(Triggerwarnung: unangemessene sexuelle Kontakte)
Ich war gerade 17 geworden, als mein Vater mit meiner Exfreundin schlief.
Ob „miteinander schlafen“ hier der korrekte Terminus ist, mag fraglich sein vor dem Hintergrund, dass er 41 war und Ines mit 16 Jahren noch minderjährig. Es war allerdings der Terminus, den ich damals verwendete, weil mir in dem Alter sowohl das Bewusstsein als auch die intellektuellen Ressourcen gefehlt haben, derlei Dinge gesund einzuordnen.
Ich erinnere mich an den Moment, als ich davon erfuhr. Es war nicht einmal eine Konfrontation, keine vorbereitete Erklärung oder ein peinlich berührtes „Geständnis“. Die Information wurde mir beiläufig hingeworfen, wie eine unwichtige Randnotiz. Ich war bei Papa zu Besuch und schüttete ihm mein Herz aus, weil ich Ines vermisste, diese sich aber, wie ich durch gemeinsame Bekannte erfuhr, dauernd mit anderen Typen traf. Dann sprachen wir in diesem Kontext noch über Verhütung und da kam er, dieser Satz, der mir die Luft aus den Lungen riss.
„Keine Sorge, wir haben ein Kondom benutzt“, sagte mein Vater mit einem leicht unbeholfenen Grinsen, während ich versuchte diesen Satz so zu verarbeiten, dass sein Inhalt einen Sinn ergab. Als ich begriff, dass er nicht in einer mir fremden Sprache gesprochen hatte, starrte ich ihn ungläubig an.
„Ihr habt WAS?“
„Ja, vor drei Wochen. Ich bin ja nicht bekloppt, mit über 40 noch ne Minderjährige zu schwängern“, fuhr er fort, als wäre genau das der Punkt, der gerade problematisch für mich war.„Ja, nein, schon klar, aber wieso? Also, WIE? Wie konnte das denn passieren?“
„Naja, du kennst doch Ines mit ihrem frechen Blick“, sagte Papa. „Die stand eines Nachmittags vor der Tür weil sie den Bus verpasst hat und ich hab sie auf einen Kaffee herein gebeten. Dann hat sie irgendwann gesagt, sie wäre ziemlich verspannt, ob ich sie kurz massieren könnte und naja, so kam dann eins zum andern.“
Ich war fassungslos, wie Papa versuchte, mir die Situation als völlig normal und harmlos anzudrehen. Als wäre das die einzig logische Konsequenz, wenn jemand mit Kaffeedurst und Rückenschmerzen zu Besuch kommt. Mein Kopf war ein Schlachtfeld. Ein Teil von mir schrie steh auf, lauf weg, verbann‘ diese Menschen aus deinem Leben! Der andere Teil flüsterte, du bist doch nur überempfindlich. Es ist gar nicht so schlimm, schließlich hast du sie ja verlassen. Ich wusste nicht, welchem Teil ich trauen konnte und so blieb ich in dieser lähmenden Mitte stecken – unfähig, zu kämpfen oder zu fliehen. Stattdessen setzte ich mich hin und versuchte, dieses Chaos in meinem Inneren zu ignorieren. Dass Papa diesen Vertrauensmissbrauch mir gegenüber als ja ebenfalls noch Minderjährige dann als völlig legitim darzustellen versuchte, gab mir kognitiv den Rest.
„Ja du musst dich jetzt auch nicht so aufregen, Lou. Du hast doch vor Monaten schon Schluss gemacht mit ihr.“
„Ja, und du erinnerst dich eventuell auch noch an den Grund, wenn du kurz drüber nachdenkst“ erwiderte ich, jetzt ebenfalls unbeholfen grinsend. „Ich muss morgen früh raus, ich werd mal nach Hause fahren.“
Ich spürte die Wut in mir brodeln, heiß und unkontrollierbar, aber gleichzeitig war da diese lähmende Ohnmacht. Wie konnte er das tun? Wie konnte er es wagen, diese Grenze zu überschreiten, ohne auch nur einen Moment an mich zu denken? Es fühlte sich an, als hätte er nicht nur meine Gefühle, sondern auch mich als Person vollständig ignoriert. Irgendwie verspürte ich den Drang, sauer zu sein und merkte, wie eine völlig neue Welle der Eifersucht in mir hochkochte. Ich liebte Ines – zumindest glaubte ich das. Aber meinen Gefühlen war damals schon kaum zu trauen. Mein Vater hingegen gab mir auch in den Tagen danach das Gefühl, dass es überhaupt keinen Grund gab, wütend zu sein. Das führte dazu, dass ich meine Gefühle komplett falsch einordnete. Ich ließ die vermeintliche Liebe zu Ines weiterhin zu und unterdrückte den Drang, bei meinem Vater vor Wut zu explodieren. Dabei wäre genau das Gegenteil am gesündesten gewesen: einfach zu beiden zu sagen „Fickt euch, das war das Allerletzte“. Mein Vater machte schon während meiner Beziehung mit Ines aus seiner Faszination für sie kein Geheimnis. „Ach, sie ist wirklich süß, aber natürlich würde ich niemals darauf eingehen, solange ihr zusammen seid.“ Das hatte er gesagt – in einer vermeintlich witzig-unbeholfenen Art, die ich damals als Rücksicht interpretierte, obwohl alles daran komplett unangemessen war.
