(Triggerwarnung: Gewalt, Misshandlung)
1993.
Ich hätte es wissen müssen. Wissen müssen, dass man den Geruch von Schmauch nicht so einfach loswird. Dass er in der Luft hängt, sich in die Vorhänge frisst, in die Möbel, und dass Mama ihn sofort riechen würde. Mama merkt immer alles. Sie merkt, wenn ein Krümel auf dem Boden liegt, sie merkt, wenn etwas aus ihrer Brieftasche fehlt, auch wenn es nur ein Pfennig ist.
Im Schlafzimmer hat Mama dieses Körbchen mit den vielen Streichholzbriefchen. Sie hat unzählige davon, aus Restaurants, Kneipen und Hotels. Ich weiß nicht, warum sie die sammelt, sie benutzt sie ja nie. Für ihre Zigaretten nimmt sie immer ein Feuerzeug. Aber ich finde die Streichhölzer faszinierend. Manche sind schwarz mit weißen Zündköpfen, die mag ich am liebsten. Ich bin acht Jahre alt und neugierig. Ich ziehe ein Streichholz raus, nur eines, und zünde es an. Die Flamme ist klein, aber sie lebt. Sie flackert und zischelt, und ich lasse sie fast bis zum Ende abbrennen, bevor ich sie auspuste. Der Qualm riecht scharf und beißend. Das Schwefelzeug aus der Schule, denke ich, so wird Feuer gemacht. Mama und Jörg kommen erst in ein paar Stunden zurück. Ich öffne das Fenster. Der Geruch wird sicher verschwinden, wenn die Luft zirkuliert. Beim Kochen klappt das ja auch immer.
Ich spiele in meinem Zimmer, als plötzlich die Tür auffliegt. Mama stürmt herein, ein Feuerzeug in der Hand. Ihre Augen sind groß, ihr Gesicht ist rot. „Hast du mit Feuer gespielt?“ schreit sie. Ich kauere mich auf den Boden, rutsche Richtung Fenster, unter den Wäscheständer. Die frischen Handtücher streifen mein Gesicht, aber sie geben keinen Schutz. Mama packt meine Hand. Ihre Finger sind fest wie Eisen, das Feuerzeug klickt. Die Flamme leuchtet auf, orange und unaufhaltsam. Sie hält sie unter meine Handfläche. „Hast du mit Feuer gespielt?“ schreit sie wieder. „Ja“, wimmere ich mit dünner Stimme. Die Hitze unter meiner Hand wird immer schlimmer. Es ist, als würde meine Haut gleich aufbrechen, und ich schreie, ich schreie so laut, aber Mama hält die Flamme weiter unter meine Hand. „Weißt du, was passiert, wenn man mit Feuer spielt?“ schreit sie. „Man verbrennt! Verstehst du das? Man verbrennt! Die Haut schmilzt und dann bist du nur noch Asche, und niemand kann dich mehr erkennen!“ Die Schmerzen sind so schlimm, dass ich kaum atmen kann. Mein Kopf ist leer, bis auf dieses eine Bild, dieses Märchen von dem Mädchen mit den Streichhölzern, das in der Kälte sitzt und ein Streichholz nach dem anderen anzündet, bis es nicht mehr kann. Ich bin dieses Mädchen, denke ich. „Das wird dich lehren!“ schreit Mama. „Das wird dich lehren, nicht mehr mit Feuer zu spielen!“
Ich kapituliere. Es gibt kein Entkommen. Kein Wasser, keine Rettung. Es ist nur Feuer und Schmerz. Ich schließe die Augen und denke ans Fliegen.
Plötzlich lässt sie los. Ich reiße meine Hand zurück, presse sie an meine Brust und renne ins Bad. Meine Hand ist schwarz, rußig. Schmauch, denke ich noch. Ich drehe das kalte Wasser auf, lasse es über meine Hand laufen, aber der Schmerz wird nicht besser. Er wird schlimmer. Ich schluchze, zittere, halte meine Hand unter den Strahl. Es fühlt sich an, als würde ich noch immer brennen.