Prolog.

Du hast mir das Leben geschenkt. Und du hast es mir fast genommen. Nicht in einem einzigen Moment, sondern in tausend kleinen Stichen. Man sagt, eine Mutter sei das Fundament eines Lebens – doch du, du warst ein Abriss.

Harald Martenstein hat in seinem Buch „Wut“ einen Satz geschrieben, der mich kurz nachdenklich gestimmt hat.

Das Kind in mir wird ihr nicht verzeihen, der Erwachsene kann es.“ *

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass auch die Erwachsene in mir dir nicht verzeihen kann und auch nicht verzeihen will – aber das muss sie auch nicht, denn meine Heilung ist nicht abhängig von dir. Ich bin mehr als das, was du mir genommen hast. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, nicht mehr davon abhängig, dass du dich entschuldigst oder Reue zeigst. So wie es für dein Fortkommen im Leben nicht von Belang ist, ob ich dir verzeihe, ist es für mein Fortkommen im Leben nicht von Belang, ob du mich um Verzeihung bittest. Es würde sowieso nichts geben, was du sagen könntest. Du hast einfach nicht mehr die Fähigkeit, etwas in mir auszulösen, was ich nicht fühlen will.

Das soll nicht heißen, dass es mich emotional nicht mehr berührt, wenn ich über die Vergangenheit nachdenke. Es macht mich immer noch wütend, wenn ich an Situationen wie jene in diesem Buch beschriebenen denke. Aber die Wut darüber ist heute eine andere, sie ist gefestigt, sie ist nicht kopflos. Ich hatte in den letzten 20 Jahren sowieso nie ein Familiengefühl, ich wusste, du bist meine Mutter, aber die Gefühle zu dir gingen über das Bewusstsein, in einem familiären Verhältnis zueinander zu stehen, nicht hinaus. Ich habe einfach keine emotionale Bindung (mehr) zu dir. Trotzdem habe ich so lange gedacht, dass der Schlüssel zu meinem Frieden darin liegt, dir zu vergeben. Dass ich erst dann frei sein kann von allem, was du mir angetan hast, wenn ich dir diese Vergebung schenke. Doch ich lag falsch. Ich kann in dieser Sache niemals Frieden finden – erst recht nicht durch dich. Ich erinnere mich an die Schreie. An die Wut in deinen Augen, an deine Hände, die niemals zögerten, wenn sie mich treffen wollten. Ich erinnere mich an die Angst, wie ich nachts im Bett lag und betete, dass du nicht in mein Zimmer kommst. Wie ich versuchte, deinen Blicken zu entkommen, deinen unerreichbaren Erwartungen, deinem unausgesprochenen Hass.

Wie soll man mit diesen Erinnerungen Frieden finden?

Du hast gesagt, ich sei das Problem. Dass ich zu unartig bin, zu laut, zu eigenwillig. Störrisch, nicht zu bändigen, schwierig. Aber du warst die Erwachsene. Du warst diejenige, die Schutz geben sollte – und sich hätte Hilfe suchen können, wenn sie denn tatsächlich merkte, dass sie ihr Kind „nicht bändigen“ kann. Stattdessen hast du mich zu deinem Blitzableiter gemacht, zu deinem Ventil für eine Wut, die ich nie verstehen konnte. Ich habe Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass es nicht an mir lag, dass ich als Kind keine Chance hatte gegen das, was du mit dir selbst ausgetragen hast. Du hast gesagt, ich sei nicht liebenswert, doch ich habe Menschen gefunden, die mich lieben.
Du hast gesagt, ich sei nicht stark genug, doch ich bin stärker, als du es je sein könntest.

Es gibt so viele Dinge, die ich dir in den letzten acht Jahren sagen wollte, in denen wir keinen Kontakt mehr hatten. Worte, die sich in meinem Kopf aufgestaut haben, die niemals ihren Weg zu dir gefunden haben. Zum Beispiel meine Irritation darüber, dass (oder wieso?) du unseren Kontakt wieder hast einschlafen lassen – bis daraus eine Irritation wurde, wieso ich den Kontakt überhaupt all die Jahre wollte, denn was hatte ich schon bei dir zu suchen, was du mir nicht geben konntest? Wieso habe ich all die Jahre geglaubt ich wäre in der Position, um deine Aufmerksamkeit buhlen zu müssen?

Du hast auch mal gesagt, du hast dein Bestes gegeben als alleinerziehende Mutter mit wenig Geld und einem saufenden Lebensgefährten, aber wie viel Wert hat diese Aussage, wenn dein Bestes mir Wunden zugefügt hat, die ein Leben lang Narben hinterlassen, wenn du zugelassen hast, wie er mir Wunden zufügt? Wie kann eine Mutter, die so gnadenlos mit ihrem eigenen Kind umgeht, sich selbst einreden, dass sie ihr Bestes getan hat? Dein „Bestes“ war, mir beizubringen, dass Liebe und Schmerz Hand in Hand gehen. Dass Schreie und Schläge dasselbe sind wie Zuneigung. Dass ich klein und still sein musste, um überhaupt einen Platz in deinem Leben zu haben. Aber das ist keine Liebe, das ist Zerstörung.

Ich habe mich selbst aus den Trümmern deiner Erziehung herausgezogen. Habe mir selbst beigebracht, dass ich es wert bin, respektiert und geachtet zu werden. Nicht durch dich, sondern trotz dir. Und das ist mein Sieg. Nicht, dass ich dir vergeben habe, sondern dass ich dich loslassen konnte, ohne dir vergeben zu müssen.

Du hast mich gelehrt, hart zu sein – nicht, weil du eine gute Lehrerin warst, sondern weil ich keine andere Wahl hatte. Deine Gewalt hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Und nein, das sage ich nicht aus Dankbarkeit. Ich sage das, weil ich weiß, dass Stärke oft aus Schmerz entsteht. Aber die Stärke, die ich heute habe, gehört nicht dir. Sie gehört mir allein. Ich habe gelernt, mich zu lieben, obwohl du mich nicht geliebt hast.

Das ist ein kleines Stück Frieden, das ich gefunden habe.

* Martenstein, Harald: Wut, Ullstein Hardcover, 1. Edition (Februar 2021), Seite 8

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