Ich spürte Wellen von Wut und Eifersucht, aber auch eine erschütternde Leere. Die Leere kam nicht nur von der Situation selbst, sondern auch von der familiären Instabilität, die mich zu dieser Zeit umgab. Es war eine Art emotionale Obdachlosigkeit. Kein Ort, keine Person, die ich wirklich als „sicher“ empfinden konnte. Stattdessen gab es diese seltsamen Pseudo-Beziehungen: mein Vater, der mich immer wieder enttäuschte und Ines, die mich verriet, aber die ich einfach nicht loslassen konnte.
Ich hasste sie für das, was sie getan hatte, aber gleichzeitig klammerte ich mich an die Vorstellung, dass ich sie zurückgewinnen könnte. Es war ein schmerzhafter Kampf zwischen Vernunft und Gefühl – eine innere Schlacht, die ich nicht gewinnen konnte. Heute, Jahre später, blicke ich zurück und sehe die toxischen Muster, die sich damals formten.
Mein Vater hatte sehr deutlich eine Grenze überschritten und ich war zu jung und zu verletzt, um die Konsequenzen wirklich zu begreifen. Statt die Schuld dort zu verorten, wo sie hingehörte – bei ihm und bei Ines, aber vor allem bei ihm –, kehrte ich sie nach innen.
Es war, als ob mein Wert als Mensch davon abhinge, wie andere mich behandelten. Und weil sie mich so respektlos behandelten, musste etwas mit mir nicht stimmen. Ich war zu emotional, zu eifersüchtig, zu kompliziert – das war die Botschaft die ich immer wieder hörte, ob laut ausgesprochen oder zwischen den Zeilen vermittelt.
Ich erinnere mich noch an die Nächte, die auf diese Offenbarung folgten. Ich saß oft allein in meinem Zimmer, die Wände kahl und die Luft schwer von einer seltsamen Mischung aus Trostlosigkeit und Stille. Ich fragte mich immer wieder, warum ich überhaupt existierte. Es war, als würde diese eine Erfahrung alles andere in meinem Leben zusammenfassen: eine Abfolge von Verrat, Enttäuschung und Schmerz. Ich begann, an mir selbst zu zweifeln und mit jedem Gedanken darüber, was passiert war, vertiefte sich der Abgrund. Gleichzeitig hatte ich keinen Raum, diese Gefühle auszudrücken. Also begann ich, die Gefühle in mich hineinzufressen. Sie wuchsen in mir, ein dumpfes, pulsierendes Gewicht, das irgendwann so groß wurde, dass ich es kaum noch tragen konnte und nur der Griff zur Klinge mir Erleichterung verschaffte. Erst später, als ich begann, mich therapeutisch mit meiner Borderline-Diagnose auseinanderzusetzen, verstand ich, was damals passiert war. Die Emotionen, die mich überwältigten, waren nicht nur Reaktionen auf den Verrat selbst, sondern auf eine lebenslange Ansammlung von Schmerz und Unsicherheit. Die Wut, die ich damals so sehr unterdrückte, war der Versuch, mich selbst zu schützen. Es hätte mir geholfen, wenn ich damals den Mut gehabt hätte, beide – meinen Vater und Ines – aus meinem Leben zu verbannen. Doch stattdessen ließ ich sie beide zu lange bleiben. Ihr Verhalten wurde zu einem weiteren Puzzleteil in einem Geflecht aus Selbstzweifeln, Bindungsangst und dem Wunsch nach einem Zuhause, das schon seit meiner Kindheit wuchs.
Heute weiß ich, dass es nicht meine Schuld war. Dass ich nicht verantwortlich für die Taten anderer bin. Aber es hat Jahre gedauert, das zu begreifen und noch länger, es zu fühlen. Der Schmerz ist nicht weg, aber er ist nicht mehr alles, was ich bin.
Ich bin mehr als die Summe der Menschen, die mich verletzt haben.