2002.
In der zehnten Klasse war ich in der Fußball-AG. Es war eine der wenigen Aktivitäten, die ich wirklich liebte – nicht nur, weil ich mich beim Fußball frei fühlte, sondern auch, weil ich dabei vergessen konnte, was außerhalb des Spielfelds war. Ich hatte bis dato schon (mehr oder weniger heimlich) feste Freunde gehabt, aber zu dieser Zeit spürte ich, dass ich mich oft auch zu Frauen hingezogen fühlte. Es war etwas, das ich noch nicht ganz begreifen konnte, geschweige denn jemandem anvertrauen wollte.
Ines war ebenfalls in der Fußball-AG. Sie war witzig und locker und mir fiel sofort ihre Ausstrahlung auf. Sie hatte diese Art, die Luft um sich herum leichter zu machen, als würde man automatisch besser atmen können, wenn sie da war.
Am Anfang waren wir einfach nur Teamkameradinnen, aber nach und nach fingen wir an, uns auch außerhalb der AG zu treffen. Wir gingen zusammen in die Stadt, quatschten über alles Mögliche und lachten so viel, dass ich manchmal vergaß, wie viel Last ich noch mit mir herumschleppte. Es fühlte sich an, als würde sie eine Tür öffnen, hinter der eine Welt lag, die ich vorher nicht kannte. Der Wendepunkt kam, als ich das erste Mal bei ihr übernachtete. Wir waren bis spät in die Nacht wach, redeten und hörten Musik. Es war eine dieser Nächte, in denen die Zeit seltsam stillstand und die Welt außerhalb des Zimmers nicht mehr existierte.
Irgendwann im Laufe dieser Nacht kamen wir uns näher – nicht körperlich, aber emotional. Es war, als ob wir uns gegenseitig vorsichtig zeigten, was wir wirklich fühlten, ohne es auszusprechen.
Und wieder einmal war es Steven, der versuchte, dazwischen zu grätschen. Am nächsten Tag fuhr ich voller guter Dinge und sehr beseelt nach Hause und erzählte abends bei der Arbeit im Restaurant, dass ich eine neue gute Freundin habe, mit der ich mich sehr gut verstehen würde. Steven ließ zu der Zeit kaum eine Möglichkeit ungenutzt, Druck auf mich auszuüben. Ich hatte ihm drei Monate zuvor, als ich mit Julian zusammen kam, deutlich gemacht dass ich ab sofort ausschließlich für die Arbeit in der Küche zur Verfügung stehe, was ihn so sehr in seinem Ego kränkte, dass er mich daraufhin immer weniger in den Dienstplan einteilte, was wiederum für Gerede sorgte – weshalb ich irgendwann nachgab. Die Beziehung mit Julian war ihm daher ein Dorn im Auge und er nutzte diese Gelegenheit sofort, bei meinem Freund Scheiße über mich zu erzählen.
Julian wusste natürlich, dass ich bei einer Freundin übernachtet hatte. Als er drei Tage später mit mir Schluss machte, ließ er aber sehr deutlich durchblicken, dass Steven ihm erzählt hatte, dass da mehr gelaufen wäre zwischen Ines und mir, und wollte sich auch durch absolut nichts davon abbringen lassen. Er war sogar regelrecht empört, dass ich diesen vermeintlichen Betrug vor ihm nicht zugeben wollte, denn bei Steven hätte ich es ja auch getan.
Ich war traurig (obwohl ich rückblickend hätte sauer sein müssen, einfach weil Menners), aber zugleich spürte ich eine seltsame Freiheit. Ohne Julian gab es keine Gründe mehr, mich zurückzuhalten. Ich begann, mich selbst neu zu entdecken, und Ines war ein Teil davon.
Wir kamen zusammen.
Die Beziehung war intensiv, leidenschaftlich und chaotisch – vielleicht, weil ich zu der Zeit selbst in einer Phase des Umbruchs war. Ich war gerade erst bei meiner gewalttätigen Mutter ausgezogen und hatte angefangen, zum ersten Mal selbst zu entscheiden, wer ich sein wollte. Ich wollte diese Beziehung mit Ines und ich wollte, dass alle es wussten. Ines hingegen wollte, dass unsere Beziehung ein Geheimnis blieb. Sie hatte Angst, was die anderen sagen würden und ich verstehe das heute vielleicht besser als damals. Aber damals war es ein ständiger Konflikt.
Die Eifersucht war auf beiden Seiten allgegenwärtig. Ich war unsicher, suchte nach Halt und wollte, dass sie mich wählte – öffentlich, eindeutig. Sie wollte ihre Freiheit, wollte sich nicht festlegen lassen. Manchmal kam sie einfach nicht zu Verabredungen, ohne sich vorher zu melden, rief erst zwei Tage später an und tischte mir merkwürdige Ausreden auf.
Nach vier Monaten war es vorbei – weil mein Vater mir anzügliche SMS zeigte, die sie an ihn geschickt hatte. Kurioserweise erinnere ich mich noch genau daran, wie absurd und schmerzhaft dieser Moment war, als Papa mir sein Handy mit der SMS reichte und ich zu lesen begann, nicht aber, welcher Wortlaut in ebenjener enthalten war. Ich erinnere mich daran dass es nicht einfach eine harmlose Nachricht war, sie war eindeutig, anzüglich und sie brachte etwas ans Licht, das ich bis dahin nicht sehen wollte. Und ich erinnere mich deshalb so gut daran, weil er sagte dass das nicht das erste Mal war, dass er SMS von Ines mit derlei sexuell aufgeladenem Inhalt bekam.
Ich war schon während unserer Beziehung zeitweise irritiert über die lockere Art, wie Ines mit meinem Vater umging, konnte das aber nicht so ganz einordnen, weil auch mein Vater vom Verhalten her mehr ein Kumpeltyp statt eine väterliche Autoritätsperson war, was mir wiederum einfach unverdächtig vorkam. Es war, als ob Ines nicht nur meine Gefühle, sondern auch jede Idee von Loyalität und Respekt mit Füßen getreten hatte. Ich fühlte mich betrogen, klein und wertlos.
Dieser Verrat hat mich nachhaltig erschüttert. Er hat mir gezeigt, wie fragil Vertrauen sein kann und er hat mir auf schmerzhafte Weise klar gemacht, wie sehr ich damals von der Zuneigung anderer abhängig war. Die Beziehung mit Ines war ein Wirbelsturm. Sie war intensiv und aufregend, aber auch verletzend und zerstörerisch. Und obwohl sie nur ein paar Monate dauerte, hat sie mich für Jahre geprägt. Ich war hin- und hergerissen zwischen Wut, Eifersucht und dieser schrecklichen Unsicherheit, ob ich jemals jemandem vertrauen könnte.
Aber es kam noch schlimmer.