Bindung und Borderline-Störung

Die Bindungstheorie beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Kind und primärer Bezugsperson in den ersten Lebensjahren und den daraus resultierenden Auswirkungen für die weitere Entwicklung des Kindes. Die erste Bindung richtet sich gewöhnlich auf die Mutter und nur selten auf eine andere vertraute Person. Ob eine Bindungsperson als sichere Basis dienen kann, hängt von der Qualität der Interaktionsmuster ab, die sich zwischen Kind und Bindungsperson entwickelt haben. Daraus entsteht ein inneres Arbeitsmodell, welches sich das Kind aufgrund von Erfahrungen, die es mit seinen Eltern macht, konstruiert. Diese Arbeitsmodelle verdichten das Wissen über sich selbst und dem Bindungspartner. Dies dient zur Regulierung, Interpretation und Vorhersage von bindungsrelevanten Verhaltensweisen, Gefühlen und Gedanken.

Nachfolgend wird das Bindungsmuster nach Mary Ainsworth dargestellt, dass mit einem Bindungsmuster von Main ergänzt wurde.

Ausschlaggebend ist eine fremde Situation, ein standardisiertes Minidrama zur Erfassung frühkindlicher Bindungsverhaltensmuster. Dies wird mit ca. zwölf Monate alten Kindern und ihren Bindungspersonen in einer für sie fremden Umgebung durchgeführt und beobachtet, wie sich die kurzfristige Trennung von der Mutter in Anwesenheit einer fremden Spielpartnerin auf die Reaktion des Kindes auswirkt. Es wird die Reaktion vor, während und nach der Trennung beobachtet.

Im Muster (B), der sicheren Bindung zeigen Kinder offen ihren Kummer gegenüber ihrer Bindungsfigur. Sie suchen die Nähe, wenn die Bindungsperson den Raum wieder betritt, und sind sich sicher dass ihr Leid dann ein Ende hat. Das Kind ist leicht zu trösten und gewinnt schnell wieder an Sicherheit, aus der Nähe der Bindungsperson. Außerdem zeigt es Freude, die Bindungsperson wiederzusehen und widmet sich wieder dem Spielen.

Im Muster (A), der unsicher-vermeidenden Binddung, werden negative Gefühle gegenüber der Bezugsperson unterdrückt oder verborgen. Das Kind zeigt beim Weggang der Bezugsperson kein Trennungsleid, die Aktivität beim Spielen verringert sich kaum oder gar nicht. Bei Rückkehr der Bezugsperson wird Ignoranz und Vermeidung des Blickkontaktes angewandt, die fremde Spielperson wird nicht vermieden, sondern häufiger mit einbezogen und freundlich behandelt. Der Stresszustand des Kindes wird anhand von Messung der Hormonausschüttung und Herzratenmessung angezeigt, ist jedoch in seinem Verhalten nicht ersichtlich.

Im Muster (C), der unsicher-ambivalenten Bindung, zeigt das Kind wenige Bedürfnisse nach Exploration aufgrund dauerhafter Angst vor Trennung vor der Bindungsperson. Es ist zurückhaltend und ängstlich neuen Dingen und fremden Personen gegenüber und zeigt bei der Trennung untröstbare Verzweiflung. Bei der Wiedervereinigung mit der Bindungsperson zeigt es wenig Sicherheit, sucht Nähe und sträubt sich gleichzeitig auch dagegen, weshalb es schwer zu beruhigen ist.

Das Muster (D), die Desorganisation (erweitert von Main), definiert Kinder, die nicht in die drei vorherigen Bindungsmuster einzuordnen waren. Die Mehrzahl dieser Kinder zeigt gegenüber der Anwesenheit der Mutter ein desorganisiertes und desorientiertes Verhalten. Man kann vereinzelt zwar Auszüge aus einem der drei Bindungsmuster erkennen, jedoch werden diese durch seltsame Verhaltensweisen unterbrochen. Die Kinder haben aufgrund von verängstigenden oder selbst verängstigten Binddungspersonen keine Strategie für bedrohliche Situationen entwickeln können, in Studien mit misshandelten Kindern kann außerdem das desorganisierte Verhalten als Folge einer Traumatisierung durch die bedrohliche Bindungsperson verstanden werden.

Selbstidentität

Von großer Bedeutung beim Borderline-Symptom ist das Fehlen einer grundlegenden Selbstidentität. Wenn die Betroffenen sich selbst beschreiben, zeichnen sie typischerweise ein verwirrtes oder widersprüchliches Selbstportrait, im Gegensatz zu neurotischen Patienten, die ein viel klareres Gefühl ihrer Selbst haben. Um ihr genaues und meist negatives Selbstbild zu überwinden, suchen Borderline-Persönlichkeiten wie Schauspieler ständig nach „guten Rollen“, vollständigen „Charakteren“, die sie benutzen können, um die Identitätsleere zu füllen. Aus diesem Grund passen sie sich oft wie ein Chamäleon an die Umgebung, eine bestimmte Situation oder an die momentane Gesellschaft anderer an. […] Wenn der Kampf um das Finden einer Identität unerträglich wird, glaubt er, die Antwort liege darin, die Identität völlig zu verlieren oder eine Form des Ichs durch Schmerz oder Betäubung zu finden. Der familiäre Hintergrund der Borderline-Persönlichkeit ist oft durch Alkoholismus, Depressionen und emotionale Störungen gekennzeichnet. Oft ist die Borderline-Kindheit ein wüstes Schlachtfeld, gekennzeichnet durch die Trümmer gleichgültiger, abweisender oder fehlender Eltern, durch emotionale Vernachlässigung und chronische Ausbeutung. In den meisten Studien wurde bei vielen Borderline-Patienten ein Hintergrund starker psychologischer, körperlicher oder sexueller Ausbeutung festgestellt. Tatsächlich unterscheiden sich Borderline-Patienten durch das Erleben von Misshandlungen, von Gewalttätigkeiten oder Vernachlässigung durch die Eltern oder wichtige Bezugspersonen von Patienten mit anderen Störungen.

Diese instabilen Beziehungen werden in die Pubertät und das Erwachsenenalter übertragen, sodass die romantischen Verbindungen hochgeladen und meistens von kurzer Dauer sind. Die Borderline-Persönlichkeit bemüht sich an einem Tag verzweifelt um einen Mann (oder eine Frau), um ihn dann am nächsten Tag wieder abzuservieren. Längere Romanzen – die meistens in Wochen oder Monaten gemessen werden anstatt in Jahren – sind meistens turbulent und von Zorn, Verwunderung und Erregung erfüllt.

(Ringel, Sabine: Borderline-Persönlichkeitsstörung und Bindung, Bachelor-Arbeit, Berlin, Alice Salomon Fachhochschule, Studiengang Soziale Arbeit, 2008)

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