichtlich etwas Dreck auf meinen Knien. Die Fassade muss glaubwürdig wirken, sage ich mir.
In der Schule steuere ich direkt das Sekretariat an und erkläre mit gespielter Verlegenheit, ich sei auf dem Weg gestürzt. Meine Worte kommen unsicher heraus, und meine Hände zittern leicht – echte Symptome, aber nicht vom angeblichen Sturz. Man schickt mich hoch zur Lehrerin und Maggie, eine Klassenkameradin, meldet sich freiwillig, um mich zum Arzt zu begleiten.
Der Arzt untersucht die Wunde und murmelt etwas von „ungewöhnlich, auf den Handrücken zu fallen“, sagt aber in Maggies Beisein nichts weiter. Er desinfiziert die Schnitte und verbindet sie, während ich den Blickkontakt meide. Die Rückkehr zur Schule fühlt sich wie ein kleiner Sieg an – ich habe meine Tarnung aufrechterhalten, zumindest für den Moment.
Doch das Ritual setzt sich fort. Jedes Mal, wenn ich abends alleine in meinem Zimmer sitze, greife ich zur Klinge. Der Schmerz, die Kontrolle und die Befreiung sind wie ein kleiner Trost in einer Welt, die sich so schwer und überwältigend anfühlt. Die Schnitte werden zu Narben, die Narben zu Erinnerungen. Und so geht es weiter, Abend für Abend, Schnitt für Schnitt.
Monate später, als ich zwischendurch bei Papa wohne, fasse ich mir ein Herz und konfrontiere meine Mutter mit meinem fortschreitenden Autoaggressionsproblem. Vielleicht war es jugendlicher Leichtsinn, der naive Glaube, irgendetwas in ihr zu bewegen, eine Reaktion zu provozieren, vielleicht sogar Mitgefühl. Doch ihre Antwort kommt in Form eines ihrer lakonischen Briefe: „Die einen machen Cutting, die anderen Branding. Jedem das Seine, wie er es braucht. Wenn du meinst, dir die Haut aufschneiden zu müssen, dann ist das wohl deine Sache.“
Okay. Gut. Dann wird es eben meine Sache.
Und es wird mehr als das – es wird über Jahre, bis heute, genau mein Ding. Eine Methode, die ich wie eine alte, verlässliche Freundin immer wieder aufs Neue aufsuchen kann. Es ist, als hätte ich all die Jahre nach einem Ventil gesucht, um diesen gepressten Klumpen an Emotionen aus mir herauszudrücken. Ein Ballon, der nur darauf wartet, dass jemand die Nadel hineinbohrt und ihn platzen lässt. Mit den Jahren wird diese Form der Selbstverletzung mal mehr, mal weniger mein treuer Begleiter. Eine Konstante, auf die ich mich verlassen kann, wenn der Krieg in meinem Kopf nicht aufhören will zu toben. Keine Situation, kein Mensch ist mir heilig, wenn es sich anfühlt, als müsse ich explodieren.
An Silvester, mit 17, erlebe ich eine dieser Situationen. Ich sitze in der Jugendhilfeeinrichtung, in der ich mittlerweile lebe und greife nach meinem Handy, um meiner Mutter eine neutrale Neujahrsnachricht zu schicken. Vielleicht ist es die einsame Stimmung des Abends, die mich dazu bringt. Doch ihre Antwort schlägt wie ein Hammerschlag ein: „Wer ist da?“ Ich schreibe zurück: „Deine Tochter Lou.“ Sekunden später kommt ihre Antwort: „Das muss ein Irrtum sein. Ich habe nur eine Tochter, Isabell und die sitzt hier bei mir.“
Das war’s. Kein weiterer Versuch. Kein weiteres Wort. Ich lasse das Handy sinken und der altbekannte Schmerz breitet sich aus wie eine Flutwelle, die alles in mir mitreißt.
Nach dem jährlichen Stadtfest 2010 im Sommer liege ich erschöpft und betrunken auf dem kalten Steinboden vor dem Verwaltungshaus. Meine Finger greifen mechanisch nach einer Glasscherbe, bis mich meine Freunde aufsammeln, nach Hause bringen und mir heißen Kakao machen. Sie sagen nichts – die Stille wiegt schwerer als Worte.
Oder in meiner Stammkneipe 2013 auf der Toilette, wo Jana mich findet, verarztet und nach Hause bringt. Wieder und wieder dieselbe Szene, wie auf Repeat. Auch in meiner eigenen Wohnung, wo Jana mich ein weiteres Mal findet und mich wortlos ins Bett bringt.
Es gibt keine Grenzen.
Die Vorträge meiner Freunde klingen in meinen Ohren wie ein Radio, dessen Lautstärke ich nicht regulieren kann. Egoistisch, sagen sie. Rücksichtslos. Du verletzt nicht nur dich selbst, sondern auch uns, die dich lieben. Sie drohen mir mit dem Kontaktabbruch, sie sagen, sie können das nicht mehr mit ansehen. Aber irgendwo in den hintersten Ecken meines Kopfes weiß ich: Sie meinen es nicht ernst. Sie lieben mich – und irgendwo hoffe ich insgeheim, dass sie es immer tun werden, egal was passiert. Dass sie bleiben.
Doch dabei übersehe ich etwas Wesentliches: Ihre Grenzen. Grenzen, die nicht dazu da sind, überschritten zu werden, die es mir jedoch immer wieder gelingt, zu ignorieren. Und jedes Mal, wenn ich das tue, wenn ich jemanden zu weit treibe, öffnet sich ein neuer Grund, mich selbst zu bestrafen. Ein neuer Beweis meiner Wertlosigkeit. Das Gefühl, dass ich nicht genug bin, dass ich niemanden verdient habe, dass ich nichts anderes tue, als Menschen zu zerstören.
Es ist am schlimmsten nach einem Streit. Denn während andere die Worte im Zorn irgendwann vergessen, brennen sie sich bei mir ein. Jedes harte Wort, jeder Vorwurf, jede Drohung wird in meinem Kopf endlos wiederholt, als hätte jemand die Play-Taste eingeklemmt. Worte wie: „Du machst mich krank. Du bringst nur Unheil. Mit dir kann niemand glücklich werden.“ Für mich sind sie keine Launen, keine Momentaufnahmen. Für jemanden wie mich sind das Tatsachen, unumstößliche Wahrheiten.
Und so setzt sich der Kreislauf fort. Der Schmerz, der Selbsthass, die Bestrafung. Und ich frage mich, ob es jemals aufhören wird, ob ich jemals lernen werde, diese Stimmen in meinem Kopf zum Schweigen zu bringen.